Urbane Tanzkultur Entwicklungsgeschichte in Deutschland

Dany 1990
Dany 1990 | Foto (Ausschnitt): © Stormdance

Niels Robitzky, alias „Storm“, schreibt über die Etablierung der urbanen Tanzkunst in Deutschland. Er und seine Crew Battle Squad haben diese grundlegend geprägt.

Die Entwicklungsgeschichte des urbanen Tanzes in Deutschland lässt sich nicht innerhalb der Landesgrenzen erzählen, da Hip-Hop schon immer multikulturell war. Vielmehr lässt sich die Geschichte anhand der Künstler und Institutionen, die sich seit Beginn der 1980er-Jahre gegründet und etabliert haben, nacherzählen. Ich bin seit über dreißig Jahren selbst aktiv in der Szene tätig – und so ist es unvermeidbar, dass ich in diesem Überblick auch einen Teil meiner eigenen Geschichte erzähle.

Niels Robitzky, alias „Storm“, in „28yrs, 28mins“, 2011 in Suresnes (Youtube)

Kai Eikermann mit TDB und „Storm“ mit Battle Squad

Während französische Tanzkompanien wie Black Blanc Beur schon in den Achtzigerjahren mit einer Mischung von Hip-Hop und Afro- und karibischen Tänzen in den Theatern in Deutschland zu sehen waren, gab es für die wenigen professionellen deutschen Gruppen meist nur die Möglichkeit, in Varietés, Clubs und auf Galas aufzutreten. Hierzu gehörten Kai Eikermann mit seiner Gruppe TDB und ich, „Storm“, mit meiner Gruppe Battle Squad. Kai und ich waren ebenfalls dabei, als die Deutsche Oper Berlin ab Mitte der 1980er-Jahre eine Version der Oper Margarethe produzierte, in der wir Breaker die Höllenkreaturen spielten und Faust das Baby entrissen. Damals waren wir die einzigen Hip-Hop-Tänzer, die sich von ihrer Kunst ernähren konnten. Während sich Kai weiter in Richtung Varieté und Comedy orientierte, wandte ich mich der zeitgenössischen Bühne zu.

Anfang der Neunzigerjahre entwickelten sich viele Szeneveranstaltungen wie zum Beispiel die Battle of the Year, die sich mittlerweile zur größten B-Boy-Meisterschaft weltweit entwickelt hat. Unter einer Battle verstehen wir einen Wettkampf im Tanz. Hier werden kreative Entwicklungen und technische Weiterentwicklungen demonstriert. Seit dem Jahr 2000 füllt die Battle of the Year riesige Arenen und wird mittlerweile in der Volkswagenhalle in Braunschweig ausgetragen. Viele Gruppen erlangten durch die Teilnahme an diesem Wettbewerb weltweiten Ruhm und starteten ihre Karriere, nachdem sie hier den sportlichen Sieg erlangten. Meine Gruppe Battle Squad gewann in den Jahren 1991 und 1992. Noch im selben Jahr, 1992, ging ich nach New York und wurde Teil der Formation Ghettoriginal, der wohl ersten Tanztheater-Kompanie aus der Hip-Hop-Welt.
The Battle of the Year 2012 – FINAL – HIGHLIGHTS (Youtube)

Dirk Korell, Yacine Damblard – Sébastien Ramirez und Hyun-Jung „Honji“ Wang – Raphael Hillebrand

Von Frankreich aus agiert Dirk Korell, der nicht unwesentlich am Aufbau der urbanen Theaterszene in Deutschland beteiligt war. In Saint-Denis gründete er mit seinem Partner Yacine Damblard den Verein Moov’n Aktion und realisierte unter anderem das jährlich stattfindende deutsch-französische Festival Danse Hip-Hop Tanz. Über viele Jahre hinweg bildeten Korell und Damblard das Management für viele deutsche Hip-Hop-Tänzer und -Choreografen und ermöglichten einen regelmäßigen Austausch mit französischen Künstlern. Im Jahr 2010 gründete Korell in Montpellier das Produktionsbüro Camin Aktion und unterstützte das Erfolgsduo Sébastien Ramirez und Hyun-Jung „Honji“ Wang bei verschiedenen Produktionen. Ramirez, in Perpignan in Südfrankreich geboren, produzierte mit Raphael Hillebrand aus Berlin 2007 das Duo Seul Ensemble/Gemeinsam Einsam und lebt seit dieser Zusammenarbeit mit seiner Lebenspartnerin „Honji“ zusammen in Berlin. Ihre Produktion AP15 gewann 2013 den in New York vergebenen Bessie-Award für herausragende Performance.
Sebastien Ramirez & Raphael Hillebrand in „Seul ensemble/ Gemeinsam einsam“ (Youtube)

