Bewegung erinnern Der Körper als Gedächtnismedium

Wie erinnern Tänzer Bewegung? Stephan Brinkmann beleuchtet die Frage in seiner Dissertation „Bewegung erinnern – Gedächtnisformen im Tanz“ aus neurowissenschaftlicher, philosophischer, kulturwissenschaftlicher und tanztechnischer Perspektive.

Cover von Stephan Brinkmann „ Bewegung erinnern. Gedächtnisformen im Tanz“, 2012. Reihe TanzScripte Cover von Stephan Brinkmann „ Bewegung erinnern. Gedächtnisformen im Tanz“, 2012. Reihe TanzScripte | © transcript Verlag Der Autor lehrt Zeitgenössischen Tanz an der Essener Folkwang Universität der Künste, wo er nach seinem Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Soziologie in Köln ein Zusatzstudium in Tanzpädagogik absolvierte. Von 1995 bis 2010 war er Mitglied des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch und tanzte regelmäßig in Bauschs Frühlingsopfer auf Igor Strawinskys Ballettmusik Le sacre du printemps. Seine Erfahrungen bei den Proben und Auftritten von Bauschs bis heute aufwühlender Choreografie von 1975 hielt er in Tagebuchnotizen fest und flicht sie in seine akribisch recherchierte, facettenreiche Untersuchung ein. Dieser Praxisbezug gibt dem Buch eine authentische und sehr lebendige Note. Gleichzeitig gewinnt die Veröffentlichung des Buchs 100 Jahre nach der szenischen Uraufführung von Sacre durch die Ballets Russes in Paris eine gewisse Aktualität. Schließlich ist sie auch eine Hommage an Pina Bausch, deren Tod im Juni 2009 eine folgenschwere Zäsur in der Geschichte des deutschen Tanztheaters bedeutet.

Tanz ist Gedächtniskunst

Tanz beschreibt Brinkmann als „eine Gedächtniskunst“. Bauschs Frühlingsopfer heute zu tanzen sei in sich schon „ein Akt des Gedächtnisses“ und „ein Erlebnis der Erinnerung“. In Ermangelung einer dem musikalischen Notenbild entsprechenden, allgemein gültigen und für jedermann lesbaren Notation von Choreografien wird der Tänzer selbst zum Gedächtnisträger und der menschliche Körper zum wichtigsten Medium. Perfekt, allumfassend und unbegrenzt haltbar ist dieser Aufbewahrungsort allerdings ebenso wenig wie alle neuen technischen Medien. Denn der Körper des Tänzers altert, und „ein alter Tänzer tanzt ganz anders als ein junger“, so Brinkmann. Zudem verlangt auch gerade die an Folkwang unterrichtete und von Brinkmann detailliert dargestellte Jooss-Leeder-Methode ein gewisses Vergessen, um den schöpferischen Prozess, der tanzen nach Jooss stets sein muss, nicht zu hemmen.

Brücke zwischen Praxis und Theorie

Brinkmanns Anspruch ist es, durch seinen Beitrag den Anschluss von Tanz an die Wissenschaft im weiten Sinn zu fördern. In ausführlichen, sich teilweise wiederholenden und überschneidenden Kapiteln stellt er Definitionen und Forschungsergebnisse verschiedener Disziplinen dar, die in den letzten Jahren Tanz als eine Form von „Gedächtnistechnik“ entdeckt haben. Ermutigt wurden sie auch durch Tests, die beweisen, dass Tänzer Bewegungen deutlich genauer und länger speichern als andere Testpersonen. Alle Wissenschaftler gehen von zwei unterschiedlichen Teilen des Gedächtnisses aus, dem natürlichen oder internen und dem künstlichen oder externen. Ersteres bewahrt motorische Mechanismen, aber auch Erinnerungen, Emotionen und Sachkenntnisse auf. Deshalb ist dieser Teil für den Tanz wichtiger als das künstliche, objektbezogene Gedächtnis.

Am intensivsten beschäftigt sich die sogenannte Kognitionswissenschaft mit dem Gedächtnis von Tänzern. Dieser interdisziplinäre Zusammenschluss deutscher Biologen, Sport- und Neurowissenschaftler widmet sich der Erforschung von Lernen und Kontrolle von Bewegung sowie der Bedeutung von Bewegung für Gestaltung und Kommunikation.

Eine Sprache für das Sprachlose

Anders als die Naturwissenschaftler sieht der französische Philosoph Henri Bergson (1859–1941) Gedächtnis nicht als Gehirnleistung auf physiologischer Grundlage, sondern als eine geistige Aktivität. Bewegung, so Bergson in seinem Hauptwerk Materie und Gedächtnis, sei „das Wesen des Lebens“, zitiert Brinkmann. Er bezeichnet Bergson als einen „Kunst- und Bewegungsphilosophen“. Er räumt dem zu Lebzeiten umstrittenen Nobelpreisträger von 1927 ein ganzes Kapitel ein, weil er Parallelen zwischen dessen philosophischen Theorien und der Tanztheaterpraxis sieht. Tanz definiert der Philosoph als „eine Sprache für das Sprachlose“.

Vor allem das Tanztheater ist neben aller Freiheit des Einzelnen auch auf das „kommunikative Gedächtnis“ angewiesen. Im Gegensatz zum klassischen Ballett ist seine Bewegungssprache nicht durch Posen und Figuren codiert. Austausch und Begegnung mit anderen Tänzern ist für das Weitergeben und Erinnern unverzichtbar. Insbesondere ältere Stücke und die Rekonstruktion früherer Choreografien können lediglich durch Gespräche und gemeinsame Proben mit dem Choreografen oder Zeitzeugen von Generation zu Generation weitestgehend authentisch weitergegeben werden.

Erinnern, so Brinkmann, funktioniert immer über Bilder und Emotionen. Dafür gibt er ein schönes Beispiel in der Tagebuchnotiz nach seinem letzten Auftritt in Frühlingsopfer im Dezember 2010: „Für die Dauer einer halben Stunde gab es nichts Wichtigeres, nichts Lustvolleres, nichts Erschöpfenderes als die Handvoll von Bewegungen, aus denen das Stück besteht. Sie werden mir im Gedächtnis bleiben.“
 

Stephan Brinkmann Stephan Brinkmann | © privat Stephan Brinkmann
„Bewegung erinnern. Gedächtnisformen im Tanz“
2012, transcript Verlag, Reihe TanzScripte