Heterotopie Ein möglicher Ansatz, intermediale Kunstformen zu analysieren

„Heterotopien. Perspektiven der intermedialen Ästhetik“, Nadja Elia-Borer / Constanze Schellow / Nina Schimmel / Bettina Wodianka (Hg.)
„Heterotopien. Perspektiven der intermedialen Ästhetik“, Nadja Elia-Borer / Constanze Schellow / Nina Schimmel / Bettina Wodianka (Hg.) | Cover (Ausschnitt) © Transcript Verlag

Ein Raum besteht nicht nur aus dem, was man sieht, hört und spürt. Die letzte, aus dem Forschungsprogramm „Intermediale Ästhetik: Spiel – Ritual – Performanz“ des Schweizerischen Nationalfonds hervorgegangene Publikation wendet sich der Kunst und ihren Räumen zu.

Aus dem Werk des französischen Philosophen Michel Foucault hat sich ein dem essayistischen Denken entsprungener Neologismus als besonders nachhaltig erwiesen: die Heterotopie. Die mehr oder weniger losen Vorträge und Skizzen, in denen Foucault diesen Begriff konturiert, scheinen die gegenwärtige Verfasstheit unserer Lebenswelt treffend zu beschreiben. Heterotop, das ist gemeinhin all jenes, das andere Zeiten birgt, andere Räume eröffnet, als die im Hier und Jetzt präsenten. Es verwundert wenig, dass der Begriff heute auch jenen technischen Apparaturen zugeschrieben wird, die eine scheinbare Überwindung von Zeiten und Räumen ermöglichen. Die ausgestattet mit Bildschirm und Kamera, Mikrofon und Lautsprecher und vor allem mit Speicher Distanzen minimieren und eine Verdichtung des Zeit-räumlichen Gefüges vornehmen.

So nachhaltig – man möchte fast sagen inflationär – sich die Heterotopie als Konzept verbreitete, so unauflösbar blieb die Paradoxie, die ihr eingeschrieben ist. Der von Foucault geprägte Begriff vereint einen Ort mit einem anderen, als ob diese deckungsgleich wären. Die Heterotopie bewerkstelligt zwar eine Überlagerung von unterschiedlichen Räumen und Zeiten, eröffnet dabei aber letztlich einzig jenen Raum, der zwischen dem einen und dem anderen liegt: die Differenz. Die Heterotopie macht also nicht andere Zeiten und andere Räume präsent oder zugänglich, sondern fokussiert auf das Differente und Abwesende, auf das Dazwischen.

Medien und Formen

Auf dieses Dazwischen richten sich die Ausführungen des Bandes Heterotopien. Perspektiven der intermedialen Ästhetik. Es ist durchaus ein gewagtes Unterfangen, sowohl die Heterotopie, als auch die intermediale Ästhetik auf den Titel eines geisteswissenschaftlichen Kompendiums zu setzen, in der Hoffnung, die Potenzierung des Undefinierten könnte zu seiner Perspektivierung beitragen. Den Herausgeberinnen ist die Fallhöhe ihres Unterfangens bewusst. Bereits in den ersten Zeilen kokettieren sie mit den Zweifeln rund um die produktive Aneignung des Begriffs: „Was könnte der anhaltenden und in zahllosen Disziplinen ausufernden Debatte um die Heterotopie noch hinzuzufügen sein?“ fragen sie, ehe sie zur Erörterung dieser und anderer Fragen mehr als 600 Seiten folgen lassen.

Den zentralen Ausgangspunkt bildet jene Intermedialität, die gleichsam der Kunst und dem Alltag, dem Konkreten und dem Imaginären zugeschrieben wird und die ebenfalls nur im Dazwischen in Erscheinung tritt. Da Medien mittlerweile nicht mehr technologisch determiniert sind, sich von ihren materiellen Trägern emanzipiert haben, treten sie gegenwärtig nur mehr als reine Formbezüge und -interferenzen auf, so eine der provokanten, einleitenden Thesen der federführenden Medienwissenschaftler. Nicht aus den materiellen Unterschieden von Radio, Fernsehen, Film und Computer lässt sich eine Vorstellung von Medien und ihrer spezifischen Qualität konturieren. Medien müssen aufgrund ihres „posttechnischen Status“ allgemein als kulturelle Repräsentationsformen begriffen werden, deren jeweilige Qualität nur im Unterschied zu anderen Formen deutlich wird. Das Medium gleicht somit all jenen Phänomenen, die einen Prozess der Formung vornehmen – nicht zuletzt der Kunst und ihren unterschiedlichen Verfahren. Und da Medien nunmehr einzig und alleine als formendes Prinzip evident werden, sieht sich die dazugehörige Wissenschaft gezwungen, im Feld der Ästhetik zu wildern. Meint „intermediale Ästhetik“ also letztlich, dass die Medienwissenschaft heute die bessere Kunstwissenschaft ist, in welcher die verschiedenen kulturellen und artifiziellen Repräsentationsformen ohne methodische Einschränkungen verglichen werden können?