Flying Steps

Auch den Flying Steps aus Berlin, Gewinner der Battle of the Year 2000, ermöglichte Dirks Moov’n Aktion ihr Theaterdebüt durch seine Förderung. Ein Getränkehersteller sponserte sie bei dem Projekt Red Bull Flying Bach und brachte die Gruppe mit dem Opernregisseur Christoph Hagel zusammen. Es entstand eine Mischung aus verschiedenen Kompositionen von Johann Sebastian Bach, teilweise am Klavier und am Cembalo live gespielt, teilweise vom Band, die mit harten Rhythmen kombiniert wurden. Diese besondere Zusammenstellung der Musik wird von Flying Steps im Tanz interpretiert. Als Auftrittsstätten wurden grundsätzlich für Hochkultur bekannte Einrichtungen ausgewählt, um den Kontrast zum Urbanen zu untermauern. Red Bull Flying Bach wurde 2010 mit dem Echo-Klassik-Sonderpreis ausgezeichnet. Für ihre neue groß angelegte Produktion Red Bull Flying Illusion (2014) wurde das Cast durch mehrere international bekannte Tänzer erweitert.
Flying Steps „Flying to next Steps“ Trailer (Youtube)

Kadir „Amigo“ Memis und Takao Baba

Einer der Gründungsmitglieder der Flying Steps, Kadir „Amigo“ Memis, reflektiert besonders seinen türkischen Hintergrund. Er arbeitete bereits an mehreren Tanztheater-Projekten, die diese persönlichen Interessen widerspiegeln. In ZeyBreak näherte er sich einer Tradition aus seiner anatolischen dörflichen Heimat, dem Tanz Zeybek, welcher im Gegensatz zu seiner urbanen Berliner Hip-Hop-Heimat steht. Während Memis in den meisten seiner Bühnenarbeiten der türkischen Folklore Vorrang zu geben scheint, widmet er einen Großteil seines organisatorischen Engagements der urbanen Tanzszene. Mit seinem Partner Takao Baba gründete er die Dance Unity, eine Online- und Veranstaltungs-Plattform, die beispielsweise die internationale Tanzmeisterschaft Funkin’ Stylez organisiert und durchführt. Die Kreationen von Memis und viele andere Produktionen von Berliner Choreografen aus dem Hip-Hop-Umfeld, werden in Berlin meistens im Theater Hebbel am Ufer präsentiert, wo jedes Jahr auch viele regionale Ausscheidungen für Veranstaltungen wie Dance Delight und Juste Debout ausgetragen werden.
Kadir „Amigo“ Memis „The Thing With Feathers“ – Trailer (Youtube)

HipHop Academy Hamburg

Die HipHop Academy Hamburg sieht ihre Hauptaufgaben in der Jugendarbeit. Seit 2009 entwickelte sie auch ein Ensemble aus professionellen Künstlern und lädt jedes Jahr verschiedene Choreografen aus verschiedenen Wirkungsfeldern zur Zusammenarbeit ein. Mit dem Uppercut Danseteater aus Kopenhagen arbeitet sie seit 2012 zusammen. Die Dansekapellet – wie das Danseteater sich auch nennt – und die Hip-Hop Academy erarbeiteten die Projekte State of Mind und Responsability. Die Macher der Akademie sahen sich immer schon als Grenzgänger zwischen verschiedenen Kulturen. Die Akademie organisiert jährlich im Kulturzentrum Kampnagel eine Veranstaltung, bei der alle aktuellen Produktionen gezeigt werden.
„RESPONSIBILITY“ I HipHop Academy Hamburg & Uppercut Danseteater (Youtube)

Ruhrpottbattle und Pottporus Festival in Herne

Wie die Battle of the Year entwickelte sich über die Idee, Tanzmeisterschaften zu organisieren, eine weitere Institution: das Pottporus-Festival in Herne. Angefangen mit dem Ruhrpottbattle, entwickelte Zekai Fenerci im Ruhrgebiet ein einzigartiges Forum. Das Pottporus ist eng verbunden mit dem Renegade-Theater. Zekai Fenerci, Lorca Renoux und Markus Michalowski gründeten Renegade, um freie Tanztheaterproduktionen mit internationalen Partnern zu realisieren. Unter anderem produzierte es Irgendwo, eine Choreografie von Malou Airaudo und Extended Teenage Era von Samir Akika. Das Markenzeichen der Produktionen von Renegade ist die gleichberechtigte Kombination verschiedener Tanzstile und der Einfluss der künstlerischen Elemente der Street Art. Aus der urbanen Szene wirken hauptsächlich Tänzer mit, die sich über Jahre bewährten und in der urbanen Szene weltweit bekannt sind. So sind Christian „Robozee“ Zacharas von der Formation Animatronik und Denis „Koone“ Kuhnert von den Funk Fellaz in mehreren Produktionen präsent.
„Extended Teenage Era“ Trailer # 4, Hip Hop Tanztheater Performance von Samir Akika/LPP & Renegade Theatre im Pumpenhaus, Münster, (Youtube)

Christian „Robozee“ Zacharas und Denis „Koone“ Kuhnert

Beide, Zacharas und Kuhnert, verdienen an dieser Stelle Aufmerksamkeit: „Koone“ arbeitet ebenfalls mit mehreren zeitgenössischen Regisseuren und Choreografen zusammen. Ab 2008 arbeitete er fünf Jahre lang mit Constanza Makras. Im Jahr 2009 produzierte er seine erste eigene Produktion What happens after, eine düstere Liebesgeschichte. Inzwischen tourt er mit dem britischen Tänzer und Choreografen Akram Khan. Christian „Robozee“ tanzt heute bei den Flying Steps und gehört unter anderem auch dem Ensemble Animatronik an.

