Richard Siegal im Gespräch Interkulturelles Palimpsest mit dem eigenen Körper

„Unitxt“ von Richard Siegal am Bayerischen Staatsballett, Mit: Zuzana Zahradníková, Léonard Engel, Uraufführung am 25. Juni 2013 im Prinzregententheater, München. © Wilfried Hösl
„Unitxt“ von Richard Siegal am Bayerischen Staatsballett, Mit: Zuzana Zahradníková, Léonard Engel, Uraufführung am 25. Juni 2013 im Prinzregententheater, München | Foto (Ausschnitt): © Wilfried Hösl

Für seine Performance „Unitxt” am Bayerischen Staatsballett wählte der amerikanische Choreograf Richard Siegal Musik von Carsten Nicolai, die Begriffe wie Geräusch, Musik, Signal ins Wanken bringt. Diese elektronischen Klangschichten treffen auf Bewegungen der Tänzer zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischen Tanzstilen. Im Gespräch erläutert Richard Siegal seine Arbeitsweise.

Eines der meistbeachteten Musikbücher der letzten Jahre war Alex Ross’ „The rest is noise“. Der Titel bezieht sich auf Hamlets Satz „The rest is silence” am Ende von Shakespeares Drama. In Ihrer Performance „Unitxt“ für das Bayerische Staatsballett werden die Wörter „noise” und „silence” als Projektion zum Bühnenbild. Geräusch (noise) wird oft von Musik unterschieden, Stille (silence) ist ein wesentlicher Teil der Musik. Was heißt Musik für Sie?

Mein Ausgangspunkt war nicht Alex Ross’ exzellentes Buch, sondern Nate Silvers The Silence and the Noise, eine Erweiterung meiner anhaltenden Faszination für das Thema Voraussage, wie es von Futuristen wie Alvin Toffler oder jüngst Nassim Taleb beschrieben wird. Ich bin mir des musikalischen Diskurses bewusst, den ich mit der Entscheidung anstoße, diese drei Wörter (noise, signal, silence) in der Performance gegenüberzustellen. Es ist auch ein Vorschlag, welchen Raum Carsten Nicolais Musik in einem historischen Kontext einnehmen könnte. Es erscheint mir, als ob diese Musik, Unitxt, sinnbildlich für eine Zukunft der Musik ist, die John Cage vorausgesagt und in seiner Arbeit eingeleitet hat.
 

Ballet.TV: „Unitxt“ von Richard Siegal am Bayerischen Staatsballett, Uraufführung am 25. Juni 2013 im Prinzregententheater, München (Youtube)

Die elektronische Musik Carsten Nicolais, die Sie in dieser Aufführung benutzen, etabliert einen starken Grundrhythmus und arbeitet mit geräuschhaften Mustern und auch einigen gesprochenen Wörtern und Zahlen. Warum wählten Sie diese Musik für Ihre Choreografie?

Sie bewegt mich. Das ist die fundamentalste Grundvoraussetzung, wenn ich zu bereits existierender Musik choreografiere. Sie muss den Impuls erzeugen, dass ich tanzen will.

Carsten Nicolais Musik erinnert auch an Klänge in Clubs. Die erste Bewegung auf der Bühne könnte auch in einem Club zu sehen sein. Die verschiedenen akustischen Ebenen gehen mit verschiedenen Erinnerungen an Bewegungen einher, besonders aus dem klassischen Ballett. Wie würden Sie diese Landkarte der Bewegungen beschreiben?

Der erste Teil der Aufführung wurde interessanterweise mit einer Gruppe von afrikanischen Tänzern während eines Besuchs in Lagos auf Einladung des Goethe-Instituts skizziert. Obwohl das Vokabular aus meinem Körper kam, begab ich mich auf die Suche nach deren Komfortzone, indem ich fand, was meiner Ansicht nach die Gemeinsamkeit in unseren jeweiligen Tanzstilen war. Als später die gleiche Choreografie auf die Tänzer des Bayerischen Staatsballetts übertragen wurde, erschien das klassische Vokabular passend, denn das habe ich mit diesen Tänzern gemeinsam. Der Prozess stellte sich als sehr interessant heraus, so eine Art interkulturelles Palimpsest mit meinem eigenen Körper als Vermittler.

Sie haben Ihre eigene Methode entwickelt, die Sie „If/Then-Methode“ nennen. Worin besteht diese Methode und wird sie in „Unitxt“ auch verwendet?

Obwohl der Entstehungsprozess von Unitxt nicht mit If/Then als Arbeitsmethode ablief, war das gleichgeordnete Prinzip von If/Then – ausgedrückt in Wahl, Vielfalt, kollektiver Verantwortung – ein wesentlicher Antrieb als künstlerische Haltung. Ein Projekt von The Bakery war die Dokumentation und Analyse von fünf Jahren auf Basis der If/Then-Methode. Das DVD-Booklet von If/Then Dialogues definiert an Beispielen diese künstlerische Haltung. Die If/Then-Methode beruht auf Spiel und ist ein syntaktisches Notationssystem. Als choreografierter Zugang begann sie mit dem Duett If/Then (2005). Die Taktik besteht darin, dem Ausübenden zu erlauben, kausale Zusammenhänge zwischen Ereignissen von wandelbarer Vorhersagbarkeit herzustellen.

Die If/Then-Methode befasst sich mit der Ordnung der Dinge, aber nicht mit deren Natur. Sie ist ambivalent bezüglich Konventionen und den Kategorien von Ideen. Vielmehr basiert sie auf Indifferenz und dem Primat der Wahl. Sie ist ein Zufallsgenerator von Input, der den Wert des Irgendwas voraussetzt, das sich selbst zum Inhalt hat, schlichtweg indem Kommunikation in Gang gesetzt wird. Die Wirkung eines Teilnehmers wird hervorgerufen im Verhältnis zu seinen Eigenheiten und Fähigkeiten, innerhalb des Systems zusammenzuarbeiten.

Bis heute kommt dies am besten zum Ausdruck in meinen Performances Stranger (2004), Civic Mimic (2011) und The World To Darkness And To Me (2013, Göteborg Danskompani). Bei einer großen Anzahl von Performern werden andererseits zum Beispiel noch Gruppendynamiken gefördert wie bei ©oPirates (2010), Critical Gaze (2010), Logic Gate (2010), Set Of All Sets (2010). Da If/Then grundsätzlich dialektisch und ihr Inhalt immateriell ist, sind Interdisziplinarität und Kollektivität implizit. Alle Arten von Wissen sind potentiell konstruktiv. Die Arbeitsmethode äußert sich in immer feinerem Detail mit jedem künstlerischen Prozess: Aufführung, Publikation, Installation, öffentliches Gespräch, Workshop und Website.