Philosophie und Tanz Tanzen ist Denken

Eszter Salomon „Dance for nothing“
Eszter Salomon „Dance for nothing“ | © Alain Roux

Tanz und Philosophie erscheinen auf den ersten Blick als ein widersprüchliches Gespann. Dennoch teilen beide Disziplinen eine konfliktreiche Geschichte.

Ausgehend von René Descartes scharfer Trennung von Materie und Geist, von Körper und Denken („Ich denke, also bin ich“), spielte der Tanz im christlich-abendländischen Denken eine untergeordnete, bisweilen gar geächtete Rolle. Doch schaut man sich in der zeitgenössischen Tanzszene der letzten zehn Jahre um, scheint es geradewegs „en vogue“, dass Choreografen sich mit philosophischen Fragestellungen beschäftigen.

Moving Thoughts

Einige suchen die direkte Zusammenarbeit mit Philosophen, wie Mathilde Monnier mit Jean-Luc Nancy in Alliteration (2005) oder das Künstlerduo Deuffert und Plischke mit dem Philosophen Marcus Steinweg; William Forsythe pflegt einen intensiven Dialog mit dem amerikanischen Philosophen Alva Noe.

Ebenso auffällig sind Symposien und Tagungen unterschiedlichster Initiativen, die sich Themen wie „Tanzen und Denken“ oder „Tanz als Wissensbereich“ widmen. An deutschen Unis hielt die Tanzforschung in den letzten zehn Jahren Einzug in verschiedene universitäre Wissensbereiche. Die Kulturstiftung des Bundes versuchte, mit dem „Tanzplan Deutschland“ und den von ihr veranstalteten Tanzkongressen deutliche Zeichen zur Stärkung des gesellschaftlichen Bewusstseins von Tanz zu setzen. Damit will die Stiftung auf fundamentale Veränderungen durch die Globalisierung der Welt reagieren – ein generelles politisches Interesse, das auch viele andere Institutionen vertreten. Hybride Kulturen und Kunstformen weisen auf neue Bedürfnisse und Herausforderungen der Gesellschaft hin. Unsere heutigen Weltzusammenhänge verlangen nach neuen Denkansätzen und angemessenen Antworten. Bewegungen wie diese bringen die Kultur- und Bildungspolitik in Zugzwang. Nicht dass kultur- und bildungspolitische Interessen direkten Einfluss auf das Verhältnis von Tanz und Philosophie nehmen könnten, aber sie tragen allemal zur Sicht auf die Dinge und zur Bewertung der Sachverhalte bei. Sie bestellen den Boden von Weltanschauung, Lebensphilosophie und Denkweisen.

Deshalb wird es komplex, wenn zu klären gilt, was Tanz und Philosophie einander abgewinnen können, wo sie sich berühren und aufeinandertreffen. Denn Tanz und Philosophie teilen – vielleicht gerade wegen Descartes – eine gemeinsame Geschichte des Körpers; und des Subjekts.

Tanzen ist Denken

Es sind inzwischen nicht nur Tänzer und Choreografen, die Philosophen zur Hand nehmen. Es ist die Philosophie selbst – insbesondere die Phänomenologie –, die sich zunehmend für den Tanz interessiert. Denken wird nicht länger als etwas Statisches begriffen, sondern als Vorgang einer Bewegung. Die sogenannte Denkbewegung versteht sich in der Philosophie nicht mehr als reine Geistesaktivität, sondern als zwei-wegigen dynamischen Austausch zwischen der Welt und der aktiven Wahrnehmung eines Individuums: „You are not your brain“, wie Alva Noe sagt. Der Tanz erweist sich sodann als modellhafter Weg des Denkens selbst; Tanzen und Tanz-Sehen sind eine Art Wissen über sensorische Effekte von Bewegung im Allgemeinen. Zeitgenössischen Tanz zu denken, bedeutet für die Philosophie, das Verhältnis zum Tanz auszuschöpfen und nach einem erweiterten Begriff von Denken zu suchen, der den descartschen Dualismus überwinden kann. Das kann nicht mehr in Opposition zur Rationalität gelingen, sondern nur in dynamischen Denkansätzen, die neue Sinnzusammenhänge zu erschließen vermögen. Obwohl die Philosophie – insbesondere die Phänomenologie – die Rolle des Körpers innerhalb des Denkprozesses immer wieder thematisiert hat (Husserl, Merleau-Ponty, Waldenfels), ist innerhalb dieses Diskurses die Tatsache, dass der menschliche Körper ein tanzender sein kann, noch nicht genügend beachtet worden.

