Tanz und Fußball Bewegung analysieren

Bildschirme mit Videodaten, Positionsdaten und Ergebnissen mittels neuronaler Netze aus dem WM-Endspiel 2006
Bildschirme mit Videodaten, Positionsdaten und Ergebnissen mittels neuronaler Netze aus dem WM-Endspiel 2006 | Foto (Ausschnitt): Daniel Memmert, Deutsche Sporthochschule Köln / Institut für Kognitions- und Sportspielforschung

Fußballanalysen stehen hoch im Kurs. Spiele lassen sich sogar mit Hilfe der Kinetographie, also der Tanzschrift Rudolf von Labans, in den Kunsthimmel katapultieren.

In der zwölfteiligen Videoinstallation Deep Play, einer Hommage auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland von Harun Farocki für die Kasseler Documenta 12, trafen Tanz und Fußball mit kinetographischen Aufzeichnungen einer Tanzexpertin vom Endspiel der WM 2006 und mit sportwissenschaftlichen Grafiken und Animationen aufeinander. Bewegungsforschung ist ein Topthema für Sport- und Tanzwissenschaftler.

Der Sportpsychologe Bernd Strauß von der Universität Münster forscht über den sogenannten Heimvorteil, gemäß dem eine Fußballmannschaft bei einem Spiel im eigenen Stadion bessere Sieg-Chancen hat als bei einem Auswärtsspiel. Er nutzte dafür internationale Daten von 684.162 Spielen aus 196 Ländern des internationalen Fußballverbands FIFA (französisch Fédération Internationale de Football Association). Daniel Memmert, Leiter des Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, entwickelte in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Jürgen Perl von der Universität Mainz das Computerprogramm Soccer. Durch die Aufzeichnung direkt am PC umgeht man die mühselige, sechs- bis acht-stündige handschriftliche Analyse eines 90-minütigen Spiels von Video auf Papier.

Aus Videodaten beziehungsweise Positionsdaten werden mittels neuronaler Netze typische fußballspezifische taktische Formationen und Muster extrahiert Aus Videodaten beziehungsweise Positionsdaten werden mittels neuronaler Netze typische fußballspezifische taktische Formationen und Muster extrahiert | Foto: Daniel Memmert, Deutsche Sporthochschule Köln / Institut für Kognitions- und Sportspielforschung Die Notation von Tanzstücken dient, wie musikalische Partituren, vor allem als Gedächtnisstütze für die Wiedereinstudierung und Erhaltung einer Choreografie. Schriftlich festgehalten werden Choreografien in den beiden nur für Experten lesbaren Notationen Kinetographie und Choreologie. William Forsythes noch in der Erprobungsphase befindliche Motion Bank basiert auf Computer-Technik. Für künstlerische  Analysen gibt es keine einheitlichen Methoden, beklagten Tanzwissenschaftler bei einem Symposium an der Universität Bern 2010. Denn Kunst kennt fast keine Regeln. Immerhin: Am Institut für Tanz und Bewegungskultur der Deutschen Sporthochschule Köln unterrichtet Denise Temme „Kompositionsanalyse“. Josephine Felger untersuchte an zwei unterschiedlichen Choreografien die Interaktion von Bewegung und Musik.

Neue Macht im Fußball-Imperium

Im „Kampfsport“ Fußball aber können sportwissenschaftliche Erkenntnisse Einfluss auf die Entwicklung einer Mannschaft und von Spielern nehmen. Körperhaltung, Sprinttempo, Laufleistung, Ausdauer, Elfmetertaktik und viele statistische Details lassen sich sozusagen mit einem Klick messen. Vier Bildschirme sind während eines Spiels an Daniel Memmerts Computer angeschlossen. So können auch Spielaufbau und Positionen, Aktionen und Reaktionen, taktische Schwächen und Fehler beider Teams parallel registriert und den Trainern Alternativen vorgeschlagen werden. Sportwissenschaftler agieren als neue Macht in den Kulissen des Imperiums Fußball.

