Mittel zur Mobilisierung Die partizipative Politik des Tanzes

„Experience#1“ von Isabelle Schad; © Kalai Chen
„Experience#1“ von Isabelle Schad | Foto (Ausschnitt): © Kalai Chen

Tanz ist heute eng verbunden mit der gegenwärtigen politischen Notwendigkeit, Mittel zur Mobilisierung zu entwickeln: Was bei vielen Performances im Zentrum steht, ist eben genau dieser zusammenhängende, vermittelte und soziale Aspekt von Bewegung. Durch Tanz können wir hinterfragen, auf welche Weise Körper sich versammeln und partizipieren, da der Tanz genau dadurch stattfindet, dass er zur Versammlung wird: Er ereignet sich durch das Werden der Vielen, er ist keine Repräsentation der Vielen.

Gemeinschaftliche und partizipative Identität der Gesellschaft wurde in der Geschichte oftmals durch den Tanz verkörpert, insbesondere mithilfe der choreografischen Anordnung von Körpern. Körper tanzten hauptsächlich miteinander, um die harmonische Beziehung zwischen dem Individuum und dem Kollektiv zu offenbaren, durch die die jeweilige politische Gesellschaftsformation bestätigt wurde. Sehr oft wurde dies so erklärt, dass der Tanz die politische und soziale Ordnung ästhetisch imitiere. Als Theoretiker der sozialen Choreografie behauptet Andrew Hewitt allerdings, dies könne man auch anders sehen: Soziale Ordnung wird auf der Ebene des alltäglichen Körpers hergestellt, auf diese Weise operiert Ideologie durch die Art und Weise, wie Körper gehen, sich bewegen, sich in Beziehung bringen. Das bedeutet, dass Tanz weniger die Gesellschaft imitiert als die Kontinuität zwischen alltäglichen Körpern und ihrer ästhetischen Artikulation erschließt und zeigt, wie soziale Ordnung ihre ideale Form aus dem Ästhetischen ableitet.

In diesem Sinne können wir auch die berühmte Beschreibung in einem der Briefe Friedrich Schillers lesen, der schreibt, er „wisse für das Ideal des schönen Umgangs kein passenderes Bild als einen gut getanzten und aus vielen verwickelten Touren komponierten englischen Tanz“. Tanz imitiert nicht die Gesellschaft, vielmehr wird durch das Tanzen direkt auf der körperlichen Ebene eine soziale Ordnung installiert. Körper verhalten sich auf eine gewisse Weise sozial, weil sie sich auch auf diese Weise bewegen. Diese Lesart ermöglicht es uns, Tanz auch auf andere Weise zu verstehen: nicht nur als ästhetische Imitation, sondern auch als aktive und produktive Kraft zur Etablierung verkörperter sozialer und politischer Vereinbarungen, Verhaltensnormen und Bewegungsabläufe, die gleichzeitig mit ideologischen Operationen verwoben sind. In diesem Sinne mündet Choreografie in den sozialen und politischen Bereich, aber nicht, weil sie in ihren Wirkungsweisen die Art und Weise reflektiert, wie Gesellschaft konstruiert ist, sondern weil sie tief in die soziale und politische Artikulation der Körper im Allgemeinen eingebettet ist.

Tanz und Mobilisierung

Diese Beobachtung gehört besonders in die gegenwärtige Zeit, die durch das starke Verlangen charakterisiert ist, die Politik neu zu erfinden und andere Formen politischer Mobilisierung zu suchen. Dieses Verlangen kann als Reaktion auf das allgemeine Gefühl der Erschöpfung unserer gegenwärtigen politischen Formen beschrieben werden und es kämpft gerade gegen die Herrschaft über unsere Körper an, die ihren Ursprung in den Interessen des Finanzkapitals und des Flusses der Wirtschaftsmacht hat. Es steht auch mit der Krise der Demokratie in Verbindung, die sich in der Verbindung mit dem Kapitalismus in die prozedurale Gestaltung politischer Interessen und bürokratischer Verwaltung der Mitwirkung verwandelt, ohne im Kern jedes demokratischen Unterfangens einen grundsätzlichen Dissens zu berücksichtigen. Oder mit anderen Worten: Die Aufmerksamkeit für die Mobilisierungskräfte, die Körper in Bewegung versetzen, könnte eine Menge über die politische Dimension der Gesellschaft und der Zeit, in der wir gerade leben, offenbaren.

Der Tanz allein kann im sozialen Bereich natürlich keine Veränderung bewirken, das wäre eine zu simple Schlussfolgerung. In seinem einflussreichen Buch über die Beziehung zwischen Politik und Tanz legt Randy Martin, Professor an der New York University, dar, dass der Tanz an sich – vor allem, wenn er vor Zuschauern aufgeführt wird – die Möglichkeit hat, die Mittel, durch die Mobilisierung erreicht wird, reflektiert verfügbar zu machen. Tanz wird dann nicht als eine Einstudierung und Etablierung ideologischer Beziehungen zwischen Körpern betrachtet, sondern auch als Öffnung der greifbaren und prekären politischen Mobilisierungskräfte, die neu entstehen. Durch Tanz können wir die Möglichkeiten herausfordern, wie Körper sich versammeln und partizipieren, da der Tanz genau dadurch stattfindet, dass er zur Versammlung wird: Er ereignet sich durch das Werden der Vielen, er ist keine Repräsentation der Vielen. In diesem Sinn „kann das, was es in der Welt gibt, worum Menschen auf verschiedenste Weise kämpfen, auch im Tanz gefunden werden“,so Randy Martin.

