Pina-Bausch-Archiv „Zukunftswerkstatt“ für das Tanztheater Wuppertal

„Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“, Ein Stück von Pina Bausch, Tänzer: Ensemble, April 2002; © Ursula Kaufmann
„Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“, Ein Stück von Pina Bausch, Tänzer: Ensemble, April 2002 | Foto (Ausschnitt): © Ursula Kaufmann

46 Stücke hat Pina Bausch (1940–2009) für das Tanztheater Wuppertal choreografiert. Um sie zu erhalten, entsteht in Wuppertal bis Mitte 2013 für 1,4 Millionen Euro ein Archiv. Getragen wird es von der Pina-Bausch-Foundation.

Salomon Bausch, Sohn von Pina Bausch und Gründer der Stiftung, nennt dasArchiv eine „Zukunftswerkstatt“. Es soll ein Ort werden, an dem „dieMaterialien zugänglich sind, um sie zu erforschen, mit ihnen zu arbeitenund Neues zu entwickeln“. Bausch erinnert sich: „Pflege und Gebraucheines Archivs gehörten von Anfang an zur Arbeit meiner Mutter. Seiteinigen Jahren verfolgte sie mit mehreren Tänzern und Mitarbeitern diesystematische Erschließung des gewachsenen Bestandes, insbesondere dervielen tausend Videoaufzeichnungen. Sie legte genau fest, was alles indas Archiv gehört, und welche Struktur es haben soll.“ So verstehe essich von selbst, dass sich die Pina-Bausch-Foundation der weiterenArbeit am Archiv verschrieben habe. Finanzielle Zuschüsse gewähren dieKulturstiftung des Bundes, das Land Nordrhein-Westfalen und eine privateStiftung.

„Spuren eines vergangenen Ereignisses“

MarcWagenbach, der langjährige Archivar, beschreibt die Bestände als„Spuren eines vergangenen Ereignisses auf der Bühne, Dokumentationeneiner Aufführung“. Videos und persönliche Erinnerungen der Tänzer sindfür die authentische Wiedereinstudierung früherer Stücke oder beiUmbesetzungen schon immer Teil der gemeinsamen Arbeit der mittlerweiledrei Generationen. Anders als zum Beispiel Martha Graham dachte PinaBausch nie monopolistisch. Sehr einfühlsam setzte sie allmählichAlternativ-Besetzungen durch. So tanzte Helena Pikon im Wechsel mit ihrdie Schlafwandlerin in Café Müller. Andrey Berezin hat die Rolle des Weisen in Frühlingsopfer von Lutz Förster übernommen, Pablo Aran Gimeno den Part von Dominique Mercy in Agua. Bausch studierte Orpheus und Eurydike mit dem Ballett der Pariser Oper ein. Seit Ende 2010 ist auch Frühlingsopfer im Repertoire des Ballet de l’Opéra de Paris. Kontakthof erarbeiteten ehemalige Tänzerinnen mit Senioren und mit Teenagern.

DominiqueMercy, Bausch-Tänzer seit 1973, wurde nach dem plötzlichen Tod derPrinzipalin gemeinsam mit Bauschs persönlichem Referenten Robert Sturmzum künstlerischen Leiter der Tanztheater Wuppertal Pina Bausch GmbHberufen. Beide gehören auch dem Stiftungsbeirat an. Das Interesse istweltweit nach wie vor ungebrochen. So feierten 26.000 Zuschauer dieCompagnie bei ihrem jüngsten Gastspiel in London. Als Herzstück desKulturprogramms der Olympischen Sommerspiele 2012 World Cities präsentierte die Compagnie innerhalb von 30 Tagen zehn derCo-Produktionen mit Metropolen und Regionen in aller Welt. Es war dasletzte und größte Projekt, das Pina Bausch auf den Weg gebracht hatte.

Neueinstudierungen, Wiederaufnahmen – und „etwas ganz Neues“

Injeder Spielzeit studiert das Ensemble in Wuppertal mindestens ein Stückein, das längere Zeit nicht zum aktiven Repertoire gehörte. Im vorigenJahr war es Two Cigarettes in the Dark von 1985. In dieser Saison wird das Korea-Stück Rough Cut von 2005 wieder aufgenommen. Zum ersten Mal seit der Japan-Tournee 1993 soll Ende April 2013 außerdem Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört von 1984 in Wuppertal zu sehen sein. Mercy unterstreicht: „Wuppertalwar, ist und wird immer unser Zuhause bleiben. Wir wohnen alle hier.Anders könnte unser Probenalltag gar nicht funktionieren.“

Diekonkrete Planung reicht momentan bis 2015. Sieben Stücke pro Spielzeitzeigt die Compagnie in jeweils kurzen Blöcken von drei bis vierVorstellungen im Opernhaus Wuppertal. Mehrere internationale Reisenergänzen diese Auftritte. „Gastgeber und Freunde in aller Welt haltenuns die Treue und laden uns weiterhin ein“, sagt Mercy. So gastieren dieTänzer in ihrer 39. Spielzeit zwischen New York und Peking. Zum erstenMal überhaupt treten sie im Moskauer Bolschoi-Theater auf. Anlass istdie 100. Wiederkehr der Uraufführung von Le Sacre du Printemps. Pina Bauschs Frühlingsopfer gilt als eine der eindrucksvollsten Interpretationen des russischen Märchens auf Igor Strawinskys Musik.

Aber Skeptiker sind nicht zufrieden. Sie fürchten eine „rein musealeVerwaltung von Pina Bauschs Erbe“ und sehen eine Zukunft für dasTanztheater nur, wenn die Compagnie auch eigene Stücke herausbringt.Dies ist für die Spielzeit 2013/14, zum 40-jährigen Bestehen, geplant.

Pina-Bausch-Archiv und die Folgen

Vonder Eröffnung des Pina-Bausch-Archivs erwarten Tanzschaffende in allerWelt Inspiration für die eigene Arbeit. Spuren der Folkwang-Traditionsind in Deutschland, trotz der insgesamt prekären Lage des Tanzes,deutlich sichtbar. Neben dem Folkwang-Tanzstudio in Essen pflegenBremen, Kassel und Bielefeld Technik und Tradition. In Bremen wurdekürzlich Reinhild Hoffmanns Callas 30 Jahre nach der Uraufführungwieder aufgeführt. Als Nachfolger von Urs Dietrich begann dort geradeSamir Akika mit seiner Truppe Unusual Symptoms sein Engagement. InKassel leistet Johannes Wieland, Folkwang-Absolvent mit jahrelangerTätigkeit in New York, sehr originelle Tanztheater-Arbeit. In Bielefelderarbeitet der Schweizer Gregor Zöllig seine Choreografien nach PinaBauschs Vorbild immer gemeinsam mit den Tänzern. Zu Gast bei ihm warenüberdies gerade drei ehemalige Leiterinnen des Folkwang-Tanzstudios miteigenen Choreografien: Reinhild Hoffmann, Susanne Linke und HenriettaHorn.