Ausbildung zum Choreografen Choreografieren heute

Ausbildung an der Folkwang Universität der Künste;
Ausbildung an der Folkwang Universität der Künste; | Foto (Ausschnitt): © Heike Kandalowski

Choreografie lässt sich nicht schulisch lernen, wohl aber das handwerkliche Rüstzeug dafür. Trotz generell düsterer Perspektiven finden kreative Tänzer schnell neue Formate und ihre Nische im rasanten Wandel der Tanzwelt.

Dem Mangel an Choreografen mit fundierter Ausbildung begegnen immer mehr deutsche Hochschulen mit speziellen Angeboten. Alle verlangen ähnliche Qualifizierungen für ihre vierjährigen Bachelor- und die daran anschließenden zweijährigen Master-Studiengänge. Sie beinhalten meist auch Tanzpädagogik und Choreografie. Erforderlich sind der Nachweis der Hochschulreife, hervorragende tänzerische Vorbildung und gute Deutsch- oder Englischkenntnisse. Für eine choreografische Zusatzausbildung bewerben sich überwiegend Quereinsteiger aus aller Welt. „Wir haben sehr hohe Ansprüche“, betont Ingo Diehl, Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Künste Frankfurt. „Aber wir wollen keine Ausbildung im Elfenbeinturm. Denn Tanzberufe fordern Flexibilität und Weltoffenheit. Ausländische Bewerber sind uns sehr willkommen. So haben alle Studierenden schon sehr früh die Möglichkeit zum internationalen Gedankenaustausch.“

Höchstleistung nur auf solider Basis

Tanz in all seiner heutigen Vielfalt ist hierzulande fast zum Volkssport geworden. Erfreulich sind Initiativen wie Tanz in Schulen. Wichtig ist die tänzerische Grundausbildung. Aber sie birgt auch Risiken. Denn in Deutschland kann jeder ein Studio ohne den Nachweis einer Qualifizierung eröffnen. Der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik (DBfT) steuert gegen. Seit 1975 fördert er die rund 780 Mitglieder – Ballett- und Tanzpädagogen aus ganz Deutschland – mit Fortbildungsseminaren und bietet außerdem Tanz-Camps für Kinder und Jugendliche.

Die Voraussetzungen für eine professionelle Ausbildung im Bereich Tanz sind hoch. Der finanzielle Aufwand ist beträchtlich. Etwa 500 Euro pro Monat sind für Schulgeld, Unterkunft und Verpflegung schon für kleine Schüler fällig, die zum Beispiel in der Internatsschule des Ballettzentrums Hamburg John Neumeier, an der Palucca-Hochschule für Tanz Dresden (mit klassischem und zeitgenössischen Lehrplan) oder der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik Berlin aufgenommen werden möchten. Unter Hunderten Bewerbern aus aller Welt werden allenfalls 150 für das Aufnahmeverfahren eingeladen und höchstens 30 aufgenommen. Für den Studiengang Bachelor und Master of Arts werden zwar im internationalen Vergleich minimale Studiengebühren erhoben. Aber das Leben in Deutschland ist teuer. Einblicke in die Arbeit im Tanzbereich gewährt seit 2010 die Biennale Tanzausbildung. Tanzexperten und Studierende sowie zunehmend auch Gäste aus dem Ausland treffen sich an wechselnden Hochschulorten (2016 in Köln). Ingo Diehl beschreibt dieses Treffen als „eine öffentliche Plattform für die Ergebnisse hervorragender Tanzausbildung“.

Tanzende Menschen formen

Individualität spielt im zeitgenössischen Tanz eine Hauptrolle. So proklamiert die Folkwang-Universität der Künste, Pina Bauschs künstlerische Heimat: „Wir bilden keine Tänzer aus, sondern tanzende Menschen.“ Um die Formung von Tänzerpersönlichkeiten geht es auch dem Zentrum für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, dem Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz (HZT) Berlin sowie der Hochschule für Musik und Darstellende Künste Frankfurt.

„Kreativität kann man nicht schulisch lernen“, sagt Birgit Keil, ehemalige Starballerina des Stuttgarter Balletts. Handwerkliche Fertigkeiten wie Raumaufteilung, Partiturlesen, Theaterkunde und Tanzkomposition aber seien sinnvolle Unterstützung für werdende Choreografen, ergänzt die jetzige Direktorin der Akademie des Tanzes Mannheim und des Badischen Staatsballetts Karlsruhe. Folkwang-Professor Stephan Brinkmann bestätigt, dass die Schule dem zukünftigen Choreografen zur Formung des künstlerischen Ausdrucks lediglich eine Struktur und die richtige Atmosphäre zur Verfügung stellen könne sowie „Beratung und Begleitung des schöpferischen Prozesses“. Unter den jüngsten Talenten macht der bereits mehrfach ausgezeichnete Chinese Fang Yu Shen auf sich aufmerksam. Ingo Reulecke, freier Performer und jahrelang Leiter der Abteilung Tanz und Choreografie am HZT Berlin, beobachtet: „Durch einen soliden theoretischen Unterbau schaffen junge Tanzkünstler sich oft sehr schnell eigene Formate und Nischen.“ Er nennt Jana Unmüssig, Kat Valastur und An Ian Kaler aus der aktuellen Berliner Szene. An der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Künste sowie der kooperierenden Universität Gießen erhielt die Argentinierin Paula Roselen ihren letzten Schliff. Sie setzt gerade mit ihrer unerschrockenen Verquickung der Genres zu einer internationalen Karriere an. Am ZZT Köln wurde die vielseitige Stephanie Thiersch groß.

Fast alle deutschen Theater mit der Sparte Tanz haben inzwischen einen Abend im Programm, den eigene Ensemblemitglieder choreografisch und tänzerisch gestalten. Vorreiter sind das 1928 gegründete Folkwang-Tanzstudio und seit 1958 die Stuttgarter Noverre-Gesellschaft. Hier reiften choreografische Koryphäen wie John Neumeier, Uwe Scholz, William Forsythe und Christian Spuck heran.

Tanzresidenzen zum Beispiel im Mousonturm in Frankfurt am Main, PACT Zollverein – Choreografisches Zentrum NRW in Essen, K3 – Choreografisches Zentrum Hamburg, in den UFA-Studios in Berlin und der Fabrik Potsdam bieten aufstrebenden Choreografen und Genre übergreifenden Performern zeitlich begrenzte Arbeitsmöglichkeiten. Nicht die besten, aber auch nicht die schlechtesten Perspektiven für Choreografen in Deutschland.