Wanda Golonka im Interview Labor der Blicke

Wanda Golonka
Wanda Golonka | Foto (Ausschnitt): Diethild Meier

Wanda Golonka ist die Leiterin des Studiengangs Master of Arts Choreografie am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz in Berlin. Im Interview spricht sie über die Kraft der Imagination und die Lust an einem etwas anderen Blick auf die Choreografie.

Wanda Golonka, Sie kommen gerade aus New York zurück. Wie war's?

Toll. In New York verschwendet man keine Zeit. Eher scheint jeder auf der Flucht zu sein, auch in den Büros hängen in jedem Zimmer mindestens drei, vier Exit-Schilder. Ich dachte sofort an Georg Büchner: „Meine Füße gingen lieber aus der Zeit“. Oder an Hermann Melvilles Bartleby; „I would prefer not to“. Man hat in New York keine Zeit, man sitzt nicht in einem Kaffeehaus – auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Werden solche Assoziationsketten auch den angehenden Choreografen am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz in Berlin beigebracht?

Natürlich. Ich schicke die Studenten los, damit sie Orte suchen, die sie inspirieren, zu denen sie einen besonderen Bezug entwickeln oder die sie hassen. Sie machen Fotos oder erzählen davon. Daraus entsteht in einer Art von Mapping ein Assoziationsraum. Das kann ein Papiermodell sein, das wir im zweiten Schritt einfach auf den Kopf stellen und es so anders anschauen, um den choreografischen Raum neu bestimmen können.

Entsteht aus einer Neudefinition von Raum eine Neudefinition von Bewegung?

Nicht direkt, ich will auch nichts wirklich Neues erfinden. Ich will nur andere Blickwinkel auf das Vorhandene finden. Tanz findet ja meist in Ready-made-Räumen statt, in denen die Körper die Aufmerksamkeit lenken. Genau diese Sicht auf den Körper lässt sich verändern. Man kann einen Körper auch von oben oder von unten betrachten. Jedesmal wird der Blick, buchstäblich, verrückt. Choreografieren ist, den Blick des Publikums zu bewegen.

Wie geht das?

Die Verführung der Blicke? (Sie greift zum iPad, zeigt Fotos von Häuserschluchten.) Das ist der Blick aus meinen New Yorker Fenster. Achten Sie mal nur auf die Farben, und jetzt nur auf die Flächen, oder nehmen Sie bloß die Schatten an den Hauswänden, oder konzentrieren Sie sich nur auf die Menschen, die Sie entdecken. Aus einem Bild lassen sich nahezu endlos viele Blicke extrahieren. Choreografisch kann man jetzt schon eine Geschichte erzählen. Dazu muss man bloß die Bewegung des Blicks vom einen Fokus zum anderen erlauben.

Ist der Studiengang Choreografie eine Schule des Sehens?

So kann man es sehen, ja. Bewegung macht viel mehr sichtbar als alles, was still steht. Man kann die Studenten – alle so zwischen 25 und 45 – inspirieren, sie zur eigenen Forschung motivieren, damit sie ihre Visionen hinterfragen und sich auch interdisziplinär mit anderen Künsten auseinanderzusetzen.

Wird auch choreografisches Handwerk vermittelt?

Was ist Handwerk? Eine Summe von Erfahrungen. Das Ziel des Studiengangs ist nicht, Make-up zu produzieren, sondern Haltung. Es geht um künstlerische Entwicklung und Reife. Choreografieren hat nichts mit Wollen zu tun, sondern mit Aufgeschlossenheit zum eigenen Experiment, auch zum Feedback der anderen. Alle Studenten machen am Ende ihren Master mit einem Stück und haben Schritt für Schritt gelernt, was sie benötigen, um nicht nur ein Produkt zu erstellen, sondern den Prozess selbst ernst zu nehmen, aus der die Aufführung erwachsen konnte.

Gibt es nicht Missverständnisse, sobald man von einem Prozess spricht? Die Weigerung, Tanz als Produkt zu zeigen, scheint mir oft halbgar, halbfertig.

Das finde ich nicht. Ein Prozess ist nichts Negatives, sondern Stress. Wenn wie im Moment fünf Studenten der Szenografie mit fünf angehenden Choreografen zehn Tage lang arbeiten und etwas Vorzeigbares vorweisen sollen, erfahren sie vor allem ihr Risiko, das sie eingehen. Sie wissen, dass es ein Experiment ist. Und dass sie eine Freiheit erleben, wie sie nur die Hochschulen – noch – bieten können. Man lehrt Vorsicht vor der Routine und, bei allem verständlichen Ehrgeiz der Studenten, auch locker zu bleiben. Klar wollen alle möglichst schnell Anschluss an die Tanzwelt haben, vernetzt sein, am liebsten hätten sie sofort einen Job. Aber nicht jeder kann ein Stadttheater ertragen. Man sollte lernen, aus dem eigenen Temperament und der eigenen Strukturiertheit heraus die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wie schwer war der eigene Schritt von der Tanzkünstlerin zur Pädagogin?

Gar nicht schwer. Es macht mir riesigen Spaß, das hätte ich nicht gedacht. Ich bin auch relativ anonym, da die Studenten meine Arbeiten von früher nicht kennen.

„Rrungs!“, die Raumerkundung 2010 an der Volksbühne, war die letzte Arbeit von Ihnen in Berlin.

Das ist lange her. Erst über die Studenten merkte ich, wie viel Erfahrung ich habe. Für sie bin ich eher Mentorin, keine Pädagogin, weil ich in deren Prozesse nicht eingreife. Ich beobachte, beschreibe, was sie tun, kann Impulse geben, auf Parallelen zu bekannten Arbeiten hinweisen, aber ich mache mich frei von Wertung und Geschmack. Ich schaue individuell, wem was fehlt. Die Studenten stehen ja an der Schwelle zwischen Tanz und Choreografie. Ich sehe bei manchen eine hohe Bewegungsqualität, aber auch die Schwierigkeit, sie auf andere zu übertragen. Nur da bin ich Pädagogin und zeige, wie es besser gehen könnte. Mein Glück ist, dass die Studenten immer neue Menschen mit neuen Problematiken sind. Das erspart mir die Routine. Es fühlt sich so an, als hätte ich noch immer eine Kompanie, eine aus lauter freien Menschen.
 

Wanda Golonka, Jahrgang 1958, begann ihre Karriere als Tänzerin in Cannes und setzte sie in der Folkwang Hochschule in Essen fort. Bis 1991 war sie Mitglied des Tanztheaters Wuppertal und gründete in dieser Zeit die Avantgardegruppe Neuer Tanz in Düsseldorf, die sie bis 1995 leitete. Von 2001 bis 2009 war sie Hausregisseurin am Schauspiel Frankfurt, seit dem Wintersemester 2013/14 ist sie Professorin am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz in Berlin. Im Januar 2015 übernahm sie dort die Leitung des Studiengangs Master of Arts.