Das Publikum und das Gemeinsame

Was viele heutzutage durch politische Bewegungen infrage stellen wollen, ist eine Lähmung der politischen Aktivität. Sie wollen die Notwendigkeit einer politischen Mobilisierung bekräftigen, die alternative Möglichkeiten des Zusammenlebens eröffnen und ein anderes Verständnis des Öffentlichen und des Gemeinsamen erfinden würde. Diese Suche nach neuen Mitteln der politischen Mobilisierung resultiert oftmals in der Forderung nach situativ verkörperten Erfahrungen, in der Organisierung von Körpern und Zusammenkünften, die die gegenwärtige Fetischisierung von Flexibilität und ständiger Bewegung herausfordern und gleichzeitig die körperlichen Praktiken politischer Partizipation und Solidarität entwickeln würde. Das ist dann nicht so sehr eine Suche nach der neuen politischen Gemeinschaft oder der Ausgestaltung der neuen Identität, als vielmehr eine Suche nach verschiedenen Formen politischer, kultureller und sozialer Mobilisierung, durch die Demokratie auf herausfordernde Weise in die Praxis umgesetzt werden kann. Viele Erkundungen in der jüngsten choreografischen Praxis, die sich auf Partizipation und gemeinschaftliche Erlebnisse konzentrieren, könnten mit diesem erneuerten Interesse für die Kraft der Mobilisierung im Allgemeinen in Zusammenhang stehen: insbesondere mit den Erkundungen, wie diese Kräfte mit der choreografischen Anordnung von Körpern und der Bildung von Versammlungen verwoben sind. Das neue Interesse an gemeinschaftlicheren Arbeitsmethoden und partizipierenden Formen von Anwesenheit könnte dann eng mit der neuen Suche nach schöpferischen Formen politischer Mobilisierung verbunden sein. Andererseits fordern die gemeinschaftlichen Arbeitsmethoden die hierarchischen Methoden heraus, wie Tanzperformances gemacht werden, und ersetzen damit die traditionelle Arbeitsteilung in der Performance.

Allerdings wirkt noch etwas im Interesse der gemeinschaftlicheren Arbeitsmethoden. Es ist nicht nur das Interesse für die Verminderung von Macht und auktorialer Geste, sondern auch die Erforschung der Mittel, durch die Zusammenarbeit mobilisiert wird, und wie diese gemeinschaftlichen Mittel und Wege neue Gefüge von Zusammenstellungen, Wechselbeziehungen und Beziehungen zwischen denen ermöglichen, die auf unterschiedliche Weise in die Performance einbezogen sind (sie schaffen oder sie ansehen). Die Performance kann aus der Summe der Aufforderungen entstehen, sie kann als eine Zusammenkunft verschiedener auktorialer Interventionen oder Verhandlungen stattfinden oder sich als Sammlung von Ansätzen und Spuren dessen, was sie noch werden könnte, zufällig ereignen. Auf diese Weise erkunden Performances, wie Zusammenkünfte sich bilden, und eröffnen damit auch eine neue, breiter gefasste Auffassung von Choreografie. Wir können sagen, dass der Tanz in diesem Fall eng verbunden ist mit der gegenwärtigen politischen Notwendigkeit, Mittel zur Mobilisierung zu entwickeln: Was bei vielen Performances im Zentrum steht, ist eben genau dieser zusammenhängende, vermittelte und soziale Aspekt von Bewegung. Gleichzeitig zeigt die choreografische Praxis sich nicht als eine Praxis zur Befehligung und Anordnung von Körpern oder als repetitive Einstudierung sozialer Verhaltensweisen des Körpers, sondern vielmehr als Labor potenzieller Mittel und Wege des Hervortretens, als Offenbarung der Methoden, wie Anordnungen Handlungen beeinflussen können.

Demokratie in der Choreografie

Wenn die Choreografie als eine aktive Kraft, die soziale und politische Vereinbarungen unterstützt, verstanden werden kann, wie am Anfang des Texts dargelegt, dann muss man auch an die Frage der Partizipation anders herangehen. Die Notwendigkeit, Partizipation zu mobilisieren, ist nämlich eng verbunden mit der Tatsache, dass Demokratie geschieht, weil es keine Gemeinsamkeit gibt. Das ist auch der Grund, warum Demokratie immer wieder neu verhandelt werden muss. Ein solches Verständnis von Demokratie ist besonders in der heutigen Zeit wichtig, wenn Partizipation zu einem gefeierten Begriff in der Kunst wird, oftmals jedoch mit sehr unterschiedlichen politischen Zielen und problematischen ästhetischen Ergebnissen. Choreografische Ansätze für Partizipation können uns heute tatsächlich zeigen, dass Partizipation nicht die individualistische Verantwortung eines jeden für ein harmonisches Zusammensein ist und dabei nicht so viel mit der partizipativen Totalität von Vorgehensweisen zu tun hat. Partizipation entsteht nämlich hauptsächlich aus einer antagonistischen Aktivität der Vielen und stellt dadurch die administrative und prozedurale Ausweitung der Inklusion infrage, die nichts daran ändert, wie Machtbeziehungen geschaffen und aufrechterhalten werden. Statt die Gemeinschaften zu inszenieren, erzeugt Choreografie dann vielmehr Gemeinschaften im Werden, sie eröffnet eine vielfältige und widersprüchliche Mobilisierung der Körper und ästhetischen Erfahrungen und fordert damit auch unsere demokratische und politische Praxis heraus.
 

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit der Tanzplattform Deutschland 2014, er erscheint zeitgleich in der Broschüre der Tanzplattform.

Tanzplattform Deutschland 2014
27.02.–02.03.2014, Kampnagel, Hamburg