Foreign Affairs 2014 Museum und Bühne

Boris Charmatz „20 Dancers for the XX Century“ mit Ashley Chen, 27. und 28.06.2014, Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park
Boris Charmatz „20 Dancers for the XX Century“ mit Ashley Chen, 27. und 28.06.2014, Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park | © Jirka Jansch

Ausstellung und Aufführung, das sind zwei Seiten einer Medaille. Museen zeigen „immaterielle Kunstwerke“ und Theaterfestivals erforschen Ausstellungsformate. Die Berliner Festspiele widmeten diesem Thema 2014 einen Programmschwerpunkt im Rahmen des Festivals Foreign Affairs.

Mit dem Musée de la Danse, dem Dancing Museum oder zu deutsch Tanzmuseum wurde ein Arbeitszusammenhang vorgestellt, der kunstvoll mit den beiden Seiten spielt: aufführen und ausstellen. Der französische Choreograf Boris Charmatz übernahm 2009 die Leitung des Choreografischen Zentrums im bretonischen Rennes. Sein Vorhaben war, es in ein dem Tanz gewidmetes Museum zu verwandeln. Freilich darf man sich darunter kein im eigentlichen Sinne museales Projekt vorstellen. Vielmehr besteht das Ziel darin, Möglichkeiten auszuloten, wie sowohl Tanz als auch Museum sich zum künstlerischen Querschnitts-Denken verhalten können.

Eine der Arbeiten aus diesem Zusammenhang ist die Choreografie für großes Ensemble Levée des conflits (zu deutsch etwa Konfliktlösungen). Es soll, so Charmatz im Publikumsgespräch, das gesamte Bewegungsmaterial in einem Augenblick zeigen und gleichzeitig in immer neuen Variationen vorführen – als eine Art bewegte Skulptur. In Berlin fand diese Begegnung auf der Bühne statt, in klassischer Frontalansicht. Doch im New Yorker Museum of Modern Art war Levée des conflits in der Wandelhalle ausgestellt, im französischen Avignon auf einer öffentlichen Grünfläche gezeigt worden, bei der Ruhrtriennale auf einer Kohlenhalde. Das Stück bleibt nie, was es ist, und jeder sieht es immerzu anders.

Boris Charmatz „Levée des conflits“, Ruhrtriennale (Youtube)

Wandernde Monumente

Matthias von Hartz, Künstlerischer Leiter von Foreign Affairs, hatte auch noch zwei andere Projekte aus diesem Produktionszusammenhang eingeladen: 20 Dancers for the XX Century und Expo Zéro. Beide sind so etwas wie Wanderausstellungen. Das Format bleibt dasselbe, die Orte, die Teilnehmer und bisweilen auch die Inhalte verändern sich. 20 Dancers versammelt ebenso viele Akteure, die in einem festgelegten Zeitraum jeweils eine Position des Tanzes aus dem 20. Jahrhundert vorstellen, in Kommentar und Aufführung. In Berlin war das Sowjetische Ehrenmal in Treptow als Ausstellungsort gewählt worden. Man erfuhr etwas über russische und serbische Volkstänze, über Pina Bausch und Das Frühlingsopfer, über Ron Athey und Karl Marx. In einer ganz und gar nicht salbungsvollen Atmosphäre besetzte subjektives Tanzwissen ein ambivalentes Monument der Geschichte.
Boris Charmatz „20 Dancers for the XX Century“ – am Ehrenmal im Treptower Park, Berlin (Youtube)

Das Monumentale („What is monumental today?“ fragte die russische Gruppe Chto Delat in einem anderen Programmschwerpunkt) ist eng an die Macht gekoppelt; die alte und auch die neueste Geschichte beweisen das. Noch in der Zerstörung von Monumenten will sich die triumphierende Macht über die vergangene beweisen. Doch auch im Kunstbetrieb besteht der Widerstreit zwischen der Fixierung auf das Objekt als Monument künstlerischer Tätigkeit und der Performance als spurloser, rein erlebnisästhetisch begründeter Praxis.

Macht des Immateriellen?

In einer solchen Vermengung von Bühne und Schauraum kommt aber möglicherweise eine ganz andere Macht zum Vorschein: die Macht des Immateriellen. Denn wo Verflüssigung des Dinglichen in digitalen Prozessen zunehmend die Lebenswelt beherrscht, da ist vielleicht die Überführung von ästhetischer Museums-Erfahrung in Aufführungsstrukturen ein schleichender Sieg. Tino Sehgal etwa ist mehr noch als für seine Arbeiten selbst dafür bekannt, dass er keine Spuren produzieren will und sich das Kunstwerk in einen auratischen Gegenwartsmoment zurückzieht. Weil es keine Bilder oder Dokumente gibt, reißt das situative Kunst-Stück alle Aufmerksamkeit an sich. Man spricht mehr über das Abwesende als über das Sichtbare.

Monument und Bürgerlichkeit

Einen solchen Triumphalismus strebt das Musée de la Danse unter seinem Leiter Boris Charmatz allerdings nicht an. Expo Zéro lebt zwar ebenfalls von der direkten Begegnung mit den beteiligten Künstlern (die oftmals eher Redner und Rhetoren sind), schafft aber einen Begegnungsraum, der sich keineswegs der Nachwelt verschließen will. Im Dialog erst entfaltet sich der Ausstellungsinhalt, als Potential des Wissens und der Erfahrungen, die Tänzer und Zuschauer in den Ausstellungsraum mitbringen.

Dass mit 20 Dancers und Expo Zéro ihren Berliner Versionen zugleich die Extreme bürgerlich-monumentaler Gepflogenheiten zitiert wurden, dürfte kein Zufall sein. Denn zwischen dem historisch aufgeladenen Soldatenfriedhof in Treptow und einer mit Rigips-Applikationen zum Galerieraum neutralisierten großbürgerlichen Wohnung in Schöneberg mit ihrer Abfolge intimer Gemächer und Kabinette, in denen an Tanz erinnert wird, breitet sich die Palette von Erfahrungsformen aus, die mindestens das 20. Jahrhundert geprägt haben. Insofern ist die Kunstmedaille auch harte Währung, ganz gleich von welcher Seite man sie betrachtet.