Urbane Tanzkunst in Deutschland Ursprünge und Anfänge

Niels Robitzky alias „Storm“
Niels Robitzky alias „Storm“ | Foto: Christoph Hübner

Niels Robitzky, alias „Storm“, schreibt über die Etablierung der urbanen Tanzkunst, die oft vereinfachend unter Hip-Hop-Tanz zusammengefasst wird.

Als Anfang der 1980er-Jahre Hip-Hop nach Deutschland kam, konnte niemand wissen, wie groß diese Kultur einmal werden würde. Damals wurden die Tanzformen Popping, Locking und B-Boying von den Medien unter dem Begriff Breakdance zusammengefasst. Auf den zweiten Blick wurde einem aber bewusst, dass diese Tanzformen alle ihre eigene Geschichte, Philosophie und ihren eigenen musikalischen Zugang haben. Diese Tanzstile existierten lange, bevor der Begriff Hip-Hop kursierte.

Locking wurde von Don Campbell aus Los Angeles entwickelt, der mit seiner Gruppe The Lockers hauptsächlich in den Siebzigerjahren tourte. Man tanzte zu Funk- und Soul-Musik. Durch die TV-Sendung Soul Train, bei der verschiedene musikalische Darbietungen in einer Art Clubatmosphäre vorgestellt wurden, verbreitete sich der Tanz über die gesamte USA. Da wir in Deutschland die Sendung nicht empfingen und erst Anfang der Achtzigerjahre über den Vorspann der ZDF-Sendung Breakdance. Mach mit – bleib fit den Stil Locking kennenlernten, war klar, dass es Missverständnisse geben musste. Niels Robitzky, alias „Storm“ – Popping Niels Robitzky, alias „Storm“ – Popping | Foto: Stormdance

„Popping“, „Snaking“ und „Roboting“

Mitte der Siebzigerjahre entstand das Popping im kalifornischen Fresno durch Sam Salomon und seine Gruppe, die Electric Boogaloos. Tanzstile wie zum Beispiel der Filmore Strut, das Snaking oder auch Roboting, die teilweise schon länger existierten, bei denen jedoch die Technik des Pops Bestandteil der Ausführung wurde, sind heute bei Meisterschaften unter Popping als Oberbegriff zusammengefasst. Beide Tanzarten – Locking und Popping – stammen also von der Westküste der USA. Niels Robitzky, alias „Storm“ – B-Boying Niels Robitzky, alias „Storm“ – B-Boying | Foto: Stormdance

„B-Boying“ und Breakdance

Nur das B-Boying, auch Breaking genannt, kommt aus New York und wird deshalb als der erste Hip-Hop-Tanz bezeichnet. Nun gab es im New York der Achtzigerjahre natürlich auch Locker und Popper, die sich in den gleichen Clubs aufhielten wie die B-Boys. So lag es für die Medien nah, einen gemeinsamen Oberbegriff für alle Tanzformen zu finden und so wurde das Phänomen „Breakdance“ geboren und auch bei uns in Deutschland vermarktet. Heutzutage outet man sich nicht nur als Laie, wenn man diesen Begriff verwendet, sondern steht in der Tradition eines europäischen Imperialismus, der die Hip-Hop-Kultur und somit auch einen sehr großen Teil der afro- und lateinamerikanischen Kultur ausbeutet.

Hinzu kommt, dass Breakdance mit pantomimischen Bewegungen, weißen Handschuhen, Spiegelbrille und Baseball-Cap zu elektronischer Musik der Achtzigerjahre assoziiert wird. Auch diese Klischees stehen in fast keinem Zusammenhang zu den genannten Tänzen. B-Boying tanzt man zum „Break“, dem rhythmisch-perkussiven Instrumentalteil eines Liedes. Daher nahm man sich das „B“ aus B-Boying und fand zu dem Begriff Breakdance. Die in Deutschland recht häufig angenommene Interpretation von „Brech-Tanz“, bezogen auf die abgehackten Bewegungen der Tänzer, erweist sich somit als falsch, da diese Bewegungsarten dem Popping zugerechnet werden. Niels Robitzky, alias „Storm“ – Locking Niels Robitzky, alias „Storm“ – Locking | Foto: Stormdance

„Hip-Hop Dance“, „House Dance“

Erst nachdem sich der Begriff Hip-Hop – wie beispielsweise auch in der Musik oder der Street-Art – ab 1982 für diese Kultur etablierte, wurden die Stilarten, die in den folgenden Jahren entwickelt wurden, unter dem Begriff Hip-Hop-Tänze zusammengefasst. Seitdem wird wie in der Hip-Hop-Musik meist zwischen „Old School“ und „New School“ unterschieden.

Aus dem sehr umfangreichen Vokabular – fast jeder Tanzschritt hat eine eigene Bezeichnung – entwickelte sich zu House-Musik Anfang der Neunzigerjahre in der Clubszene New Yorks der House Dance. House Dance wird aufgrund des Musikeinflusses jedoch nicht zu den Hip-Hop-Tänzen gezählt, wohl aber zu den urbanen Tanzstilen. Ähnlich verhält es sich mit den Tänzen Vogueing und Waacking.

„Streetdance“

Der kulturelle Wert urbaner Tanzkunst ist somit bis heute recht schwierig zu vermitteln. Die Breakdance-Modewelle von 1984 und Assoziationen zum Begriff Straßen-Tanz wirken grundsätzlich einer neutralen Betrachtung entgegen. Das große Missverständnis im Begriff Streetdance liegt darin, das Wort Street wörtlich ins Deutsche zu übersetzen. Im Amerikanischen wird der Begriff als Synonym für „überall“ verwendet. Das kann man mit Streetwear vergleichen, was im Deutschen nicht in „Straßenkleidung“ sondern in „Freizeitkleidung“ übersetzt wird.

Hinzu kommt, dass Künstler aus dem urbanen Umfeld von „Streetdance“ reden, wenn es um den Lernweg geht, der den autodidaktischen Zugang beschreibt. Während wir durch ständigen Dialog mit anderen und durch permanentes Reflektieren unsere Ausbildung in Angriff nehmen, bildet man im Ballett akademisch aus. So darf man den Begriff Streetdance nicht als einen Oberbegriff von Tanzstilen verstehen, sondern als das Gegenteil von „akademisch“. Ansonsten müssten wohl 99 Prozent aller Tänze als Streetdance bezeichnet werden. Denn auch Tänze wie Stepptanz, Capoeira, Tango, Salsa oder Kathak wurden in bestimmten sozialen Umfeldern entwickelt und haben sich auf die gleiche Weise wie die beschriebenen urbanen Tänze verbreitet.