Musik und Tanz Ein interdisziplinäres Zeitalter

„Loops & Lines“ (2013) von Stephan Thoss und dem Ensemble Modern am Staatstheater Wiesbaden;
„Loops & Lines“ (2013) von Stephan Thoss und dem Ensemble Modern am Staatstheater Wiesbaden; | © Lena Obst

Roland Diry, Geschäftsführer des Ensemble Modern in Frankfurt, im Interview über seine Erfahrungen mit Kooperationen zwischen Musik und Tanz.

Herr Diry, mit dem Ensemble Modern haben Sie unterschiedliche Inszenierungen mit Choreografen realisiert, beispielsweise 2008 mit Sasha Waltz „Jagden und Formen“, eine Komposition von Wolfgang Rihm, für das Festival Frankfurter Positionen. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Für dieses Werk gab es mehrere „Wachstumszustände“ und ich hatte damals bei der Diskussion über das Programm der Frankfurter Positionen die Idee, Wolfgang Rihm zu fragen, ob er sich vorstellen könne, nach einer weiteren Arbeit an der Komposition, diese für eine Choreografie zu verwenden. Das dann entstandene Werk ist durch seine Komplexität und die Dauer von 55 Minuten sowohl für die Choreografie als auch für die Tänzer eine große Herausforderung geworden.

Wie sind Sie weiter vorgegangen?

Wir hatten schon lange großes Interesse an den Arbeiten von Sasha Waltz und stießen wiederum bei ihr auf Interesse für dieses Projekt. Noch lange vor Probenbeginn haben wir den Tänzern und dem choreografischen Team das Stück vorgespielt; beide Seiten haben diese Gelegenheit dafür genutzt, sich auszutauschen. In Gesprächen haben die Musiker zudem festgelegt, wie weit sie bereit sind, sich jeweils auch als Bühnenakteure einzubringen. Im nächsten Schritt haben wir eine Einspielung dieser Uraufführungsfassung des Werkes vorbereitet, mit der die Company proben konnte. Gleichzeitig haben wir Vorschläge gemacht, wie man diese große Partitur „übersetzen“ kann. Wichtig war es, auch für die Proben einen Dirigenten einzubringen, der bereit war, die Partitur für das choreografische Team und die Tänzer aus musikalischer Sicht transparenter zu machen, sie aufzubereiten.

Wie sind nach Ihrer Erfahrung die Bewegungsmöglichkeiten der Musiker? Es erfordert ja schon bestimmte Bewegungen, um Musik zu erzeugen, welche Spielräume gibt es dafür?

Das ist sicher individuell unterschiedlich, aber jeder von uns hat gelernt, sich aus dem reinen Spiel seines Instruments heraus aktiv in eine Szene zu begeben. Grundsätzlich gibt es eine hohe Bereitschaft dazu, aber natürlich ist es auch vom Instrument abhängig, ob sich die Vorstellungen des Choreografen oder der Choreografin realisieren lassen.

„Jagden und Formen“ (2008) von Sasha Waltz&Guests und dem Ensemble Modern für das Festival „Frankfurter Positionen“. „Jagden und Formen“ (2008) von Sasha Waltz&Guests und dem Ensemble Modern für das Festival „Frankfurter Positionen“. | © Dominik Mentzos Photography Wie verändert sich ein Musikstück, wenn eine Choreografie dazukommt, so wie das bei „Jagden und Formen“ der Fall war?

Das war für mich ein wunderbares Lehrstück. Ich bin von Haus aus Klarinettist und habe bei den Uraufführungen verschiedener „Zustände“ von Jagden und Formen mitgewirkt. Ich kenne die Struktur des Werkes also sehr gut. Und ich finde es überaus beeindruckend, wie die Choreografie nicht nur auf Klang, Struktur und Besetzung reagiert, sondern darüber hinaus geradezu die Architektur dieses Stückes spiegelt, sodass für den Zuschauer und Zuhörer erkennbar wird, wie die verschiedenen Elemente zusammenwirken.

Motivieren solche Erfahrungen dazu, die interdisziplinäre Arbeit fortzusetzen?

Ja, unbedingt. Doch da beide Institutionen – sowohl die Tanzcompanie als auch das Ensemble Modern – nur zu einem kleinen Teil durch öffentliche Gelder finanziert werden, müssen die Kosten einer Aufführung durch einen Veranstalter oder Partner komplett abgedeckt werden. Das betrifft auch die Kosten, die sonst durch öffentliche Träger übernommen werden, wie zum Beispiel die Gehälter von Musikern oder Tänzern eines staatlichen Hauses. Das macht es schwer, solche Produktionen so oft zu zeigen, wie es gewünscht wird und wie man es selbst auch gerne möchte.

Ist die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, die das Ensemble Modern spielt, grundsätzlich interdisziplinärer angelegt?

Definitiv. Wir befinden uns in einer Zeit, in der man das Geschehen in anderen Künsten sehr aufmerksam verfolgt, da sie auch Anregungen für die eigene Disziplin geben. Wir bewegen uns geradezu auf ein interdisziplinäres Zeitalter hin.

Ende 2013 haben Sie mit dem Staatstheater Wiesbaden und seinem Choreografen Stephan Thoss „Loops and Lines“ realisiert, darin ging es um Rudolf von Labans Bewegungslehre.

In einigen Tryout-Phasen hat Stephan Thoss uns seine Ideen zur Bewegungslehre von Labans vorgestellt und wir haben gemeinsam überlegt, welche Werke sich dafür besonders eigneten. Letztlich wurden drei existierende Werke ausgewählt und eine Improvisation gemeinsam erarbeitet. Diese direkte Kooperation war für uns von großem Reiz. Wir haben uns auf amerikanische Vertreter der Minimal Music konzentriert. Bei Steve Reichs Eight Lines ist die räumliche Situation durch die Positionen zweier Klaviere gegeben, um die sich das restliche Ensemble gruppiert, während bei John Adams‘ Shaker Loops mit den sieben „beweglichen“ Streichern auf der Bühne alles Erdenkliche ausprobiert werden konnte.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Probenpraxen von Musik und Tanz gemacht? Während im Tanz alles gemeinsam im Studio entwickelt wird, ist die Musik ja häufig präexistent.

Auch in den drei Musiktheaterproduktionen des Ensemble Modern mit Heiner Goebbels gab es lange Tryout-Phasen. Hier haben wir Erfahrungen gesammelt, wie wichtig auch Ideen des einzelnen Mitwirkenden werden können – ganz unvorhersehbar. Dinge, die am Anfang nur einmal ausprobiert wurden, können am Ende wieder aufgegriffen werden und eine prominente Rolle einnehmen. Diese Frage der Zusammenarbeit interessiert inzwischen viele Komponisten. Beispielsweise gibt das Ensemble Modern beim Internationalen Kompositionsseminar Komponisten die Möglichkeit, ihre frühen Ideen schon ein Jahr bevor das Stück fertig komponiert sein soll mit uns auszuprobieren und zu diskutieren, um die Partituren dann fertigzustellen. An diesem Punkt wird das, was im Theater und im Tanz regelmäßige Praxis ist, ins Komponieren eingebracht. Und ich glaube, dass dies ein ganz wichtiger Aspekt des heutigen Arbeitens ist. Natürlich hat es auch früher Revisionen von Partituren gegeben, aber zusätzlichen Input von Anfang an einzuplanen, ist mit dieser Übersetzung aus dem praktischen Betrieb des Musiktheaters und Tanzes erst entstanden.