Artistic Research Die Frage nach der Relevanz

Form Flow Allignments: Kenntlichmachung von Raum- und Zeitabläufen; Synchronous Objects Project, Ohio State University und The Forsythe Company;
Form Flow Allignments: Kenntlichmachung von Raum- und Zeitabläufen; Synchronous Objects Project, Ohio State University und The Forsythe Company; | Foto: V. Ragunath

Soll die Kunst den Wissenschaften assistieren oder sind künstlerische Denk- und Wahrnehmungsanregungen eigene Wissensformen? – Überlegungen zu „Künstlerischem Forschen“ und Tanz.

Vieles beginnt mit Plato, vielleicht auch manche neue Tendenz in der Kunst. Das Schöne, das Wahre und das Gute, so meinte der griechische Denker, umreißen eine unzertrennliche Trias. Das, was schön sei, sei auch gut, und was gut sei auch wahr. Manche sind der Versuchung erlegen, die hehre Dreiecksbeziehung bis in die Gegenwart zu retten. Ohne mäßigende Biegung funktioniert das allerdings nicht. Da wird das Schöne zum Angenehmen, das Gute zum Wertvollen, das Wahre zum Richtigen. In jüngerer Zeit erhob sich allerdings ein neuer Überbegriff: die Relevanz.

Relevanz und Relevé

Der Begriff der Relevanz thront, obschon vorsichtiger, fast auf der Höhe der antiken Trias. Der Term, den Plato nicht kannte, hätte ihm deshalb wohl zugesagt. Missachtet hätte er aber den Relativismus, der sich darin ausdrückt. Wir verwenden den Begriff Relevanz nämlich in einem referenziellen, zugleich aber erweiterten Sinn – „relevant“ bedeutet heute meist: berechtigt, bedeutungsvoll, gewichtig. Doch ursprünglich und etymologisch hat der Begriff etwas mit der Waagschale zu tun, mit dem „Wiederanheben“. Das italienische „Re-levare“ bedeutet: etwas in die Höhe heben. Und dies führt uns zum Tanz. Das Relevé, das sich in der Relevanz nicht nur sprachlich verbirgt, ist die Grundfigur des Balletts schlechthin, vielleicht der Inbegriff künstlicher Tanzgebärden überhaupt. Tanz bedeutet, den Körper aus seinen gewöhnlichen Bedingungen zu lösen, ihn leicht und beweglich erscheinen zu lassen, vielleicht auch biegsam. Doch er bedeutet vor allem eine künstliche Veränderung organischer Voraussetzungen. Das Relevé ist das beste Beispiel. Wie eine Nadel wird der Körper auf die Spitze der Beine gehoben. Es geht um Lineatur und Silhouette, um Geometrie und Pirouette, um Raumhöhe und Eleganz. Relevé heißt Bewegung ohne körperliches Gegengewicht.

Hebefiguren

Die Kunstfiguren des Tanzes sind offenkundig gegen das Bild von der Waage gedacht. Wahrscheinlich deshalb wurden sie zum Kern der Selbstbestimmtheit einer Kunst, die sich den Körper als Medium nimmt. Nun wird man sagen, künstliche Hebefiguren sind eine Sache des kapriziösen Balletts und ähnlich veraltet wie der Begriff des Schönen. Doch ein anderer Aspekt kommt hier ins Spiel, der seit jeher den Tanz prägt: die Choreografie und ihre Kodifizierung. Plato hatte den Tanz noch auf die Seite des mythischen und sinnlich-kultischen Glücks geschlagen. Mit Verstandes- und Erkenntnisbefähigung hatte das Tanzen seiner Meinung nach nichts zu tun. Für ihn konnten Gedanken schön werden, Tanzfiguren aber nicht wahr. Und dennoch rückt für neuere Bewegungen in den Künsten genau das ins Blickfeld.

„Artistic Research“ nennt sich eine Tendenz der gegenwärtigen Künste, die die Erkenntnisleistung und Wissenschaftsfähigkeit der Künste prüft. Gestützt vom Aufstieg der Kunsthochschulen zu Universitäten geht es weniger um die Frage, ob Kunst den Wissenschaften assistieren kann, als vielmehr darum, ob sich durch künstlerische Denk- und Wahrnehmungsanregungen eigene Wissensformen entwickeln können. Künstlerische Forschung ist damit nicht Sekundant oder Zuarbeiter der Wissenschaft, sondern die Behauptung eines Eigenwerts.

Künstlerische Forschung und der Tanz

Der Tanz eignet sich bestens dafür. Er bietet eine lange Tradition des Studiums körperlicher Bewegungsradien. Seine Kodifizierung in Daten ist der Digitalisierung nicht fern. Neue Medien ermöglichen umfassende Speicherung und die gezielte Verbreitung des Wissens. William Forsythe ist wohl das beste Beispiel für diese Tendenz, mit seinem Interesse für ein Wissensmanagement der Bewegung. Schon früh benutzt er Medien, seine CD Improvisation Techniques: A Tool for the Analytical Dance Eye, die 1994 mit dem ZKM in Karlsruhe herausgegeben wurde, verfolgt das strukturelle Lesen von Bewegungsprofilen. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit webbasierten Partituren. Das erste Projekt nennt sich Synchronous Objects for One Flat Thing, Reproduced, 2009. Es handelt sich um das Pilotvorhaben von Motion Bank, einer Plattform zur Erforschung von Tanzpartituren. Tänzerische Handschriften verschiedener Künstler werden gespeichert und durch computergestützte Aufnahme- und Gestaltungstechniken auf ihre Kernmotive untersucht. Choreografie erscheint als Grammatik, ihre Ausführung wie eine maschinelle Sprache, die zum Teil synthetisch konfiguriert werden kann.


William Forsythe über „Synchronous Objects“ (Youtube)

Ähnlich auch Xavier Le Roy, der Molekularbiologie studiert hat, bevor er sich dem Tanz zuwandte. Bei Le Roy sind es nicht klassische Hebefiguren oder künstliche Pirouetten, sondern isolierte Gesten von Körpern und ihren Handlungen, die Interesse wecken. Er beobachtet Rhythmen und Bewegungsakte. Aus ihrer Isolierung destilliert er wie ein Naturwissenschaftler Muster und Gesetze.

Zusammenfassend kann man sagen: Mit den Datensammlungen aus tänzerischen Gebärden wird wohl weder Wahrheit erzielt noch das Richtige ermittelt. Jedoch werden damit konkrete und überprüfbare Inhalte künstlerischer Vorstellungen wissenschaftlich verfügbar gemacht. Es ist nicht das Werk selbst, sondern die Recherche, die Relevanz beansprucht. Die Kunst wird rückbezüglich, nicht nur auf den alten Wahrheitsanspruch Platos, sondern auf ihre Erkenntnis-Grundlagen Methodik, Studium und Auswertung.