„A Choreographerʼs Score“ Das Einmaleins der Keersmaeker-Kreation

Detail aus Anne Teresa De Keersmaeker und Bojana Cvejić: „A Choreographerʼs Score: Fase, Rosas danst Rosas, Elenaʼs Aria, Bartók“, Brüssel 2012, Mercatorfonds & Rosas
Detail aus Anne Teresa De Keersmaeker und Bojana Cvejić: „A Choreographerʼs Score: Fase, Rosas danst Rosas, Elenaʼs Aria, Bartók“, Brüssel 2012, Mercatorfonds & Rosas | Foto (Ausschnitt): © Rosas

Anne Teresa De Keersmaeker und Bojana Cvejić veröffentlichten „A Choreographer’s Score“ – eine Partitur der Tanzschöpfung.

1985 sorgte die belgische Truppe Rosas auf ihrer Deutschland-Tour für Irritationen. Ein Rezensent beklagte „bohrende Langeweile“ angesichts fünf junger „Damen im Cocktailkleid“, die zwei Stunden lang ein Stück namens Elenaʼs Aria zelebrierten – angerichtet von einer Choreografin namens „Anne Teresa De Koorsmaeker“. Fast ein halbes Jahrhundert später lässt sich dieser herrliche Fauxpas in einer Publikation nachlesen: A Choreographerʼs Score versucht das frühe Werk der seinerzeit argwöhnisch beäugten Künstlerin zu erfassen und festzuhalten. Heute gleißt ihr Name wie eine helle Galaxis im Universum des zeitgenössischen Tanzes, nunmehr in korrekter Schreibweise: Anne Teresa De Keersmaeker gehört zu den bedeutendsten und stilistisch einflussreichsten Tanz-Autoren der Gegenwart – die freilich morgen schon Vergangenheit ist.

Den Tanz archivieren

Deshalb treibt die in Brüssel ansässige Rosas-Chefin die gleiche Frage um, die auch viele ihrer Kolleginnen und Kollegen derzeit beschäftigt: Wie lässt sich Tanz, wie lässt sich ein ganzes Werk sinnvoll archivieren, ohne dabei wesentliche Seitenstränge, vielleicht sogar seine mittelbare Essenz auszuradieren? Dass die visuelle Speicherung einer Aufführung zwar besser ist als gar nichts, aber häufig alles außerhalb des Bannkreises der Kamera-Totalen – etwa feingewebliche Strukturen, darstellerische Details, räumliche und konzeptionelle Zusammenhänge sowie Vor-, Nach- und Wirkungsgeschichte der Inszenierung – eliminiert, versteht sich von selbst. Gleichwohl ist die Filmdokumentation inzwischen das gebräuchlichste Verfahren, um zumindest die optische Außenhaut eines Werks zu konservieren.

Anne Teresa De Keersmaeker geht einen anderen Weg, indem sie gleichsam das Skelett ihrer Stücke exemplarisch präpariert und fixiert. Das Problem der Archivierung wurde für sie akut, als sie 2010 den Entschluss fasste, vier frühe Werke wieder aufzunehmen: Fase. Four Movements to the Music of Steve Reich (1982), Rosas danst Rosas (1983), Elenaʼs Aria (1984) und Bartók/Aaantekeningen (1986). Bietet der Relaunch, so überlegte sie, nicht auch „Gelegenheit, diese Choreografien niederzuschreiben“, also mit einem der gängigen choreologischen Verfahren zu notieren? Sie stellte die Frage der Musikwissenschaftlerin Bojana Cvevjić, deren Antwort offenbar zwiespältig ausfiel: Ja, weil es der ideale Zeitpunkt ist, um alle noch greifbaren Unterlagen zu sammeln, miteinander Gespräche zu führen und aufzuzeichnen, was einem auf diese Weise an Erklärung, Kommentar, Erkenntnis in die Hände fällt – und nein, weil keine der üblichen Notationen geeignet ist, um De Keersmaekers kompositorische Finessen und die Komplexität ihres Ansatzes auf den Punkt zu bringen.

Das Achiv tanzt

Also haben beide eine Alternative versucht, und das Ergebnis lässt sich als dickes Buch mit vier DVDs bestaunen, auf denen nicht etwa die Stücke selbst zu sehen sind, sondern die Choreografin als deren Exegetin. Eine Tafel, ein Stuhl, die so kluge wie auskunftsfreudige De Keersmaeker vor und die bisweilen nachhakende Bojana Cvevjić hinter der Kamera – fertig ist das Setting für eine vielstündige „lecture demonstration“ der Sonderklasse, die einführt ins Einmaleins der ersten Rosas-Kreationen. Selten lässt sich ein Künstler derart ungeschützt in die Karten schauen, selten werden Choreografen ihr Vorgehen vom Ur-Einfall bis zum fertigen Bewegungsentwurf so minutiös rekonstruieren und referieren können, wie es Anna Teresa De Keersmaeker offensichtlich ohne Schwierigkeiten vermag.

Im Buch wiederum werden sämtliche Materialien zusammengefasst, aufgefächert und um Fotos und Faksimiles von programmatischen Entwürfen, Förderanträgen, Zeitungskritiken ergänzt. Besonders eindrucksvoll sind die Zeichnungen und Skizzenbücher, die vor dem Probenprozess entstanden sind und gleichsam wie filmische Treatments den Bogen der Aufführung vorwegnehmen. Interessanterweise bedient sich De Keersmaeker wie selbstverständlich grafischer Planungs- und Überlieferungssysteme, die jahrhundertealte Tradition haben. Wer A Choreographerʼs Score aufschlägt, wird auf Bodenmuster, Strichzeichnungen und räumliche Positionsmarkierungen stoßen, ähnlich jenen Signes, die Raoul Auger Feuillet 1700 für sein Chorégraphie-Kompendium erfand. An anderer Stelle mögen sich Leser an Jules Perrots rudimentäre Notation der ersten Giselle von 1841 erinnert fühlen – so hautnah rückt hier die Tanzgeschichte der unmittelbaren Zeitgenossenschaft auf den Leib.

Hätten Feuillet oder Perrot über die Multimedia-Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts verfügt, sie hätten vermutlich ausgiebig davon Gebrauch gemacht. Was aber A Choreographerʼs Score von verwandten Unternehmungen der letzten Jahre – etwa William Forsythes ambitionierten Synchronous Objects oder Emio Grecos Double Mind/Double Skin-Projekt – unterscheidet, ist gerade die technologische Enthaltsamkeit. Anne Teresa De Keersmaeker und Bojana Cvevjić verzichten auf interaktive Oberflächen, virtuelle Retuschen, auf alle rundum angesagten Trigger, Trailer und Teaser. Stattdessen verlassen sie sich vollkommen auf das gesprochene Wort, die Schrift, das Bild – auf Erinnerung und Expertise einer großen Künstlerin.
 

Anne Teresa De Keersmaeker & Bojana Cvejić: „A Choreographerʼs Score: Fase, Rosas danst Rosas, Elenaʼs Aria, Bartók“, in englischer oder französischer Sprache, Brüssel 2012, Mercatorfonds & Rosas. 256 Seiten, 4 DVDs. 49,95 €