Arbeitsbedingungen von Tänzern Tanz mit mir!

Sasha Walz and Guests „Métamophoses“
Sasha Walz and Guests „Métamophoses“ | Foto (Ausschnitt): © Sebastian Bolesch

Für die einen europäisches Tanz-Eldorado, für die anderen Zentrale der Selbstausbeutung. Die Tanzszene in Deutschland ist ebenso vielfältig wie die Bemühungen, Strukturen und Sicherheit für die Künstler zu schaffen.

Ein positives Bild hat zum Beispiel Milosz Andrzejczak: Für den an Warschaus Staatlicher Ballettschule ausgebildeten Tänzer ist Deutschland ein Paradies für Leute seines Fachs. „In fast jeder mittleren Stadt gibt es ein Dreispartentheater mit eigenem Ballettensemble, darunter sehr viele, die auf hohem Niveau arbeiten – von den tariflich geregelten Arbeitsbedingungen ganz zu schweigen.“

Gute Bedingungen in festen Ensembles?

Wer es als Tänzer in ein deutsches Ballettensemble geschafft hat, arbeitet unter für diesen Beruf ungewöhnlich sicheren Bedingungen – mit geregelten Arbeits- und Ruhezeiten, Urlaub, spielfreien Tagen, Berufsunfähigkeitsversicherung und Altersvorsorge. Für Solisten gibt es eine festgelegte Mindestgage von 1.600 Euro brutto, Mitglieder von Tanzensembles werden nach Tabelle bezahlt, wonach die Gagen häufig sogar noch höher ausfallen. Aus diesem Grund könne man eine zunehmende Verwandlung von Gruppenverträgen in Soloverträge beobachten, sagt Jörg Löwer von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, der Arbeitnehmervertretung der Theaterkünstler. Mitglieder von Tanzgruppen und -ensembles würden von den Verwaltungsdirektoren unter Sparzwang geratener Bühnen zunehmend in unsicherere und schlechter bezahlte Soloverträge gedrängt. Die künstlerische Errungenschaft des Tanztheaters „Jeder ist Solist“ wird damit über die Gagen gegen die Tänzer verwendet.

Jenseits des Mindesthonorars

Von einem Mindesthonorar kann man in der Freien Tanzszene bislang nur träumen, wo prekäre Arbeitsverhältnisse die Regel sind. Doch auch hier ist einiges in Bewegung geraten – spätestens seit im Jahr 2007 eine Enquetekommission des Deutschen Bundestages sich mit der sozialen Lage von Tänzern in Deutschland befasst und diese für verbesserungswürdig erklärt hat. Seitdem gibt es Bemühungen, auch für die Mitglieder der freien Tanzszene eine Honoraruntergrenze festzuschreiben, die an den 1.600 Euro des Normalvertrags Bühne, Sonderregelung Solo orientiert ist. In soziale Sicherungssysteme für freiberufliche Künstler wie die Künstlersozialkasse (KSK) schaffen es nur die, die ein von der KSK zur Feststellung der Versicherungspflicht festgesetztes Mindesteinkommen von jährlich 3.900 Euro mit künstlerischer Arbeit erwirtschaften können. Wer diese Voraussetzung auch nach der Feststellung der Versicherungspflicht durch die KSK nicht mehr erfüllt, wird wieder ausgeschlossen. Bestimmte Berufsgruppen wie Produktionsleiter werden von der KSK bislang gar nicht anerkannt.

Gesicherter Ausstieg statt Abstieg

„Wer sich auf diesen Beruf einlässt, braucht von Anfang an eine Exitstrategie“, sagt der klassische Tänzer Milosz Andrzejczak. Denn der Beruf des Tänzers kann nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter ausgeübt werden. Da geht es Tänzern nicht anders als Berufssportlern, die ebenfalls in der Mitte des Lebens die Branche wechseln müssen. Daran ist auch die Zusatzversicherung der Bayerischen Versorgungskammer orientiert, die an staatlichen oder städtischen Bühnen beschäftigten Künstlern unter anderem einen zusätzlichen Versicherungsschutz gegen Berufsunfähigkeit bietet. Bei Tänzern jedoch endet dieser Versicherungsschutz mit dem 35. Lebensjahr. Wer danach berufsunfähig wird, ist nicht mehr versichert. So kann man sich am Ende seiner Tänzerlaufbahn die angesammelten Beiträge verzinst auszahlen lassen. Seit 2011 ist diese – in der Branche etwas unscharf als „Tänzerabfindung“ bezeichnete – Auszahlung jedoch nur noch zweckgebunden abrufbar: wenn der Betreffende das Geld für eine Umschulung einsetzt, also eine sogenannte „Transition“ in einen beruflichen Neuanfang nachweisen kann. Hierbei berät bundesweit seit 2009 das Berliner „Transition Zentrum Deutschland“ der Stiftung Tanz. Auch Milosz Andrzejczak, zuletzt Solotänzer an der Deutschen Oper Berlin, hat seinerzeit seine „Tänzerabfindung“ in eine Ausbildung zum Physiotherapeuten investiert und betreibt heute erfolgreich eine eigene Praxis in Berlin.

Das „Transition Zentrum Deutschland“ entstand im Zuge des Förderkonzepts der Kulturstiftung des Bundes, die von 2005 bis 2010 die deutsche Tanzszene mit insgesamt 12,5 Millionen Euro gefördert hat. Als Projektträger wurde damals der gemeinnützige Verein Tanzplan Deutschland ins Leben gerufen, der sich die Schaffung und Stärkung regionaler Tanzinfrastrukturen ebenso auf die Fahnen geschrieben hatte, wie die Entwicklung künstlerischer Netzwerke und sozialer Sicherungssysteme.

Es gibt noch viel zu tun

Trotz der messbaren Aufmerksamkeitssteigerung, die der Tanz seitdem erfahren hat, gibt es immer noch viel zu tun. Das zeigt der Report Darstellende Künste, den der Fonds Darstellende Künste 2010 vorgelegt hat. Er ist die umfassendste Darstellung der wirtschaftlichen, sozialen und arbeitsrechtlichen Lage von Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland der letzten Jahre. Ziel des Berichts war es unter anderem, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, dass Strukturveränderungen größere künstlerische Vielfalt und mehr Nachhaltigkeit produzieren können. So würde eine sinnvolle Weiterentwicklung des Fördersystems letztlich dazu führen, dass sich der künstlerische Reichtum der Szene eines Tages auf dem Weg gesteigerter Einnahmen auch materiell für die einzelnen Künstler auszuwirken beginnt.