Tanzmedizin Medizinische Versorgung von Tänzern

Tanzspezifisches Muskelfunktionskettentraining in der GYROTONIC-Methode an der Pulley Tower Combination Unit. Foto: Bernd Gahlen, www.filmsache.de
Tanzspezifisches Muskelfunktionskettentraining in der GYROTONIC-Methode an der Pulley Tower Combination Unit | Foto (Ausschnitt): Bernd Gahlen

Im Kompetenzzentrum Tanzmedizin „medicos.AufSchalke“ in Gelsenkirchen sind die medizinische Versorgung, Prävention und Rehabilitation ganz auf die Bedürfnisse von Tänzern ausgerichtet.

Tänzer beschenken uns mit ihrer Kunst. Sie bringen starke Emotionen, Dramatik, Innigkeit und Schönheit zum Ausdruck. Was wir Zuschauer, allzu häufig aber auch die Tänzer selbst, dabei übersehen: Tänzer sind auch Hochleistungssportler. Für Hochleistungssportler ist eine bedarfsgerechte medizinische und therapeutische Unterstützung seit langem selbstverständlich. Tänzer werden vor allem als Künstler wahrgenommen. Dabei geraten jedoch sowohl der Höchstleistungsaspekt als auch die Notwendigkeit von ausreichenden Erholungsphasen leicht aus dem Blickfeld. Bei Tänzern und Ausbildern fehlt allzu häufig das Bewusstsein für die enormen körperlichen Be- und Überlastungen. Sie verdienen und brauchen die gleiche Zuwendung, die gleichen Ruhepausen und vor allem die gleiche bedarfsgerechte medizinische Betreuung wie alle anderen Sportler auch. Tanzmedizin hat sich als Spezialgebiet der Medizin herausgebildet und beschäftigt sich mit der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung tanzspezifischer Erkrankungen.

Statistiken bestätigen, dass Arbeitsunfälle im Tanz kontinuierlich zunehmen. 72 Prozent der professionellen Tänzer erleiden im Laufe ihrer Karriere durch eine hohe Rate an Arbeitsunfällen und Überlastungsschäden bleibende körperliche Beeinträchtigungen. Nicht nur in der Akutbehandlung und Rehabilitation, auch in der Prävention besteht für die medizinisch-therapeutische Versorgung professioneller Tänzer in Deutschland großer Handlungsbedarf. Das Kompetenzzentrum Tanzmedizin ist seit 2009 dem ambulanten Rehazentrum medicos.AufSchalke in Gelsenkirchen angegliedert. Ein Expertenteam aus Fachärzten und speziell geschulten Therapeuten arbeitet hier in der medizinischen Tanz-Rehabilitation Hand in Hand.

Optimale Therapie und Erhalt der physischen Fitness

Durch Verletzungen sind Tänzer nicht nur über Wochen und Monate arbeitsunfähig, sie verlieren in dieser Zeit häufig auch ihre physische Fitness und Muskelmasse. Bereits durch eine vierwöchige Ruhigstellung bildet sich die Muskelmasse um 25 Prozent zurück. Darüber hinaus ist der psychische Druck, unter dem Tänzer während einer Verletzungspause leiden, enorm hoch. Der Konkurrenzdruck ist bei Tänzern ohnehin groß. Wer in einer Produktion eine Rolle bekommt, hat wieder für ein paar Monate ein gesichertes Auskommen. Jahresverträge sind insbesondere in der freien Tanzszene, der heute etwa zwei Drittel der Tänzer in Deutschland angehören, ein seltener Luxus. Wenn diese Verträge dann verletzungsbedingt in Frage stehen, erhöht sich der Druck. Oft ist darüber hinaus nach Verletzungen – der überaus hohen Selbstmotivation der Tänzer zum Trotz – unklar, ob die volle Belastbarkeit wieder hergestellt werden und der Tänzer in seinen gewohnten Arbeits- und Bühnenalltag zurückkehren kann.

Am spezifischen Bedarf von Tänzern orientierte Rehabilitationsmaßnahmen, wie zum Beispiel das Pilates-Gerätetraining oder die „Gyrotonic“-Trainingsmethode, haben gezeigt, dass Tänzer mit der entsprechenden Unterstützung deutlich schneller wieder auf die Bühne zurückkehren. „Die medizinische Versorgung professioneller Tänzerinnen und Tänzer in Deutschland lässt sich deutlich verbessern. Wir verzeichnen eine sichtbare Verkürzung der Therapiezeit“, bestätigt Dr. Elisabeth Exner-Grave, Leiterin des Kompetenzzentrums Tanzmedizin in Gelsenkirchen. „Diese Verkürzung mindert auch die Kosten für das Gesundheitssystem“, versichert die Tanzmedizinerin. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, Tänzern in der medizinischen Versorgung den Status von Hochleistungssportlern zu geben. Tanzmedizinische Rehabilitation bedeutet nicht nur eine optimale Therapie für die verletzten Partien, sie sorgt auch für die Erhaltung der physischen Fitness außerhalb des Verletzungsgebietes und geht gezielt auf mögliche Tanztechnikfehler ein. Solche spezifischen und umfassenden Maßnahmen werden aber von den Krankenversicherungen noch nicht oder nur eingeschränkt übernommen, da Tänzer noch immer nicht den Status eines Hochleistungssportlers genießen. Auch an interdisziplinärer Kompetenz für eine qualifizierte medizinische Versorgung der Tänzer mangelt es in Deutschland. Infolgedessen verlängern sich ihre Ausfallzeiten und gefährden die berufliche Reintegration. Darüber hinaus ist ein umfassendes Rehabilitationsprogramm auch eine mentale Stütze für verletzte Tänzer.

Gesundheit im Tanz braucht eine Stimme

Dem Ziel, die Situation von Tänzern langfristig zu ändern, hat sich auch eine Organisation verschrieben, die die Anliegen aus Tanz und Medizin vereint. Der Verein „Tanzmedizin Deutschland“, kurz tamed, setzt sich seit Jahren dafür ein, über die tägliche Realität der Tänzer aufzuklären und die medizinisch-therapeutische Versorgung zu verbessern. Deshalb richtet sich tamed ebenso an die breite Öffentlichkeit wie an die Tanzwelt. Die Organisation, die den Begriff Tanzmedizin geprägt hat, möchte über die Situation von Tänzern aufklären. Oberstes Anliegen von tamed ist die Gesunderhaltung von Tänzerinnen und Tänzern. Erst wenn die enormen Belastungen und Risiken, denen sich Tänzer täglich aussetzen, ihnen selbst und ihrem Publikum bewusst sind, kann ihre Gesundheit frühzeitig und dauerhaft bewahrt werden. Viele namhafte Tänzer und Pädagogen unterstützen die Arbeit von tamed und sind für dieses Netzwerk für Tanzmedizin aktiv.