Leiblichkeit und Körperlichkeit Der Leib als Umschlagstelle von Kultur und Natur

Boris Charmatz „Levée des conflits“; © Gianmarco Bresadola
Boris Charmatz „Levée des conflits“ | Foto (Ausschnitt): © Gianmarco Bresadola

„Natur und Kultur, sie scheinen sich zu fliehen“, so könnte man einen alten Satz Johann Wolfgang von Goethes abwandeln. Doch haben sie sich wirklich, „eh’ man es denkt, gefunden“? Und wenn ja, worin finden sie sich? Natur steht hier für das, was blindlings ohne unser Zutun geschieht, Kultur für all das, was wir Menschen aus uns und unserer Umwelt machen. Als Zwischenglied bietet sich der Leib an, aber nur dann, wenn wir die lebendige Leiblichkeit, die jedem von uns eigen ist, von der bloßen Körperlichkeit unterscheiden, die auch Himmelskörpern und Festkörpern der Physik zukommt.

Eigener Leib und Fremdkörper

Seit Beginn der Neuzeit erleben wir, wie die erfolgreiche Reduktion der Natur auf bloße Kausalabläufe und die Verwandlung der „Mutter Natur“ in eine Rohstofflieferantin uns Menschen einholt und unseren Leib in eine Körpermaschine zu verwandeln droht. Die Dualität von kulturell gepflegter Innenwelt und technisch bearbeiteter Außenwelt ist seit René Descartes ein Dauerthema. Es fehlt jedoch nicht an Revisionsversuchen, wie sie in jüngerer Zeit von der Phänomenologie des Leibes und der medizinischen Anthropologie ausgehen. Schon Blaise Pascal sieht im Menschen ein „denkendes Schilfrohr“. Denken und Schilfrohr, das klingt wie Feuer und Wasser. Doch tatsächlich erfährt der Mensch die Natur am eigenen Leib, während Spuren seines Tuns umgekehrt in der Natur auftauchen. Dabei fungiert der Leib, um mit Edmund Husserl zu reden, als „Umschlagstelle“, an der Kulturelles und Natürliches, Eigenes und Fremdes ineinander übergehen. Unser Leib ist Eigenleib und Fremdkörper in einem. Er ist mehr als bloßer Naturkörper, doch lässt er sich als solcher betrachten und behandeln. Kultur und Natur verschränken sich; es gibt nichts Menschliches, das nicht sowohl kulturell durchformt wie natürlich vorgeprägt wäre.

Leibliche Zwischenphänomene

Die gewöhnlichsten leiblichen Phänomene zeigen, wie sehr wir uns ständig auf der Schwelle von Kultur und Natur bewegen.
  • Das beginnt mit dem schlichten Gehen. Wenn der Epikuräer Pierre Gassendi Descartes’ Satz „Ich denke“ mit einem „Ich gehe“ pariert, so deutet sich an, wie viel der Gedankengang mit dem aufrechten Gang des Körpers zu tun hat. „Wir können nicht sagen, wir denken, wie wir gehen, wie wir nicht sagen können, wir gehen, wie wir denken“, so heißt es in Thomas Bernhards Text über das Gehen. Dennoch sind „Ich denke“ und „Es geht“ unzertrennlich, wie die alltägliche Fehlleistung des Stolperns erkennen lässt.
     
  • Beim Schwimmen würden wir untergehen wie ein schwerer Stein ohne Bewegungen, mit denen wir uns über Wasser halten. Die Natur wirft uns einen Rettungsring zu, indem sie Lebendiges mit spontanen Bewegungsimpulsen ausstattet. Dennoch müssen wir schwimmen lernen und Schwimmtechniken trainieren.
     
  • Die Hand, laut Aristoteles das „Organ der Organe“, fungiert als multiples Brückenglied, wechselnd zwischen zärtlichem Streicheln und gewaltsamem Zuschlagen, zwischen hantierendem Greifen und symbolischem Zeigen. Der Hirngeschädigte, den Kurt Goldstein in seiner Frankfurter Klinik untersucht hat, weist einen Mangel auf, der sich nicht rein physiologisch erklärt. Er vertreibt mühelos die Fliege von seiner Nase und vermag doch nicht, auf seine Nase zu zeigen.
    „Both Sitting Duet“ (2002), Jonathan Burrows und Matteo Fargion (Youtube)
     
  • Unsere Stimme nutzt natürliche Stimmorgane wie Kehlkopf und Atemapparat, während Ausdrucks- und Bedeutungsgehalt kulturell variieren. Doch in den „wilden Lauten“ der frühen Kindheit (Roman Jakobson), im Stimmbruch der Pubertät und in der Heiserkeit bricht die Rauheit der Natur durch. Die Stimme kann laut werden, wie „das Blech als Trompete aufwacht“ (Arthur Rimbaud).
     
    „Shouting Dance“ (2011), Jonathan Burrows und Matteo Fargion, ein Stück für junge Leute mit Nele Ghysen, Elisa Dumon, Myrthe Meylaerts, Gite Dexters, Wim Vandermaesen, Loes Daelemans, Teodora Dinicu, Kobe Vangronsveld & Karen Olaert. (Youtube)
     
  • Die Esskunst, die für unser leibliches Wohl sorgt, zeichnet sich aus durch eine wechselnde Nähe und Ferne zur Natur, die Claude Lévi-Strauss dem Gegensatz von Rohem und Gekochtem zuordnet. Wird das Essen auf Nahrungszufuhr reduziert und nach bloßen Kalorien bemessen, so droht das Leben im bloßen Überleben zu verkümmern.
     
  • Der Herzschlag, der im Herzklopfen und Herzversagen aus der Bahn gerät, ist kein bloßer Indikator extremer Gefühlszustände; in ihm verkörpern sich Schübe ausbrechender Freude oder beklemmender Angst. Nicht umsonst gilt das Herz als ein bevorzugtes Körpersymbol.
     
  • Zum Leib gehört die raumzeitliche Orientierung. Die Raumstelle, die ich einnehme, lässt sich in ein Kartennetz einzeichnen wie der nahe Kirchturm; doch der Ort, an dem ich mich leibhaftig befinde, bildet einen Nullpunkt, an dem das Hier und Jetzt entspringt und von dem aus sich Nähe und Ferne ausbreiten. Keine Lebenswelt ohne leibliche Situierung, keine Globalität ohne Lokalität.

Leib und Leben

Risse und Falten gefährden die leibliche Existenz, doch halten sie diese auch lebendig. Wäre unser Leib aus einem Guss, so würde die Leiblichkeit in einer fixen Körperlichkeit erstarren.