Das, was daraufhin im Band als Repräsentationsform gefasst und analysiert wird, zeigt eine beträchtliche ästhetische Bandbreite: Choreografien, Musik-, und Theateraufführungen, sowie situationistische Performances und Video-Installationen, aber auch Filme und Dokumentarfotografien fallen ebenso darunter wie Beispiele aus den klassischen literarischen Gattungen wie Drama und Roman. Auch jüngere Formate wie Computerspiele, virtuelle Kartendienste und die im derzeitigen wissenschaftlichen Diskurs obligatorische TV-Serie werden als Repräsentationsform rubriziert und analysiert. Die Mehrzahl der Beispiele passt in der Tat nicht so recht in die traditionellen Gattungspoetiken, Ästhetiken und in den wissenschaftlichen Fächerkanon – ob in ihrem Fall nun der Bezug auf Intermedialität ein Ausweg ist?

Erkenntnisgewinn zwischen den Disziplinen

Die Verfasserinnen und Verfasser der einzelnen Artikel folgen weniger der durchaus strittigen Prämisse einer intermedialen Ästhetik, sondern bringen im Gegenteil den Widerstand des ihnen zugrunde liegenden, geformten Materials und der dazugehörigen fachwissenschaftlichen Methode ins Spiel. Sie wirken hierdurch der Definition von Kunst und Kultur als Formungsprozess entgegen. Kunst mag zwar durchaus mediale und formgebende Prinzipien verhandeln, sie ist aber stets an konkrete Materialitäten gebunden, nicht zuletzt durch ihre Rezipientinnen und Rezipienten. Sie zeitigt in der Rezeption weitere, sozialpolitische oder ökonomische Aspekte, die deutlich über die Frage nach der Form hinausweisen und ist hierbei ganz und gar dem Moment verhaftet. Entsprechend werden in den Artikeln nicht nur Gegenpositionen zur Auffassung von Kunst als Medium, sondern auch zu Foucaults Konzept der Heterotopie skizziert, und der Blick verstärkt auf die Spezifik des jeweiligen Kunstwerkes und der ihm eigenen Wirkweise gelenkt. Auch darüber lässt sich zum Abwesenden und Differenten vordringen und ein Anschluss für die weitere, allgemeinere Theoretisierung herstellen.

Der Titel Heterotopien. Perspektiven der intermedialen Ästhetik stellt somit eine metaphorische Klammer dar, die, indem sie Widerspruch evoziert, durchaus divergente Ansätze aneinander zu binden vermag und die Qualitäten der jeweiligen Fachwissenschaft sowie die Spezifik der von ihr analysierten Form hervortreibt. Die geisteswissenschaftlichen Disziplinen gewinnen offensichtlich, wenn sie sich dem konkreten Objekt zuwenden und sich nicht vorderhand zu metatheoretischen und diskursiven Höhenflügen aufschwingen, wenn sie sich ihrer Differenzen und ihrer Heterogenität bewusst bleiben.

Foucaults Heterotopie lässt sich, so die Herausgeberinnen, demnach auch anders verstehen: Nicht als passe-partout-Begriff, der alle Formen von Kunst und Kultur subsummiert, sondern als Metonymie, die jene notwendigen Verschiebungen deutlich macht, die in der gemeinsamen Diskussion unterschiedlicher Kunstformen zwangsläufig auftauchen muss. Die Heterotopie wird somit als ein Prinzip deutlich, das die vorgegebenen Diskurs(an)ordnungen in Bewegung versetzt und das Dazwischen von Wissensfeldern und universitären Disziplinen als jenen Raum markiert, an dem Erkenntnis möglich ist.