Raphael Hillebrand, Christian „Prince Mio“ Loclair und „Storm“

Auch die Berliner Raphael Hillebrand, Christian „Prince Mio“ Loclair und ich gehören der Gruppe Animatronik an, deren primäres Arbeitsfeld der illusionäre Tanz ist. Dem Duo Reflection von „Robozee“ und „Mio“ im Jahre 2006 folgten Produktionen wie 110, koproduziert von Moov’n Aktion und virale Videos, die neue Richtungen aufweisen und Experimente dokumentierten. „Prince Mio“ nennt sein Arbeitsgebiet „Tanzmedien Kunst“, er programmiert interaktive Videoprojektionen und beschäftigt sich mit Kinect-Kalibrierungsmethoden. Raphael Hillebrand brachte 2012 sein Solo Drei Brüder heraus und realisiert an verschieden Theatern in Deutschland Projekte, unter anderem 2012 Volxtanz am Freiburger Stadttheater.
Dokumentation über das Tanztheaterprojekt "volXtanz" am Theater Freiburg (Youtube)

Dialogic Movement und Break Anatomy

2006 entwickelten Hillebrand und ich das Bühnenformat Dialogic Movement. Mit unterschiedlichen Gästen beleuchten wir in Gesprächen und performativen Ausschnitten herausragende Konzepte, zukunftsweisende Stile und die verbindenden Merkmale der zeitgenössischen urbanen Kulturen. Wir wollen eine Schnittstelle bilden, an der urbaner und zeitgenössischer Tanz stärker zusammenwachsen und sich gegenseitig in ihren unterschiedlichen Entwicklungen unterstützen können.

Auffallend ist die Tendenz, dass urbane Tanzkunst Einzug in die Universitäten hält. Youngung Sebastian „Jaekwon“ Kim aus Köln von der B-Boy-Gruppe Reckless Crew hat neben einigen Theaterproduktionen, bei denen er mitwirkte, ein außergewöhnliches Programm erschaffen, das sich Break Anatomy nennt. Dieses wurde am Institut für Tanz und Bewegungskultur der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) initiiert. Ziel des Programms ist es, hochwertige Weiterbildung in der urbanen Tanzszene zu implementieren. Dafür gibt es intensive Seminare und eine sehr gute Vernetzung mit Szene-Gestaltern. Unter der Qualitätskontrolle der Universitäten werden das tanz- und kulturspezifische Wissen der Teilnehmer, die Ausprägung einer individuellen Tanztechnik und auch ihre didaktischen Kompetenzen weiterentwickelt.
„Dialogic Movement“, Künstlerische Leitung: Louise Wagner, Niels "Storm" Robitzky, Raphael Hillebrand (Youtube)

Marco Marcal und Sven „Poppin Hood“ Weller

Der Tübinger Marco Marcal ist Schriftsteller und Teilhaber des Tanzstudios Danzon. Er kreierte mit Sven „Poppin Hood“ Weller das an Goethes Zauberlehrling angelehnte Musik- und Tanztheatermärchen Voodoo Vibes. Das multimediale Duo zeichnet sich durch ein immenses Fachvokabular aus. In Zürich unterrichtet Marco übergreifende Prinzipien des urbanen Tanzes im Tanzwerk 101. Hier kann man in einem dreijährigen Studiengang das Schweizer Bühnendiplom HF (Höhere Fachschule) für zeitgenössisch-urbanen Bühnentanz erwerben.
Marco Marcal und Sven „Poppin Hood“ Weller „Voodoo Vibes“ (Youtube)

Tanzhaus NRW

Das Tanzhaus NRW in Düsseldorf ist die wohl bekannteste Einrichtung für die nachhaltige Entwicklung und Weitergabe der etablierten urbanen Tanzstile. Die Kombination von Lehrstätte, Veranstaltungs- und Theaterraum in zentraler Lage in Europa ist einzigartig. Die enge Zusammenarbeit der örtlichen Szene, die bei den meisten Veranstaltungen hauptsächlich von Takao Baba und „Joker“ vertreten wird, mit Stefan Schwarz, Renate Meyer und Petra Zeyer vom Tanzhaus NRW bildet ein unvergleichliches internationales Forum. Besonders erwähnenswert ist die gute Kooperation der beteiligten Personen. In Düsseldorf hat man es geschafft, die internationale urbane Tanzszene zu etablieren, indem man den Theaterraum nutzte. Das Black-Box-Theater wurde umfunktioniert zum Erlebnisraum. So wurden szenespezifische Veranstaltungen wie Funkin’ Stylez und Global Skillz serst möglich – neben dem Cyphers genannten dialogischen Austausch in üblichen Tanzkreisen. Das Tanzhaus NRW beherbergt die Kompanie Bad News und die Gruppe E-Motion, die seit Jahren mit Produktionen wie 2nd ID, und 10 Seconds unterwegs ist.
„2nd ID“, Emotion, Tanzhaus NRW (Youtube)