Performativität „How to Do Things With Art“ – im Dickicht der Handlungen

Ausschnitt aus dem Cover von Dorothea von Hantelmanns „How to Do Things With Art. Zur Bedeutsamkeit der Performativität von Kunst“
Ausschnitt aus dem Cover von Dorothea von Hantelmanns „How to Do Things With Art. Zur Bedeutsamkeit der Performativität von Kunst“ | © Zürich: diaphanes 2007

Kaum ein Begriff ist in den letzten Jahren so rasch und so flächendeckend in Umlauf gekommen wie „Performativität“. Doch wie so häufig im Feld der Begriffe und Konzepte bleibt die genaue Bedeutung oftmals unbestimmt.

Ob im Bereich des Managements und der Volkswirtschaft, in den Theater- und Tanzwissenschaften, in der Kunstkritik oder der Soziologie: Stets muss man überlegen, was eigentlich gemeint ist, wenn etwas als „performativ“ bezeichnet wird oder wenn, noch allgemeiner, von „Performance“ die Rede ist. Denn das kann sich ebenso gut auf die Quartalsbilanz eines Dax-Unternehmens beziehen wie auf eine Theatervorstellung oder einen wissenschaftlichen Vortrag. Nicht, dass es an Fachliteratur zu „Performativität“ mangelte. Ein Buch, das bereits 2007 beim Züricher Verlag diaphanes erschienen ist, schlägt aber ganz besonderen Gewinn aus dem Begriff der Performativität.

Kunst als Handlungsmacht

In ihrer Studie How to Do Things With Art. Zur Bedeutsamkeit der Performativität von Kunst entwickelt die Kunsthistorikerin Dorothea von Hantelmann einen ebenso fundierten wie weitreichenden Analyseansatz zur Betrachtung moderner und zeitgenössischer Kunst, vor allem der Kunst der europäisch-amerikanischen Nachkriegsmoderne. Das Performative liest sie dabei als neuartiges Instrument einer kritischen Kunstpraxis, die nicht so sehr im Sinne der Avantgarden den Bruch mit dem Vorhandenen sucht, sondern die Wirksamkeit von bestehenden Strukturen der Kunst und ihrer Institutionen analysiert und gleichsam mit ihren eigenen Mitteln schlägt.

„Sagen“ und „Tun“

Der Begriff des Performativen ist in der Sprachwissenschaft entstanden und beschäftigt sich mit dem Phänomen, dass die Sprache nicht nur eine darstellende oder kommunikative Funktion hat, sondern auch handeln kann. Mit Aussagen wie „Ich schwöre“ oder „Sie sind verurteilt“ wird nicht nur ein Sachverhalt beschrieben, sondern er wird zugleich und vor allem hergestellt. Diese Handlungsmacht von Sprache dient Hantelmann als Ausgangspunkt für die weitere Analyse dessen, was die Sprache an Realitäten zu erschaffen vermag. Denn mit der Soziologin und Gender-Wissenschaftlerin Judith Butler ist diese Fähigkeit der Sprache, zu tun, anstatt bloß zu sagen, zugleich ein gesellschaftliches Handlungsfeld, bestimmt von Konventionen und Regeln. Die sind aber dem einzelnen Sprecher gar nicht bewusst. Dass wir als Sprechende fortwährend Dinge erschaffen, ist ein Tatbestand, aus dem niemand herauskommt. „Als ‚performativ‘ bezeichnet Butler ein Handeln, das Realität setzt, aber gerade nicht kraft der Absicht eines Individuums, sondern weil es sich aus Konventionen herleitet“, fasst von Hantelmann zusammen.

Für ihre weiteren Untersuchungen zur Gegenwartskunst, denen die vier Kapitel ihres Buches gewidmet sind, wendet von Hantelmann dieses Modell der Handlungsmacht auf die Kunstwerke selbst an. Es geht darum, weniger die ästhetischen Kategorien wie die Form, das Medium oder die Anmutung in den Mittelpunkt der Betrachtung und der Kritik zu stellen, um stattdessen zu fragen, wie das Kunstwerk im Rahmen der Konventionen „handelt“. „Das Modell der Performativität ... rückt die Konventionen ihrer Produktion, Präsentation, Rezeption ins Zentrum, [es] zeigt, wie diese Konventionen von jedem einzelnen Kunstwerk mit produziert werden und wie sich gerade daraus Möglichkeiten ihrer Veränderung ableiten lassen.“ Die zahlreichen Strömungen einer immanenten Kritik am Status des Kunstwerks – wie etwa Konzeptkunst, Fluxus, Minimal Art – hatten zwar die Materialität des Kunstwerks hin zu einem mehr intellektuellen Verfahren verändert, das Ideen inszeniert, anstatt ästhetische Objekte zu schaffen, so waren sie doch im Modus des Musealen verhaftet. Deshalb, so von Hantelmanns Befund, mussten die kritischen Ansätze letztlich folgenlos bleiben: Sie bestätigten nur die institutionelle Macht von Museum, Markt und Kunstgeschichte.

Körper im Museum

How to Do Things With Art zeigt diese Zusammenhänge an den Beispielen von James Coleman, Daniel Buren, Tino Sehgal und Jeff Koons auf, allesamt renommierte Künstler, deren Erfolg am Markt unbezweifelt ist. Gleichwohl verweist ihr Werk, jeweils in unterschiedlicher Weise, auf einen Funktionszusammenhang, der Kritik erlaubt, ohne sich in eine Art Hilflosigkeit zu manövrieren. Deswegen ist der Band noch von großer Aktualität.

Als langjährige Beobachterin der künstlerischen Karriere von Tino Sehgal widmet von Hantelmann einen umfangreichen Abschnitt der Analyse von dessen Ansatz. Er besteht darin, die materielle Beschaffenheit eines Kunstwerks zu reduzieren und nur noch in lebendiger Interaktion bestehen zu lassen. Sehgals körperbasierte Arbeiten – die übrigens fälschlicherweise oft als „Performances“ bezeichnet werden – bedienen alle Konventionen des Kunstbetriebes, bis auf eine: die materielle Erscheinung und Fixierbarkeit. Weil Sehgals Arbeiten immer nur an ganz bestimmten musealen Orten und immer nur mit der körperlichen Anwesenheit von Darstellern entwickelt und gezeigt werden, haben sie keine andere Seinsweise als die des Sich-Selbst-Herstellens. Sie mögen erinnert werden oder beschrieben oder nachempfunden. Sie sind aber niemals außerhalb ihrer Selbst-Verwirklichung zu haben. Damit, so von Hantelmann, vermag es der Künstler, gerade jene Handlungsmacht der Kunst zu unterstreichen, gegen die immer wieder mit mehr oder weniger hilflosen Mitteln der Kritik polemisiert worden ist. Doch anstatt diese „Konventionen“ unterlaufen zu wollen, transformiert sie Sehgal und macht sie sich zunutze, um einen neuen Werkbegriff vorzuschlagen, der eben gerade auf dem Performativen gründet – der Fähigkeit und dem Potenzial, sich selbst herzustellen innerhalb eines Rahmens, der selbst immer schon handelt.

Dorothea von Hantelmann: „How to Do Things With Art. Zur Bedeutsamkeit der Performativität von Kunst“. Zürich: diaphanes 2007