Kollektivität im Tanz Die Möglichkeiten des Zusammenseins

„Experience #1“ von Isabelle Schad
„Experience #1“ von Isabelle Schad | Foto (Ausschnitt): Kailai Chen

Mit ihren Daten- und Verkehrsströmen schafft die Gegenwart neue Formen von Gemeinschaft. Zeitgenössische Choreografen greifen sie auf und fragen nach dem Wesen des Zusammenseins.

Immer schon prägt das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft die Kunst. Zurzeit wird dieser Diskurs auf besondere Art und Weise aufgegriffen: Aus dem autonomen Subjekt der Moderne haben die Netzwerke, Daten- und Verkehrsströme der globalisierten Welt unversehens ein Kollektivwesen geformt. Kommunikations- und Verkehrsmittel schaffen vollkommen neue Formen permanenter – und zugleich temporärer – Gemeinschaft.

Singularität ist so zum Ausnahmezustand geworden, der Anschluss an diverse Formen der Gemeinschaft – sei es nun bei Twitter oder Facebook, in der U-Bahn oder im Flugzeug – zur Regel. Kein Wunder, dass sich derzeit so viele Künstlerinnen und Künstler mit der Frage befassen, was es eigentlich heißt, in Gemeinschaft zu sein oder eine Gemeinschaft zu bilden, und sich mit den Möglichkeiten des Miteinanderseins und -arbeitens auseinandersetzen. Choreografie als Organisation von Körpern in Raum und Zeit erscheint dabei besonders prädestiniert dafür zu sein, um aktuelle Fragen nach den Formen und Möglichkeiten von Gemeinschaft zu verhandeln. Zudem sind gerade im Tanz Arbeitsweise und Gegenstand kaum voneinander zu trennen, sind Tanzproduktionen doch stets Resultat einer Zusammenarbeit. In den letzten Jahren haben – nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen – kleinformatige Stücke wie Soli und Duette die Bühnen beherrscht. Doch heute streben zeitgenössische Choreografen wieder die Gruppe an. Sie verhandeln nicht mehr allein Fragen des Individuums, sondern auch solche des Zusammenseins.

Neue Dynamiken

So kann das Projekt Experience #1 der Berliner Choreografin Isabelle Schad als angewandte Schwarmtheorie beschrieben werden: Anfangs bilden 26 Tänzerinnen und Tänzer einen Berg aus Leibern, aus dem sich erst einzelne Glieder, dann einzelne Körper herausschälen, die sich aufrichten und in den Raum schwärmen. Einzelne Tänzer setzen neue Bewegungsimpulse, die rasch von den anderen aufgegriffen, wiederholt und variiert werden. Ihr Miteinandersein nimmt die Form einer fortlaufenden Bewegung an, die einfachen Mustern folgt, jedoch den einzelnen Tänzern auch Raum für Improvisation bietet. Die Tänzer teilen Bewegungsimpulse und -qualitäten, es entsteht das Bild eines Schwarmes, eines organischen Strömens, bei dem alle Tänzer einen gemeinsamen Körper ausbilden, aus dem einzelne Zellen heraustreten, um neue Bewegungsformen und -dynamiken anzustoßen und sich wieder einzufügen.

Neue Gemeinschaftsbildungen

Auch Laurent Chétouanes Sacré sacre du Printemps erprobt neue Formen von Gemeinschaft: In Auseinandersetzung mit Le Sacre du Printemps von Igor Strawinsky und Waclaw Nijinsky sucht er, ein neues Ende für die bekannte Geschichte des Frühlingsopfers zu finden. Farbpunkte und -linien in den Gesichtern der Tänzer erinnern an die archaischen Aspekte von Le Sacre du Printemps, aus den volkstümlich anmutenden Kreistänzen werden Spiralen, und die Tänzer überformen die Erinnerung an Nijinskys Choreografie. Durch ihre Blicke beziehen sie auch das Publikum ein in die neue, im Theater entstehende Gemeinschaft. Schließlich fügt Chétouane dem Stück ein neues Ende hinzu, indem die Fremde nicht geopfert wird, aber auch nicht integriert – was bedeuten würde, das Fremde aufzuheben, zu eliminieren. Vielmehr bleibt es als Fremdes bestehen. So erhält der Tanz eine utopische Dimension, in der Bewegung wird das Bild einer neuen Gemeinschaft entworfen.

In ihren Verhandlungen und Entwürfen einer Gemeinschaft streben Isabelle Schad wie Laurent Chétouane gerade nicht die Aufhebung des Individuums in einer Gemeinschaft an, deren Sinnstiftung Individualität ersetzt und überformt. Sie erproben vielmehr ein Bestehen-Lassen des Einzelnen in der Gruppe und entwerfen so ein komplexeres Modell der Kollektivität, das gewissermaßen aus Strömungen besteht: aus Zuflüssen zur Gruppe und gelegentlichen Abzweigungen in die Vereinzelung. Gemeinschaft wird so zu einem temporären Zustand, sie ist prozessual. Folgerichtig sind ihre Außengrenzen durchlässig, und in ihrem Inneren herrscht keine Homogenität, sie ist offen für Einflüsse und Veränderungen.

Neue Formen

Theoretisch unterfüttert wird dieser Diskurs des Singulären im Pluralen von zeitgenössischen Philosophen wir Jean-Luc Nancy, Giorgio Agamben und Maurice Blanchot. Auf diese bezieht sich auch Richard Siegal in seinem Langzeitprojekt co-Pirates, das seit 2010 während einer dreijährigen Residenz im Münchner Muffatwerk entsteht. In einer Reihe von lokalspezifischen Editionen reißt er die vierte Wand ein und öffnet den kollektiven Prozess des Tanzens für soziale, politische und kulturelle Gruppen wie Volkstanzformationen und Occupy-Chöre. Sie teilen ihr spezifisches Wissen mit den anderen, in der Weitergabe wird es unmittelbar mit anderem Wissen verknüpft. Es entsteht eine Gemeinschaft, die den temporären und kontingenten Online-Netzwerken ähnelt, ihre Strategien des Teilens aufgreift und sie ins Theater zurückbringt. Dort entsteht ein höchst lebendiges Ereignis zwischen Performance und Show, Diskurs und Disco. Auch bei Sacré sacre du Printemps gibt es diesen Gestus des Zeigens und Teilens, Tänzer präsentieren sich hier Bewegungen, wiederholen sie und eignen sie sich an. So kehrt die Praxis des Teilens aus dem virtuellen Raum zurück in den Realraum der Bühne. Wissenstransfer, Choreografie und Kollektivität bilden so die Achsen jener Auseinandersetzung, mit der zeitgenössische Choreografen der Globalisierung zu Leibe rücken.