Tänzer und Tiere Neue Begegnungen zwischen den Spezies

Antonia Baehr „Abecedarium Bestiarium“ (2013), © Anja Weber, score by Steffi Weismann
Antonia Baehr „Abecedarium Bestiarium“ (2013) | Foto (Ausschnitt): © Anja Weber, score by Steffi Weismann

Choreografen machen das Verhältnis von Mensch und Tier fruchtbar für ihre künstlerische Arbeit. Dabei wird die Vormachtstellung des Menschen und seiner Weltsicht grundlegend hinterfragt.

Diversität ist eines der Zeichen unserer Zeit: Der weiße, heterosexuelle Mann als Maßstab von Ding und Welt wird kritisch infrage gestellt. Zahlreiche Inszenierungen sind als künstlerische Versuche zu lesen, die anthropozentrische Weltsicht an ihre Grenzen zu treiben. Das Tier als Mit-Erdenbewohner des Menschen kommt beispielsweise in den jüngeren Arbeiten von Antonia Baehr auf die Bühne: In ihrer Lecture Performance My Dog is my piano (2012) untersucht sie ebenso präzise wie humorvoll Spuren des Zusammenlebens von ihrer Mutter und dem Hund Tocki, die alltäglichen Einflussnahmen in Sprache und Gewohnheit von Mensch und Tier. Und im Abecedarium Bestiarium (2013) verwandelt sich die Choreografin und Performerin in eine Reihe ausgestorbener Tiere. Sie hat ihre Freunde gebeten, Partituren für sie zu schreiben, die ihre freundschaftliche Beziehung mithilfe eines ausgestorbenen Tieres metaphorisch beschreiben.

Ausgestorbene Tiere als Metapher

Die Resultate sind denkbar divers: Mithilfe von Verkleidungen schlüpft Baehr in die Rolle von Tieren, oder sie hält mit Tonbändern oder Overhead-Projektor Vorträge über sie. Die meisten starben im Laufe der Kolonialisierung aus, es gibt von ihnen wenige Zeichnungen und Zeugnisse, letztlich sind sie heute unverfügbar. Für das Theater ist das fruchtbar: Spielend besetzt das Imaginäre die Leerstelle, vor dem physischen und vor dem geistigen Auge entstehen Hybride, Halbwesen aus Mensch und Tier. Baehrs Gesicht beweist eine hohe Wandlungsfähigkeit, und in ihrer Stimme tönt eine kreatürliche Vielfalt, die dem Menschen näher liegt, als ihm vielleicht lieb ist. Irgendwann verflüchtigt sich die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet, unbemerkt. Die gewohnte Dichotomie zwischen Mensch und Tier, Subjekt und Objekt, wird dekonstruiert. Es rückt ihre Verwandtschaftsbeziehung in den Blick, die mit der Moderne zu einem Machtverhältnis wurde; und die Frage, welches Verhältnis die Spezies heute haben und haben können, wird vielfach aufgeworfen.

Wilder Galopp und ballettöse Piaffen

In der Auseinandersetzung mit Tierkörpern wird auch der menschliche Körper entgrenzt, wie dies bei Baehr geschieht, deren Performer-Selbst sich in den Partituren nahezu auflöst. So wird mit dem wachsenden Interesse am Tier auch die Performerposition neu verhandelt, es werden neue Quellen der Bewegungen gefunden – beispielsweise durch Imitation. In Martin Nachbars Animal Dances (2013) ahmen fünf Tänzer präzise sowohl Bewegungen als auch Wahrnehmungsweisen von Tieren nach – wobei sofort ins Auge fällt, dass der Mensch primär seinen Sehsinn gebraucht, während die Tänzer sich in der Mimesis von Tieren verstärkt auf Gehör und Raumwahrnehmung konzentrieren, der Blick inwendiger wird und die Präsenz eine andere. In den Tiertänzen werden sie zu Katzen, die die Pfoten würdevoll übereinander legen, zu stolzierenden Vögeln und zu einer wilden Pferdeherde, die übermütig im Kreis galoppiert. Schließlich geben sie eine Reihe von Dressurpferden, die ihre Piaffen und Passagen absolvieren und dabei wiederum an Balletttänzer erinnern.

Dem Diskurs auf der Spur

Mit ihrem Interesse für die komplexe und vielfältige Beziehung zwischen Mensch und Tier stehen die Choreografen nicht allein da: Im angelsächsischen Sprachraum wurde in den 1990er-Jahren das neue Forschungsfeld „Animal Studies“ begründet, das seit 2000 auch im deutschen Sprachraum an Bedeutung gewinnt. Das Hamburger Live-Art-Festival auf Kampnagel lotete im Juni 2013 unter dem Titel ZOO 3000: OCCUPY SPECIES das Verhältnis von Tier und Mensch auf dem Theater aus und setzte machtpolitische Verhältnisse von Klassen, Ethnizität, Geschlechtern und Habitaten auf die Tagesordnung. Dabei ging es nicht um eine Aufhebung des Menschlichen im Tierischen, also um eine reine Umkehr der Verhältnisse. Sondern vielmehr darum, Tiere als Protagonisten von Geschichte und Kultur, als Lebewesen ernst zu nehmen und ihnen wirklich einen Platz einzuräumen – wie es im Übrigen auch Carolyn Christov-Bakargiev, die Leiterin der Documenta 13 in Kassel, forderte. Besondere Spielräume solcher Perspektivwechsel und Fragestellungen liegen, das machen nicht nur die Performances von Antonia Baehr und Martin Nachbar sichtbar, im Künstlerischen. Xavier Le Roy und seine Mit-Performer erfinden in low pieces (2009–2011) Grenzgestalten zwischen Animalischem, Menschlichem und Pflanzlichem: Nackt legen sie sich nieder wie wiederkäuende Kühe, sie verschlingen ihre Gliedmaßen ineinander wie Seegras und schaffen auch eine andere Zeitlichkeit als menschliche. So wird der Tänzerkörper zum Ort einer Begegnung zwischen Menschlichem und Tierischem, seine Hautflächen, Gelenke und Knochen stellen die Behauptung der Moderne infrage, das Tier sei frei von Intelligenz und Gefühl und formulieren Angebote für neue Begegnungen zwischen den Spezies.