Van Manen, Madsen und Neumeier Drei Meister und drei Gründe zum Feiern

„Nijinsky“, Ballett von John Neumeier (2000), Hamburg Ballett
„Nijinsky“, Ballett von John Neumeier (2000), Hamburg Ballett | Foto (Ausschnitt): Holger Badekow

Hans van Manen, der Meister des Kammerballetts, wurde am 6. Juli 2012 80 Jahre alt. Pünktlich zum 70. Geburtstag des Charaktertänzers Egon Madsen erschien eine Biografie. 40 Jahre nach seinem Amtsantritt in Hamburg ist John Neumeier seit 2012 dienstältester Ballettdirektor Deutschlands. Alle drei gehören seit Jahrzehnten zu den einflussreichsten Künstlern der deutschen Ballettszene – und wurden 2012 von der Tanzszene gefeiert.

Hans van Manen – Meister der kleinen Form

Zum 80. Geburtstag gratulierte das Het Nationale Ballet Amsterdam van Manen mit einer Gala. Kein Choreograf hat die abstrakte Neoklassik George Balanchines so eigenständig weiterentwickelt wie van Manen. Rund 120 Kurzballette hat er komponiert. Inspirieren lässt er sich von Bach und Beethoven bis hin zu Zeitgenossen wie John Adams und Witold Lutosławski, aber auch Piazzolla (Fünf Tangos, 1977) und Nina Hagen (In and Out, 1983). Kühle Distanz paart sich mit Eleganz, Menschlichkeit und Witz. Wegen seiner klaren Strukturen und des schnörkellosen Raffinements von Raumnutzung und Körpersprache wird van Manen auch als Mondrian des Tanzes bezeichnet. Entsprechend ergänzt sein langjähriger Bühnenausstatter Keso Dekker die strengen Bewegungsmuster oft mit schraffierten Rückprospekten und Trikots in klaren Farben.

1932 ist van Manen in Nieuwer Amstel als Sohn eines Holländers und einer Deutschen geboren. Als 19-Jähriger begann er zu tanzen. Er war beim Amsterdamer Opernballett und bei Roland Petit in Paris engagiert. 1961 schloss er sich dem Nederlands Dans Theater an, das er bis 1969 leitete. Nach dem Bruch ermutigte er sich mit der Choreografie Keep Going (1971) für das Ballett der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg. Internationale Engagements, Einstudierungen seiner Ballette und Ehrungen folgten. Besonders eng ist heute die Zusammenarbeit mit Martin Schläpfer, dem Direktor des Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg. Er sagt: „Ich studiere van Manens Werk, um herauszufinden, was er weglässt.“

Egon Madsen – unermüdlicher Charaktertänzer

Pünktlich zum 70. Geburtstag erschien im August 2012 die sorgfältig recherchierte, lebendig und mit Fachkompetenz geschriebene Biografie Egon Madsen – Ein Tanzleben der Hamburger Kulturjournalistin Dagmar Ellen Fischer. Das Cover zeigt Madsen in dem Solo Dear John (2010), einer Hommage auf John Cranko von Eric Gauthier. „Cranko hat mich aufgebaut“, erinnert sich der Ballerino. Er wurde einer der vielseitigsten, populärsten Solisten des Stuttgarter Balletts. John Neumeier kreierte für den Dänen seinen ersten Hamlet (Der Fall Hamlet, 1976) und den Armand in der Kameliendame (1978). Er schätzt vor allem dessen natürliche Art von Spiel und Tanz.

1981 nahmen Madsen und seine Bühnen- und Lebenspartnerin Lucia Isenring Abschied von Stuttgart. Als Ballettdirektor in Frankfurt, Stockholm und Florenz sei er Hans van Manen stets „mit großem Respekt“ begegnet, berichtet Madsen. Getanzt hat er nie etwas von ihm. Jiri Kylian engagierte ihn 2000 für die Seniorenformation NDT III des Nederlands Dans Theater. Madsen leitete sie bis zu ihrer Auflösung 2005. Noch heute kehrt er immer wieder in die württembergische Wahlheimat zurück. Er ist Coach von Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart und tanzt in Choreografien von Christian Spuck (Don Q., 2007) und Gauthier (M.M., 2009 und Dear John). Auf der Bühne des Württembergischen Staatstheaters steht er als Hexe Madge in La Sylphide. Ballettintendant Reid Anderson bringt das Phänomen Madsen auf den Punkt: „Ein echtes Bühnentier.“

Neumeier – ein Tanzimperium an der Alster

Kaum ein Hanseat kannte ihn, als August Everding den jungen Tänzer und Choreografen 1973 als Ballettdirektor an die Hamburgische Staatsoper berief. Heute ist Neumeier Ehrenbürger und „König von Hamburg“, wie Marcia Haydée ihn launig titulierte. An der Alster hat er ein veritables Imperium aufgebaut: Das Ballett ist längst eine eigenständige Sparte mit Neumeier als Intendant. Seit 1973 leitet er das von ihm gegründete Ballettzentrum John Neumeier. Dort studieren Kinder und Jugendliche aus aller Welt klassisches Ballett. Eine öffentliche Schule und ein Internat sind angeschlossen. Ebenfalls in dem ehemaligen Schulkomplex untergebracht sind ein Trakt für Verwaltungs- und künstlerische Mitarbeiter sowie Probenräume für die Kompanie und das Bundesjugendballett. Mit der Gründung der achtköpfigen Truppe junger Tänzer im Frühjahr 2012 gelang Neumeier ein wichtiger Schritt hin zu einer eigenen Juniorkompanie. Bleibt nur noch die Überführung von Neumeiers einzigartiger Tanz-Sammlung mit der weltweit wohl größten Dokumentation des Werks von Waslaw Nijinsky in ein öffentliches Museum.

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht aber weiterhin Neumeiers Arbeit als Choreograf. Seine neoklassischen Handlungsballette (zuletzt Liliom, 2012), die sinfonischen Ballette – etwa auf die Musik von Gustav Mahler – und Choreografien sakraler Werke wie Bachs Matthäus-Passion (1980) und Mozarts Requiem (1991) begeistern das heimische Publikum ebenso wie das auf Tournéen.