Tanz und Mode Schönheit wagen

„Zero“ von Nanine Linning am Theater Heidelberg mit Kostümen von Iris van Herpen
„Zero“ von Nanine Linning am Theater Heidelberg mit Kostümen von Iris van Herpen | © Kalle Kuikkaniemi

Seit der Antike ist das Kostüm wichtiger Bestandteil des Theaters. Häufig ging das Kostüm im Bühnentanz freizügigeren Modetrends voraus. Heute suchen Choreografen die Reibung ihrer Körperkunst mit der Haute Couture.

Um erhabener zu wirken und weithin sichtbar zu sein, trugen Schauspieler, Tänzer und Choristen in den griechischen Amphitheatern Kothurne, also dicksohlige Plateauschuhe. Sie erwiesen sich damit als Ideengeber für die heutige Schuhmode, der man – bis hin zu megahohen Stilettos – auch in Tanz und Performance begegnet. Ausdruckstänzerinnen wie Isadora Duncan begeisterten sich am beginnenden 20. Jahrhundert für die weiten, wallenden Gewänder der Antike. Sie boten größtmögliche Bewegungsfreiheit. Die Faltenbildung verlieh jedem Armschwung und Schritt ein ästhetisches Raffinement, wie die zauberhafte Statuette einer altgriechischen Manteltänzerin im Deutschen Tanzarchiv Köln zeigt.

Im Museum dieser Fachbibliothek ist bis zum 9. August 2015 die Ausstellung Faltenwurf und Walzerschritt zu sehen: Mode, Tanz und Modetanz – in einer Auswahl aus dem 700-teiligen Fundus des Archivs werden Gesellschaftstanz und Bühnentanz unbefangen und unterhaltsam verquickt. Wie sehr das Thema Tanz und Mode en vogue ist, zeigt auch die Präsentation der Sammlung von Martin Kamer, Rudolf Nurejews langjährigem Kostümbildner, im neu eröffneten Kunstgewerbemuseum Berlin.

Aufreizend und sportiv

Im klassischen Ballett wurde das Tutu immer kürzer und wirkte immer aufreizender und sportiver. Im Straßenbild durften Frauen bekanntlich erst wesentlich später so viel Fleisch zeigen. Seit dem 20. Jahrhundert arbeiten bildende Künstler und Modeschöpfer häufig für den Tanz. So schuf Pablo Picasso Kostüme und Vorhänge für die Ballets Russes und Coco Chanel entwarf für Sergei Djagilews Truppe die Kostüme zu Jean Cocteaus Le train bleu. John Neumeier engagierte Giorgio Armani, den Lieblingsdesigner vieler Hollywoodstars. Der Italiener entwarf für die Bernstein Dances des Amerikaners in Hamburg hauchzarte, pastellfarbene Kleidchen mit Spaghettiträgern und eigenwillige Herrenanzüge, wie man sie aus seinen Kollektionen kennt. Der Pariser Ballettchef Benjamin Millepied schwört seit Jahren auf die Kleiderkunst Yves Saint Laurents. Beim Ballett am Rhein kann man über Merce Cunninghams Scenario nicht genug staunen: Die Tänzer vollführen die ulkigsten und trickreichsten Balanceakte in den ballonartigen Kreationen der Japanerin Rei Kawakubo vom Label Comme des Garçons, die sehr an Niki de Saint Phalles Nanas erinnern. Statt Streetwear bevorzugen auch heutige Hip-Hopper charakterisierende Outfits wie sie im zeitgenössischen Tanz üblich sind.

Schönheit wagen

Eine Ausnahme bilden die Kostüme für Pina Bauschs Stücke. Marion Citos Entwürfe für das Tanztheater Wuppertal sind eine perfekt theatrale Haute-Couture-Kollektion. Dennoch sind sie „tatsächlich Kleider für alles“, beobachtet die Pariser Tanzkritikerin Dominique Frétard in dem prachtvollen Bildband Schönheit wagen – Tanzkleider von Marion Cito, 1980–2009. Man könne in ihnen „lieben, weinen, Spaghetti kochen, den Boden wischen, Ziegelsteine schleppen, schwimmen, einen Eimer Wasser ins Gesicht bekommen … schön sein. Und natürlich: tanzen“. Pina Bausch gestand einmal, in ihren Stücken wolle sie „Sehnsüchten nach ewiger Schönheit nachträumen“. Sie attestierte Cito einen „Sinn für das Luftige, der dem, was ich mag, entgegenkommt“.

Aufsehen erregte Nanine Linning, als sie in Osnabrück für ihr Stück Synthetic Twin Modedesignerin Iris van Herpen engagierte. Nicht um Mode, sondern um Haute Couture gehe es ihr. Die befasse sich intellektuell wie die bildende Kunst mit Material und Körper. „Da arbeiten autonome Künstler, die nicht vom Theater kommen. Sie sind pur, weniger dienend. Ich mag es sehr, wenn sie mit ihren Augen auf unsere Arbeit gucken. Das schafft eine gute Spannung und Reibung“ – auch wenn die Logistik schwieriger sei. Denn sie hätten keine Ahnung, dass man Tanzkostüme zwanzig Mal waschen muss oder eine Maske nicht fünf Kilo wiegen dürfe und man praktisch nichts damit sehen könne. Aber sie arbeitet darum herum: „Ich passe mich an. Das Kostüm hat immer ein Geheimnis – genau wie der Körper.“

Jeglichem Luxus und allen Moden voraus

Aber wie viel Kunst darf sein? „Jede Dosis und Oberdosis. Es geht um Kunst-Material-Form-Inhalt und immer um Erfindungen“, sagt rosalie. Die Stuttgarter Künstlerin entwirft seit Jahrzehnten auch Bühnen- und Kostümbilder für alle Theatersparten.

Wie modisch darf ein Kostüm sein? „Jenseits aller Moden“, antwortet rosalie, „jeglichem Luxus und allen Moden voraus.“ Auf die Frage, worin sich ein Bühnenkostüm von Alltagskleidung unterscheidet, entgegnet sie: „Ganz klar auch in der Fernwirkung. Das Bühnenkostüm funktioniert im besten Fall noch in der letzten Reihe des dritten Rangs. Beim Tanzkostüm geht es um Faktoren wie Körperlinie und Choreografie. Es muss jede Bewegung mitmachen und einen eigenen Kommentar dazu geben. Der Figur in jeglicher Hinsicht maximale Präsenz geben. Mir geht es aber auch um das Alphabet der Schönheit, um die Kunst des Schnitts und immer um das besondere Material in seiner speziellen Verarbeitung, Wirkung und Anmutung. Kunst versus Konvention, Avantgarde gegen Ausstatter.“
 

Literatur


Schönheit wagen – Tanzkleider von Marion Cito, 1980–2009, Tanztheater Wuppertal 2014
Dance and Fashion, herausgegeben von Valerie Steele, Oxford University Press 2014
Reclams Mode- und Kostümlexikon von Ingrid Loschek, 6. Auflage 2011