Daniel Memmert vor den kognitiven Tests des Instituts: es wird davon ausgegangen, dass beispielsweise Kreativität mit dem Arbeitsgedächtnis und der Aufmerksamkeitsbreite zusammenhängt Daniel Memmert vor den kognitiven Tests des Instituts: es wird davon ausgegangen, dass beispielsweise Kreativität mit dem Arbeitsgedächtnis und der Aufmerksamkeitsbreite zusammenhängt | Foto: Daniel Memmert, Deutsche Sporthochschule Köln / Institut für Kognitions- und Sportspielforschung Daniel Memmert hält vier Trainerlizenzen. Seit 2008 forscht der 43-Jährige mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft über Simulation und Analyse von Kreativität mit künstlichen neuronalen Netzen.

Neuronale Netze sind Verbindungen verschiedener Nervenzellen im Nervensystem, die in einem funktionellen Zusammenhang mit einander stehen. Künstliche neuronale Netze werden bereits in der Wirtschaft genutzt und sind auch schon für verschiedene Sportarten entwickelt worden. Im Fußball dienen sie der Erkennung von Mustern oder zur Durchführung von Simulationen, um kreative Prozesse zu optimieren und den Zufall zu minimieren.

Vom Straßenfußballer zum kickenden Millionär

Ebenso wie Primaballerinen oder Musiker mussten Stars wie David Beckham, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Mario Götze und Neymar rund 10.000 Stunden üben, um eine Chance zu bekommen, in die Top-Ligen verpflichtet zu werden. Viel zu wenig wahrgenommen wurde bis vor wenigen Jahren sowohl im Tanz als auch im Fußball die Basis für eine große professionelle Karriere. Heute predigen Tanzpädagogen wie Sportfunktionäre: Vor dem Üben kommt das Spielen. Denn es gilt zunächst, die kindliche Kreativität und Intuition zu wecken. In dieser rein spielerischen Phase schält sich oft das Talent heraus. Die Leidenschaft erwacht, Fußballer oder Tänzer und nichts anderes zu werden.

Zu wenig seien bisher auch Psyche und Kognition in den Bewegungskünsten berücksichtigt worden, beobachten übereinstimmend Sportpsychologen und Tanzpädagogen wie Martin Puttke, der mit Danamos (englisch Dance Native Motion System) eine neue, natürlichere Trainingsmethode für die klassische Ballettausbildung entwickelt hat, die das eigenständige Denken und die individuelle Kreativität fördern soll. Der rigide Kanon von 450 Posen wird im Wesentlichen auf die sieben menschlichen Grundbewegungen reduziert. Im Fußball sprechen Sportpsychologen von Selbstwirksamkeit, die es zu unterstützen gilt. Gemeint ist die ideale Mischung von Kreativität, Eigeninitiative und Selbstvertrauen. Dass jedes Spiel im Kopf entschieden wird, ist längst eine Binsenweisheit.

Verblüffend vieles lässt sich statistisch belegen. Meisterschaften und Pokale gewannen international am häufigsten Mannschaften in roten Trikots – nicht nur der FC Bayern München. Blau gewann noch nie die Deutsche Meisterschale. Den Dortmunder BVB-Spielern allerdings nutzte das Tragen ihrer Champions-League-Trikots in der Bundesliga überhaupt nichts, um ihren negativen Bundesliga-Lauf zu beenden.  Ein bisschen Glück und Pech wird beim Fußball immer im Spiel sein. Gerade das aber macht auch für Experten wie Daniel Memmert, Jürgen Perl und Bernd Strauß den Zauber dieses deutschen Nationalsports aus.
 

Literatur

Daniel Memmert, Bernd Strauss, Daniel Theweleit: „Der Fußball. Die Wahrheit“. Süddeutsche Zeitung Edition 2013

Bernd Strauß, Dennis Riedl et al: „The Global Home Advantage in Soccer: Status, Developments and Causes”, WWU Münster 2014 

Josephine Fenger: „Auftritt der Schatten. Tendenzen der Tanzanalyse“. epodium Verlag, München 2009