Bewegungslehre Notation und Bewegungsanalyse in der zeitgenössischen Tanzausbildung

Die Tanzausbildung an der Folkwang Universität der Künste ist seit ihrer Gründung im Jahre 1927 eng verbunden mit der Tradition der durch Rudolf von Laban und Kurt Jooss geprägten Theorie der Bewegungsanalyse. Die erstmals von Laban formulierten Erkenntnisse prägten den Modernen Tanz innerhalb und außerhalb Deutschlands entscheidend und werden in Essen auch heute noch durch die Jooss-Leeder-Technik und die nach Laban benannte Bewegungsschrift (Kinetographie Laban/Labanotation) aktiv vermittelt und zukunftsweisend weiterentwickelt.

Notationsunterricht an der Folkwang Universität der Künste; Foto: Heike Kandalowski Notationsunterricht an der Folkwang Universität der Künste | Foto: Heike Kandalowski

Bewegungslehre Labans und Jooss-Leeder-Technik

Rudolf von Labans (1879–1958) umfassendes theoretisches Werk schuf in der Ära des deutschen Ausdruckstanzes erstmals Systematiken, die eine konsequente Vermittlung des jungen modernen Tanzes ermöglichen sollten, um diesen gegenüber der Tradition des Klassischen Balletts zu stärken und zu positionieren. Zentrale Elemente seiner bewegungsanalytischen Systeme sind die Eukinetik, die die dynamischen Aspekte der Bewegung über die Parameter Raum, Zeit, Kraft und Bewegungsfluss beschreibt, und die Choreutik, welche den sich bewegenden Körper im Verhältnis zu ihn umgebenden geometrischen Strukturen wie Kubus oder Ikosaeder betrachtet.

Kurt Jooss (1901–1979) und Sigurd Leeder (1902–1981) integrierten die analytischen Methoden Labans in den professionellen Tanzunterricht und formten so die nach ihnen benannte Tanztechnik. Die Jooss-Leeder-Technik umfasst keinen eindeutig festgelegten Kanon von Bewegungsabläufen oder Übungen. Vielmehr dienen Labans Prinzipien als Ausgangspunkt, um verschiedene Bewegungsübungen und -phrasen zu gestalten; durch Veränderung der zugrunde liegenden räumlichen, dynamischen und qualitativen Parameter wird eine große Bewegungsvielfalt und Variabilität der Phrasierungen erreicht. So kann diese Technik auch heute dem Zeitgeist entsprechend neue Formen und Ausdrucksweisen entwickeln.

Kinetographie Laban/Labanotation

Von den angehenden Tänzern wird in ihren Lernprozessen mit einer derart ausdifferenzierten Technik nicht nur erwartet, Bewegungen auszuführen und zu reproduzieren. Vielmehr ist ein tiefer gehendes Verständnis der theoretischen Hintergründe erforderlich. Daher war es schon Jooss wichtig, dass alle Tanzstudenten auch Unterricht in Tanzschrift erhielten. Die Notation dient so nicht ausschließlich der Dokumentation von Bewegungsabläufen und Choreografien, sie vermittelt eine fundierte theoretische Basis der Bewegungsanalyse.

Die Notation abstrahiert die Bewegungen des Körpers in Raum und Zeit: Ein auf dem Papier von unten nach oben verlaufendes Liniensystem symbolisiert den Zeitablauf. Die Spalten dieses Liniensystems sind den sich bewegenden Körperteilen zugeordnet. Bewegungssymbole im Liniensystem zeigen an, dass ein Körperteil seine Lage zum umgebenden Raum verändert. Die einzelnen sequenziellen und simultanen Bewegungsinformationen ergeben in ihrer Gesamtheit ausreichende Indikationen, um die Struktur eines Bewegungsablaufs allein aus der Notation zu rekonstruieren. Mit der Fähigkeit, weitere Bewegungsdetails, wie zum Beispiel der qualitativen Bewegungsausführung oder des choreografischen Arrangements zu erfassen, hat sich dieses Notationssystem im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem umfassenden Werkzeug der Tanzdokumentation entwickelt. Auch wenn die Tanznotation bislang keinen so essenziellen Stellenwert wie die Musiknotation erreicht hat, sind doch eine Vielzahl wichtiger choreografischer Werke im Laufe der Jahre notiert worden und stehen in Archiven und Bibliotheken zur Verfügung.

Neben diesem traditionellen dokumentativen Anwendungsfeld der Notation erlaubt ein produktiver Ansatz, mit Hilfe der Notation Bewegungsmöglichkeiten zu erforschen und diese künstlerisch-kompositorisch auszugestalten. Die Notation schafft durch ihre Begriffe zur Beschreibung von Bewegung ein ideales Werkzeug, sich der Struktur von Bewegungen bewusster zu werden und nimmt so im kreativen und kompositorischen Umgang mit Bewegung eine Schlüsselrolle ein. Die Abstraktion der Notation zeigt ansonsten ungenutzte Möglichkeiten der Bewegungsgestaltung auf und gibt Anregungen, Bewegungskomponenten auf vielfältige und bislang unbekannte Arten zu kombinieren.

Zukunftsweisende Entwicklungen

Die an der Folkwang Universität einzigartige Tradition, Notation in die Tanzausbildung zu integrieren, ist bis heute ungebrochen und wird durch zusätzliche Studienmöglichkeiten erweitert. Der Master-Studiengang Tanzkomposition bietet mit seiner Studienrichtung Bewegungsnotation/Bewegungsanalyse eine europaweit einzigartige Gelegenheit, Notationswissen in allen Aspekten zu vertiefen, um selbstständiges Arbeiten in dokumentativ-rekonstruktiver und analytisch-kreativer Ausrichtung zu ermöglichen und auch auf andere bedeutende Notationssysteme wie zum Beispiel die Eshkol-Wachman-Movement-Notation einzugehen.

Aktuell werden die traditionellen Methoden der Notation durch neue Möglichkeiten der visuellen und digitalen Bewegungsrepräsentation herausgefordert. In den letzten Jahren arbeiten zeitgenössische Choreografen wie William Forsythe verstärkt an multimedialen, oft über das Internet zugänglichen Dokumentationen. Dabei könnten sich die analytischen und kreativen Potenziale der Technologie-gestützten Visualisierungstechniken in der Integration mit der traditionellen Bewegungsanalyse der Tanzschrift noch stärker entfalten. Das im Forschungsprojekt Visualizing (the Derra de Moroda) Dance Archives an der Universität Salzburg entwickelte Rekonstruktions- und Visualisierungstool vereint die unmittelbare dreidimensionale Visualisierung von Bewegungsabläufen mit der analytischen Präzision der Tanznotation. Es wird im Notationsunterricht in Essen bereits erprobt. So wird die Weiterentwicklung dieser neuen Technologien mit wichtigen Impulsen gefördert und aktiv weiterverfolgt.