Tanz im Museum Bewegung zwischen Institutionen und Genres

Dr. Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg; © Bertold Fabricius
Dr. Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg | Foto (Ausschnitt): © Bertold Fabricius

Die wechselseitige Inspiration von Tanz und Bildender Kunst stellt Choreografen wie Besucher vor immer wieder neue Herausforderungen, wie Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg, im Interview erzählt.

Centre Pompidou in Paris, MoMA in New York, Tate Modern und Hayward Gallery in London: Sie alle umarmen derzeit den Tanz. Einer, der mit Arbeiten von William Forsythe oder Xavier Le Roy nicht erst seit heute wirkungsvolle Reibungen zwischen Choreografie und Bewegung im Kontext der bildenden Kunst sucht, ist Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg, eines der größten Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst in Europa.

Herr Luckow, bereits 2003 hatten Sie mit dem Projekt „Open the Curtain – Tanz und Kunst im Wechselspiel“, ko-kuratiert von Susanne Traub, die Direktion der Kunsthalle Kiel angetreten.

Die Kunsthalle Kiel ging um Jahre voraus. Ein „Museum in Motion“ war die Idee. Open the Curtain gab mit Performances von Boris Charmatz, La Ribot, Tino Sehgal den Auftakt. Installationen, Fluxus hat es in der Kunst seit den 1960er-Jahren schon gegeben, und mehr denn je bestätigt sich, dass die Haltung der Künstler eine Rolle spielt und nicht so sehr das Medium.

War Tino Sehgal damals schon in der Kunst bekannt?

Er war mir ein Begriff. Er arbeitete immer schon an Lösungen, wie er den Tanz in Auseinandersetzung mit den klassischen Präsentationsformen für die bildende Kunst bringt. Ein Erlebnis mit ihm macht das sehr plastisch: Ich war mit Sehgal in seiner Ausstellung im Guggenheim Museum in New York, wir schauten von oben in die Rotunde wo sich am Boden ein Tänzerpaar küsste, und er sagte nur: „Leihgabe aus dem MoMA.“ Dadurch bekam die Aktion eine Art Objektstatus. Wie ein Bild.

Erinnern Sie sich an die Resonanz auf „Open the Curtain“? Seitens der Besucher? Seitens der Künstler?

Für viele war es eine Entdeckung. Experimenteller Tanz und Konzepttanz waren noch nicht in den Köpfen. Und selbst die Künstler reagierten auf die Einladung überrascht, während sie heute gezielt den Museumskontext suchen – als Experimentierfeld: ein Raum, der zwar geschützt ist, aber für den Tänzer doch eine andere Öffentlichkeit darstellt als die Bühne in einer klassischen Theatersituation.

Wie gelangten 2010 William Forsythes „White Bouncy Castle“ und 2013 Xavier Le Roys „Retrospective“ in die Deichtorhallen? Sind die Choreografen an Sie herangetreten?

Beides waren Kooperationen mit Kampnagel. Dazwischen lag noch ein Projekt, das für mich mit Tanz zu tun hat: Antony Gormleys Horizon Field Hamburg.

Wie reagierte das Publikum auf die Installationen in den Deichtorhallen?

Partizipation ist ein wichtiger Aspekt. Im Museum ist sie schon länger Thema, seit den 1970er-Jahren macht man sich Gedanken um den participant viewer, der nicht nur passiv konsumiert, sondern aktiv in das Geschehen eingreift. Hier löst der Besucher etwas beim anderen Besucher aus. Oder, wie bei Xavier Le Roy, bei einem Tänzer. Bei Gormley musste man sich zusammentun, um die freihängende Platte in Bewegung zu setzen.

Und wie beurteilen Sie den künstlerischen Aspekt?

Manche bezeichneten White Bouncy Castle zwar als bessere Hüpfburg. Das sehe ich anders. Der ganze Raum wurde zum Kunstwerk, die Wahrnehmung der Leute änderte sich. Eine riesige soft sculpture, die man sich nicht nur anschauen, sondern in der man sich auch bewegen konnte. Den Steg zu Gormleys frei schwingender Ebene zu überqueren, bedeutete in eine andere Sphäre einzutreten. 120.000 Besucher kamen, das war wirklich verrückt. Das zeigt, es geht nicht mehr nur darum, etwas aus der Distanz zu betrachten.

Wie war es für Sie bei Xavier Le Roy, die Arbeitsweise von Tänzern hier im Museum zu erleben?

Faszinierend fand ich, wie das Publikum einbezogen wurde und wie die Tänzer die Stücke Xaviers mit Erzählungen aus ihrer eigenen Tänzerbiografie verknüpft haben. Man erfuhr etwas aus ihrem Leben und bekam den völlig neuen Eindruck, dass der Tanz eben nicht nur Hochkultur ist. Die Aufführung der Stücke hatte bei Le Roy ursprünglich jedoch viel mehr Spannung als in den Zitaten der Tänzer. Schade, denn darin liegt gerade das Besondere des Tanzes, dass er diese Intensität erzeugen kann. Diese Präsenz wünscht sich die bildende Kunst immer.

Ist der Tanz in dieser Beziehung für die Kunst ein Vorbild?

In abstrakter Weise: Wenn man etwas sieht, das sehr intensiv, sehr verdichtet ist, kann das einem eine Idee geben für die eigene Kunst. Im Sinne eines Anspruchs an eine Kraft, Größe, Vision und Präzision.

In „Retrospective“ übergibt Xavier Le Roy seine Kunst sinngemäß dem Museum. Wie beurteilen Sie das Bedürfnis nach Verwahrung der flüchtigen Tanzkunst?

Darin sind Museen der Tanzgemeinde einen Schritt voraus. Durch die Geschichte der Performancekunst haben sie Erfahrung damit, zeitbasierte Kunst zu archivieren, zu dokumentieren und entsprechende Regeln und Konzepte mit noch lebenden Künstlern zur Aufführung ihrer Stücke aufzustellen. Choreografen scheinen diesen Aspekt mehr zu bedenken. Dafür ist Tino Sehgal denn auch ein Vorreiter. Es gibt Filmabteilungen in Museen, warum nicht auch Tanzabteilungen? Allerdings will man den Theatern den Tanz ja nicht wegnehmen. Nicht dass es am Ende die Avantgarde nur noch in Galerien und Museen zu sehen gibt.