Tanzfestivals Unter dem Leitstern internationaler Zeitgenossenschaft

Tanz im August: Trisha Brown „Early Works (Leaning Duets)“, © John Mallison
Tanz im August: Trisha Brown „Early Works (Leaning Duets)“ | Foto (Ausschnitt): © John Mallison

Aus dem Jahreskalender sind Tanzfestivals längst nicht mehr wegzudenken – auch wenn die Trennschärfen zwischen den Künsten verschwimmen und der Tanz heute überall zu Hause ist.

Festivals etablierten sich als neues Veranstaltungsformat in den 1990er Jahren, heute sind diese verdichteten Zeiträume aus den Spielkalendern nicht mehr wegzudenken. Bieten sie doch die Chance, eine Reihe von Stücken und Choreografen auf einmal zu sehen, von denen viele eigens anreisen: Denn auch die Internationalität gehört längst zum guten Ton, der Blick über die nationalen und auch kulturellen Grenzen. Zeitgleich erstarkte eine neue Figur im Tanz- und Theaterbetrieb, der Kurator. Unter einem alles umfassenden Konzept bringt er Disparates zusammen, Kunst und Theorie, Interdisziplinarität und verstärkt auch Interkulturalität. Damit soll das jeweilige Festival auch dessen persönliche Sicht auf die internationale Tanzszene wiedergeben, ein subjektives Porträt zeichnen.

Konzeptionswechsel im August

So wurde 2012 Deutschlands größtes Festival für zeitgenössischen Tanz, Tanz im August, neu konzipiert und sein Kuratorium durch eine Kuratorin abgelöst. 1988 gegründet von der Tanzpionierin Nele Hertling in West-Berlin, stand es von Anfang an im Zeichen der Avantgarde, des Experimentellen und Fragilen. Später wurde das Festival zusammen von der Tanzwerkstatt Berlin und dem Theater Hebbel am Ufer (HAU) getragen. Das Programm wurde von einem fünfköpfigen Kuratorium ausgewählt, das sich am Schluss den Vorwurf der Beliebigkeit gefallen lassen musste. Nach dem Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal am HAU wurde es aufgelöst. Unter neuer Leitung wird Tanz im August nun nur noch vom HAU ausgerichtet: Seine 25. Ausgabe im Jahr 2013 kuratierte Bettina Masuch, sie ließ dabei auch die Geschichte des zeitgenössischen Tanzes Revue passieren, warf mit jungen Choreografen aus Afrika, Asien und Südamerika jedoch auch einen Blick in seine Zukunft. Ihre Nachfolgerin ist die finnische Kuratorin Virve Sutinen, sie wird zunächst zwei Ausgaben leiten. Sie tritt kein leichtes Erbe an, gilt es doch, das Profil des Festivals neu zu schärfen. Längst steht Tanz im August nicht mehr nur für Nischenkunst, sondern auch für große Gastspiele, und Sutinen möchte beides zeigen. In Anbetracht seiner nationalen Alleinstellung verfügt sie über ein vergleichsweise kleines Budget: Die Kulturverwaltung stellt 225.000 Euro Fördergelder zur Verfügung, der Hauptstadtkulturfonds 400.000 Euro.

Der Hybrid als Norm

Tanz findet jedoch auch bei Theater- und Performancefestivals eine zentrale Stellung, beispielsweise beim frisch gegründeten Festival Foreign Affairs, veranstaltet von den Berliner Festspielen. Die erste Ausgabe 2012 bestellte die Grande Dame der europäischen Performanceszene, Frie Leysen, danach übernahm Matthias von Hartz die künstlerische Leitung. Foreign Affairs, auswärtige Angelegenheiten also oder Affären mit dem Fremden, trägt seine Internationalität bereits im Titel. Es möchte die Welt der „zeitgenössischen performativen Künste“ nach Berlin bringen – und auch diese Absichtserklärung zeigt den Wunsch, dem Zusammenrücken der Künste begrifflich nachzukommen. Dabei ist der Tanz im Programm stark vertreten: 2013 zeigte von Hartz unter anderem eine Werkschau mit fünf Arbeiten des Choreografen William Forsythe. Damit ergänzte er das stets nach Aktualität und Neuheit japsende Format Festival entscheidend: Hieran wird ablesbar, dass das Zeitgenössische ein Bewusstsein für seine Geschichte entwickelt und auch einen Überblick bieten möchte. Zudem möchte von Hartz Verbindlichkeit signalisieren, sein Einstehen für bestimmte Künstler. Da der Kurator auch in der Vergangenheit ökologische und ökonomische Themen in den Theaterbereich gebracht hat, etablierte er zudem eine neue Reihe zwischen Bildender Kunst, Theater und Theorie, die Gegenwartsphänomene befragt. Starke Kritik aber fing sich das Festival für den Zeitraum ein, in dem es stattfindet: Mit seinen drei Wochen im Juli ist es in eine unglückliche Nachbarschaft zu Tanz im August gerückt.

Tanz im Süden

Konkurrenz im eigenen Hause macht man sich in München nicht: Dort finden im Jahreswechsel die Biennalen Dance und Spielart statt. Seit 1995 zeigen sie sowohl Gastspiele als auch Uraufführungen und sind auf Zeitgenossenschaft spezialisiert. Für die Stadt ist dies umso wichtiger, als sie über keine überregional bedeutende freie Spielstätte verfügt; die Festivals finden an verschiedenen Spielorten statt. 2008 und 2010 wurde Dance von Bettina Wagner-Bergelt kuratiert, die stellvertretende Direktorin des Bayerischen Staatsballetts zeigte aktuelle Produktionen der internationalen Tanzszene. Die Ausgabe 2012 leiteten Nina Hümpel und Dieter Buroch, letzterer wird nun nur noch beratend tätig sein. Damit befindet sich auch die Konzeption des Festivals wieder in der Schwebe. Spielart wird von Tilmann Broszat und Gottfried Hattinger geleitet, unter wechselnden Themenstellungen laden sie wichtige Theatermacher aus der ganzen Welt ein.

… und im Norden

Auch beim jährlichen Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg sind große Tanzcompanien zu Hause. 1985 als Sommertheaterfestival gegründet, später als Laokoon bekannt, heißt es seit 2008 Sommerfestival. Es wird heute von András Siebold geleitet. Er setzt auf eine Mischung aus Kunst, politischem Diskurs und Popkultur und steht damit auch paradigmatisch für Kampnagel selbst. Im Jahresverlauf sind dort noch eine Reihe kleinerer Festivals zu sehen: So befragt das Live-Art-Festival die Natur dessen, was als Performancekunst gilt, und verkoppelt diesen Diskurs mit einem Thema – beispielsweise mit den Animal Studies. Und das Nordwind-Festival lädt im Winter zu einer Reise nach Nordeuropa und in die baltischen Staaten ein.

Gerade diese spezialisierten Themenfestivals wirken zukunftsträchtig, stellen sie doch eine Ergänzung und auch Infragestellung der Breitband-Programme der großen Festivals dar, die allesamt unter dem Leitstern der internationalen Zeitgenossenschaft stehen.