Neustarts an HAU und Mousonturm Der Tänzer als Forscher und Spieler

Jérôme Bel „Disabled Theater“; © Michael Bause
Jérôme Bel „Disabled Theater“ | Foto (Ausschnitt): © Michael Bause

Mit Beginn der Spielzeit 2012/2013 haben das Berliner Hebbel am Ufer (HAU) und der Frankfurter Mousonturm neue Leitungen. Sie fördern junge Künstler ebenso wie anerkannte Größen der Szene.

In Berlin setzt Annemie Vanackere auf alte Verbindungen, aber knüpft auch neue Allianzen. Vanackere kommt aus Flandern, leitete zuletzt die Rotterdamse Schouwburg und bringt ihre Erfahrungen und Kontakte mit. So eröffnet sie im November mit einem Choreografen, dessen Arbeit sie seit ihren Anfängen in den 1990er-Jahren kennt: Jérôme Bel. „Ein Tänzer, der nicht mehr getanzt hat, aber damit über Tanz und Theater viel gesagt hat“, erinnert sie sich, „das war ziemlich revolutionär damals“. Mittlerweile habe Bels forschende Art und Weise, die scheinbaren Gegebenheiten des Tanzes wie des Theaters zu erkunden, Schule gemacht. In diesem Jahr brach er zu neuen Grenzüberschreitungen auf: Disabled Theater ist eine Zusammenarbeit mit dem Zürcher Ensemble HORA, das aus geistig behinderten Schauspielern besteht, und eine Koproduktion des HAU. „Ein berührendes Stück. Doch es ist auch ein Wagnis, es zur Eröffnung zu zeigen.“

Bedeutung, die aus der Bewegung kommt

Eine weitere alte Bekannte ist Meg Stuart, die Vanackere seit ihren ersten choreografischen Arbeiten beim Klapstuk Festival in Leuven kennt. „Ich schätze an ihr, dass die Bedeutung aus der Bewegung kommt. Es ist Tanz, weil es mit Worten nicht sagbar ist.“, so Vanackere. Am HAU soll die Choreografin nun besondere Projekte realisieren können – beispielsweise bei ihrer dreiwöchigen Residenz im HAU3 im Januar 2013, einem Experiment mit offenem Ausgang, das seine Türen auch dem Publikum öffnen wird. Darüber hinaus zeigt das HAU The Fault Lines von Stuart und Philipp Gehmacher sowie ihre Münchner Produktion Built to last, sodass ein umfassender Blick auf ihre Arbeit eröffnet wird.

Kontinuität, aber keine Exklusivität

Mit Künstlern wie Bel, Stuart, Laurent Chétouane, Kat Válastur und Nicole Beutler möchte sie kontinuierlich, aber nicht exklusiv zusammenarbeiten. „Ich möchte lieber mit Künstlern arbeiten als mit Projekten. Das hat auch damit zu tun, wie ich als Zuschauerin funktioniere: Es macht mir Spaß, neue Entwicklungen bei Künstlern zu sehen, und das möchten wir unserem Publikum ermöglichen.“

Seit August 2012 steht Vanackere ein Tanzkurator zur Seite, der 34-jährige Ricardo Carmona arbeitete bisher beim Alkantara-Festival in Lissabon. Der junge Portugiese repräsentiere im Team eine andere Generation und auch einen anderen Blick auf Europa. Änderungen gibt es auch bei Deutschlands größtem Festival für zeitgenössischen Tanz, Tanz im August. Bisher stand es unter der gemeinsamen Trägerschaft von Tanzwerkstatt Berlin und HAU. Nun ist es ausschließlich an das HAU gebunden. 2013 wird es Bettina Masuch leiten. „Um das Profil des Festivals zu schärfen war es mir wichtig, dass es durch einen Kurator eine Handschrift gibt. Diese kann auch streitbar sein, aber das ist produktiver, als zu viele Kompromisse einzugehen“, so Vanackere.

Erkundungen des Gemeinsamen

In Frankfurt hat der neue Intendant Niels Ewerbeck, von der Zürcher Gessnerallee kommend, den Mousonturm erstmal gründlich umgebaut. Seit der Neueröffnung im September 2012 leuchten Foyers und Bühnen in neuem Glanz. Und ihm ist ein Coup gelungen: Mit dem Projekt „Doppelpass“ der Kulturstiftung des Bundes konnte er drei junge Choreografen für zwei Jahre ans Haus binden. May Zarhy, Ioannis Mandafounis und Fabrice Mazliah lernten sich im Umfeld der Forsythe Company kennen und arbeiten seit 2009 als Mamaza zusammen. „Das ist eine Entscheidung für Künstler, die sich selbst immer wieder infrage stellen“, erzählt die Dramaturgin Martine Dennewald. „In ihrer Zusammenarbeit gibt es keine Selbstverständlichkeit, auch nicht bei Bewegungen, die wir schon hundertmal gemacht haben. Einerseits sind sie also unerbittlich streng, andererseits aber sehr spielerisch.“ Lokale Künstler zu fördern, ist dem neuen Team wichtig. „Sie sollen hier eine vernünftige Basis mit organisatorischer und infrastruktureller Hilfe bekommen.“

Hartnäckige Forscher und Spieler

Die hartnäckigen Forscher und Spieler von Mamaza an das Haus zu holen ist eine programmatische Entscheidung, will doch auch der Mousonturm seine Gegebenheiten immer wieder hinterfragen. „Es wird im Tanz genauso sein wie in den anderen Bereichen unserer Arbeit“, so Dennewald. „Uns interessiert ein Begriff von Tanz, der nicht selbstverständlich ist, sondern Fragen aufwirft und Versuche macht. Beispielsweise untersuchen im Oktober 2012 vier Tanzproduktionen aus dem Maghreb, was ein Körper in verschiedenen sozialen und historischen Kontexten ist. Und der Themenbereich Camp/Anticamp erforscht verschiedene Ausformungen von Körperkonstruktionen und dem Blick des Anderen.“

Darüber hinaus wird die Arbeit des Tanzlabors 21 fortgesetzt, das 2006 als Teil von Tanzplan Deutschland begann und seit 2011 von einer Stiftungsallianz, der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen getragen wird. Neben Vermittlungsprojekten wie Tanz in Schulen gibt es unterschiedliche Module, die dem tänzerischen Nachwuchs vor Ort Austausch- und Weiterbildungsmöglichkeiten geben, aber auch ein Residenzprogramm, das Tänzer und Choreografen einlädt, in Frankfurt zu arbeiten. „Frankfurt hat ein gut informiertes Tanzpublikum“, sagt Dennewald abschließend. „Doch es gilt auch, ihm Dinge nahezubringen, die es noch nicht kennt.“

An beiden Häusern scheint fortan das Credo zu gelten, dass Offenheit, Neugier und eine Hinwendung zum Künstler wichtig sind.

Während der redaktionellen Bearbeitung dieses Artikels verstarb Niels Ewerbeck. Da sein Programm zunächst fortgesetzt werden wird, wird dieser Text dennoch veröffentlicht.