Jean-Luc Nancy Tanzen denken

„Allitérations“ (2002) von Mathilde Monnier und Jean-Luc Nancy
„Allitérations“ (2002) von Mathilde Monnier und Jean-Luc Nancy | Foto: Marc Coudrais

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy ist en vogue. Jahr für Jahr erscheinen neue Übersetzungen seiner Vorträge, Interviews und Essays. Besonders im Tanz ist das Interesse groß. Für eine Auseinandersetzung bietet Nancy hier vor allem drei Themen: ein Denken der Gemeinschaft, ein Lob des Unabgeschlossenen und ein Konzept von Körper, das nicht mehr als Gegensatz zum Denken gilt.

Bereits 2002 veranstaltete das französische Nationale Tanzzentrum eine Ringvorlesung zum Werk Jean-Luc Nancys mit Blick auf das Publikum als politische Kategorie der Kunst. Heute emeritiert, damals aber noch Professor an der Universität Straßburg, hatte Nancy sich mit seinen Schriften dem Tanz angenähert – dem Tanz als Kunstform, vor allem aber dem Tanz als Herausforderung für das zeitgenössische Denken. Noch ehe Jacques Rancière mit seinem Aufsatz Der emanzipierte Zuschauer (Le spectateur émancipé, 2008; dt.: 2010) für Furore sorgte, hatte Jean-Luc Nancy vor allem den Körper in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt. Denn so vielfältig die Praxis des zeitgenössischen Tanzes auch sein mag, seine Auseinandersetzung mit dem Körper bleibt doch eine Konstante. Aber welche Körper dort agieren, was sie bewirken, wozu sie fähig sind und was sie zur Erkenntnis bringen – all das ist schwer zu benennen.

Doch es ist nicht unmöglich. Zuallererst stellt sich das Verhältnis zwischen Körper und Subjektivität, zwischen dem Allgemein-Menschlichen und dem Individuellen dar. Nancy führte den Begriff des „Mit-Seins“ ein. Ein Körper ist immer zuallererst auf andere Körper, also auf andere Menschen bezogen: „Ein anderer – wenn er ein anderer ist, so ist er ein anderer Körper.“ Dieser Satz eröffnet Nancys vielzitierten Essay Alliterationen (2005). Er entstand in Zusammenarbeit mit der französischen Choreografin Mathilde Monnier und beruht auf Gesprächen zu dem 2002 uraufgeführten Stück Allitérations – das man aus heutiger Perspektive vielleicht als „Lecture Performance“ bezeichnen sollte.

Geste und Erfahrung

Das Sein ist eine Grundfrage der Philosophie: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Diese Frage lässt sich nicht mehr ohne Weiteres körperlos denken. Damit etwas sei, muss nicht nur etwas da sein; dieses Etwas muss auch wahrgenommen, erfasst, erlebt werden. Diese konkrete Erlebensform wird heute als „Verkörperung“ bezeichnet. Das Sein muss verkörpert sein, um erkannt werden zu können. Und auch das Erkennen erfolgt in Körpern und durch Körper. Der Körper ist deshalb ein zentrales Motiv im Denken von Jean-Luc Nancy.

Nicht, dass der Körper eine Neuentdeckung in der Philosophie wäre – aber im westlichen Denken galt er gemeinhin eher als Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit, nicht als deren Bedingung. Das aber lässt Nancy nicht gelten. „Denken heißt nicht, dass das Subjekt ein Objekt vor sich hinstellt, das es untersucht und bewertet. [...] Es ist eine Geste und eine Erfahrung“, schreibt er in dem Aufsatz Das nackte Denken (La pensée dérobée, 2001; dt.: 2014). Geste und Erfahrung – dieses Begriffspaar umreißt auch den Tanz. Die Geste ist im Französischen auch ein Synonym für Tun. Nicht notwendig selbst mit Bedeutung aufgeladen, ist die Geste ein Geschehen, das auf etwas hinweist. „Etwas“ bedeutet: ein Gegenüber, einen anderen, einen Körper, ein Sein. Dieser Hinweis aber ist zuallererst eine Erfahrung, ein Geteiltes, an den Augenblick gebunden, in dem sich dieser Hinweis an jemanden ereignet.

Das Endgültige ist gefährlich

Der zeitgenössische Tanz wird nicht müde, sich an diesem Ort der Begegnung einzufinden und mitzuteilen, in immer neuen Formen und Anläufen. Mit einem seiner bekanntesten Bücher gab Nancy dieser unablässigen Bewegung einen Namen: Être singulier pluriel (1996), singulär plural sein, zugleich einzeln und vielfach, zugleich einer und alle. Die jüngeren choreografischen Arbeiten etwa von Laurent Chétouane sind zweifellos ein Echo dieses Motivs.

In seiner philosophischen Liste 58 Indizien über den Körper – der Eröffnungstext zum Sammelband Ausdehnung der Seele (2010) – vermerkt Nancy: „Ein Körper ist ein Unterschied. Da er Unterschied zu allen anderen Körpern ist [...], hört der Körper niemals auf, sich zu unterscheiden. Er unterscheidet sich auch von sich.“ Es ist gleichsam sein Schicksal, unablässig Veränderungen zu erfahren. In dieser Existenz – und wenn man so will, in dieser tanzenden Existenz – liegt letztlich die Wahrheit. Sie besteht darin, „ihren Sinn immer mehr jenseits oder diesseits aller Vollendung [...] zu belassen“. Denn das Endgültige ist gefährlich: „Der Körper ist wie ein reiner Geist: Er hängt an sich selbst und in sich selbst, in einem einzigen Punkt. Wenn man diesen Punkt aufbricht, ist der Körper tot.“ Das gilt für den tanzenden wie für den zuschauenden Körper gleichermaßen: Nur wenn sie miteinander sind, können sie die Bewegung im vollen Ausmaß erfassen.
 

Jean-Luc Nancy:


„Ausdehnung der Seele. Texte zu Körper, Kunst und Tanz.“ Übersetzt von Miriam Fischer. Zürich / Berlin: diaphanes 2010.

„Das nackte Denken“. Zürich / Berlin: diaphanes 2014.

„singulär plural sein“. Zürich / Berlin: diaphanes 2005.

Jacques Rancière:
„Der emanzipierte Zuschauer“. Wien: Passagen Verlag 2010.