Von Seiten der Tanzschaffenden fand schon unter anderem Rudolf von Laban im Zuge der Körperreformbewegungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und der Neuaufbrüche des Modernen Tanzes eine Definition des Tänzers, die sowohl für Tanzschaffende als auch für Theoretiker interessant wurde: Der Tänzer „ist jener Mensch, der klaren Verstand, tiefes Empfinden und starkes Wollen zu einem harmonisch ausgeglichenen und in den Wechselbeziehungen seiner Teile dennoch beweglichen Ganzen bewusst zu verweben trachtet“. Der Entwurf dieser Subjekttheorie überwindet den klassischen Dualismus von Denken und Körper und beschreibt das tanzende Subjekt als eine dynamische Einheit.

Laban wagte die These, Tanz selbst als eine Art des Denkens, als ein Körper-Denken vorzustellen. Der Moderne Tanz begann, die Philosophie als Partner im Denken zu betrachten. Dieser Neuaufbruch erfuhr aber noch andere Bewertungen, vor allem ideologische, und wurde von den Philosophen damals nicht ernst genommen.

Tanzphilosophie – ein Denken in Körpern

Der zeitgenössische Tanz heute, der in Tradition des Modernen Tanzes der 1920er- und 1930er-Jahre steht, lässt sich als künstlerische Praxis beschreiben, die sich an den Grenzen zu anderen Disziplinen bewegt; eine Praxis, die die Durchlässigkeit der disziplinären Membranen sucht und es gerade dadurch vermag, der Philosophie im Oszillieren von Denkbewegung und Tanzbewegung auf Augenhöhe zu begegnen.

Der heutige zeitgenössische Tanz dient nicht länger als Denkmetapher, sondern präsentiert sich als ein sinnliches und intellektuelles Denken des Körpers. Tanz ist demnach ein Wissen, von dem her der Mensch verstanden werden kann. Der Tanz zeigt am deutlichsten auf, wie Sinn im Sinnlichen (Wahrnehmbaren) situativ und performativ entsteht. Der Körper, beziehungsweise der Leib – um den von Seiten der Phänomenologie vorgeschlagenen Begriff aufzugreifen – hat die Fähigkeit zu denken sowie Sinn her- und darzustellen: „Ein sich reflektierender und sich denkender Körper tanzt permanent sein Werden“, schreibt Jean-Luc Nancy.

Ein Denken in Körpern, wie es beispielsweise Miriam Fischer und Jean-Luc Nancy vorschlagen, legt den Grund für eine Philosophie des Tanzes. Diese stellt Überlegungen zur Sinngenese im Sinnlichen, zur Theorie des Subjekts sowie zum Reflektieren des Sinns von Philosophie in ihr Zentrum. Eine Philosophie, die Tanzen als Denken versteht, (durch)streift Fachgebiete wie Anthropologie, Sinntheorie, Ästhetik und vereint methodische Ansätze wie neuzeitliche Metaphysik, Lebensphilosophie, Phänomenologie, Hermeneutik, Ontologie und Dekonstruktion.

Eine Philosophie des Tanzes mag für das Denken noch irritierend wirken. Doch unterscheiden und verbinden sich Denken und Körper zugleich. Das künstlerisch tanzende Subjekt bewegt sich im Werden und damit im Erkennen, wie Nancy sagen würde. Im beginnenden 21. Jahrhundert wandelt sich das Verhältnis von Tanz und Philosophie in ein dynamisches. Tanzbewegungen und Gedankenbewegungen scheinen sich nicht länger auszubremsen, sondern auf Augenhöhe zu beschleunigen.