Körper und Politik Die Macht der Muskeln

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis;
Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis; | © dpa/Andy Rain

Politik funktioniert nach Gesetzen der Macht. Und Macht hat der, der Macht ausstrahlt – am besten mit einem Körper, der fit, schön und leistungsstark ist.

Er trägt Lederjacke statt Sakko, seine Hand steckt meist lässig in der Tasche. Sein Hemd ist in der Regel oben aufgeknöpft, unten hängt es aus der Hose. Seine Akten packt er in einen verbeulten Rucksack, nicht in eine schicke Aktentasche aus Leder – und er fährt Motorrad. Nichts, aber auch gar nichts am Auftreten des im Januar 2015 vereidigten griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis entspricht dem typischen Politikerbild von Männern in Anzuguniformen. Und genau darin steckt die Botschaft dieser Körperinszenierung: Yanis Varoufakis möchte Aufbruch signalisieren, seine demonstrative Bescheidenheit symbolisiert die notwendige Sparsamkeit des griechischen Staatshaushalts genauso wie die prekäre Realität vieler Griechen, also der Wählerschaft. „Das ist ein politisches Statement, noch bevor er auch nur einen Satz gesagt hat“, findet York Kautt, Soziologe an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Unter anderem forscht Kautt zum Thema „Image“.

Botschaft an die Wähler

Ein stilisiertes Auftreten als Botschaft an die Wählerschaft: Das gleiche Prinzip kennt man vom ehemaligen deutschen Politiker Joschka Fischer und von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Bei Joschka Fischer waren es die Turnschuhe, die er 1985 bei seiner Vereidigung zum ersten Minister einer umweltpolitischen Partei (Bündnis 90/Die Grünen) im Hessischen Landtag trug: „Mit dieser Ikone der Moderne zeigte er der Wählerschaft: Ich komme aus der Gegenkultur“, sagt York Kautt. Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder indes tauchte nach seiner Wahl zum Bundeskanzler 1998 in teuren Anzügen auf, eine Zigarre in der Hand. Die Politikwissenschaftlerin Paula Diehl, die seit Jahren über Körperbilder in der Politik forscht, sagt: „Die Geste war: Ich habe es geschafft. Eine wunderbare Projektionsfläche für die Mittelschicht, nach dem Motto: Wenn der das kann, schaffe ich es auch.“

Dass Politiker mit ihren Körpern Politik machen, ganz ohne Reden, Debatten, Strategiepapiere, ist Teil unserer bildgewaltigen Ära. „Die Öffentlichkeit ist das Basismedium für Politiker“, sagt York Kautt. Schon der französische Philosoph Michel Foucault schrieb in Überwachen und Strafen über den Körper: Die „Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn“, genauer: „Sie umkleiden ihn, sie markieren ihn, sie martern ihn, zwingen ihn zum Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen.“

Körperliche Fitness als Ausdruck von Macht

Mit ihrem Körper repräsentieren Politiker ihr Amt – und damit den Zustand des Staates. Idealerweise also seine Leistungsfähigkeit. Ob es die Fitness des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama, des italienischen Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, des russischen Staatschefs Wladimir Putin oder des früheren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ist: Sie alle zeigten sich mit freiem Oberkörper, beim Fischen, beim Jagen, hoch zu Ross. Auch wenn nackte Haut eines der letzten Tabus der Branche ist: Die Herren demonstrierten so ihre Virilität und damit die Macht ihres Landes.

Jugendlichkeit ist auch in dieser beruflichen Sparte ein Statussymbol. Man denke an Silvio Berlusconi, der seine frisch transplantierten Haare unter einem Tuch versteckte, an die getönten Haare des deutschen Politikers Michael Glos oder die frisch transplantierte Pracht von Christian Lindner, Chef der Freien Demokratischen Partei (FDP). Es gab sogar schon einmal einen Gerichtsprozess um das Aussehen eines deutschen Politikers: Damals ging es um die Behauptung, Gerhard Schröders Haare seien gefärbt.

Spiegelbild der Leistungsgesellschaft

Andererseits sind Körper, die keine maximale Leistungsfähigkeit ausstrahlen, nicht zwingend ein Malus. Bilder von Politikern wie dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble im Rollstuhl, Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Krücken oder der an Multipler Sklerose erkrankten rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer transportieren eine andere Botschaft, ganz im Sinne der Arbeitsmoral: „Man kann durchaus mit Krankheit und Behinderung so umgehen, dass eine Siegerpose entsteht“, so Politikwissenschaftlerin Paula Diehl. „Die Botschaft ist: Wir sind diszipliniert.“ Und Soziologe York Kautt ergänzt: „Sie strahlen damit eine protestantische Ethik aus oder doch zumindest eine nüchterne Sachorientierung.“ Einer ähnlichen Logik folgt auch, wer abnimmt; wie Joschka Fischer 1998 oder der deutsche Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: Hier hat jemand Kontrolle über seine Physis. „Das strahlt Macht aus“, sagt York Kautt. „Selbstoptimierung ist Ausdruck unserer Leistungsgesellschaft“.

Der „Staatskörper“ ist, das stellte schon der römische Politiker Menenius Agrippa 500 Jahre vor Christus fest, ein System gegenseitiger Abhängigkeiten, den menschlichen Organen gleich. Dieses Prinzip ist wesentlich für die Demokratie – und damit der kontinuierliche Impuls der Politiker, sich bei ihrem Souverän, den Wählern, ihrer Legitimation zu versichern. Um glaubwürdig zu wirken, muss man „buchstäblich aufrecht gehen“, so York Kautt. Dennoch ist die öffentliche Wirkung eines Politikers heute auch immer Teil einer Fiktion: „Wir haben es mit einer Generation zu tun, die sich selbst in Facebook inszeniert“, sagt Paula Diehl. „Da geht es um überzeugende Bilder, nicht um Authentizität.“