Tanz-Musik-Bündnisse Wahrnehmung und Grenze

„OUT“ von Anna Konjetzky und Sergej Maingardt am Zentrum für Zeitgenössischen Tanz der Hochschule für Musik und Tanz Köln (ZZT);
„OUT“ von Anna Konjetzky und Sergej Maingardt am Zentrum für Zeitgenössischen Tanz der Hochschule für Musik und Tanz Köln (ZZT); | Foto: Hochschule für Musik und Tanz Köln

Die Choreografin Anna Konjetzky und der aus Kasachstan stammende Komponist und Musiker Sergej Maingardt haben mit elf Tänzerinnen des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz der Hochschule für Musik und Tanz Köln ihr neues Stück „OUT“ erarbeitet. Ein Gespräch über ihre gemeinsame Arbeit und individuellen Arbeitsweisen, über Wahrnehmung und Grenzen.

OUT heißt die jüngste Produktion der deutschen Choreografin Anna Konjetzky und des aus Kasachstan stammenden und seit rund 15 Jahren in Deutschland lebenden Komponisten und Musikers Sergej Maingardt. Nun wurde OUT von elf Tänzerinnen des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz der Hochschule für Musik und Tanz Köln (ZZT) einstudiert.

Sehr vielseitige Talente mit durchaus vergleichbaren Interessen treffen bei dieser Zusammenarbeit aufeinander: Während Anna Konjetzky Tanz und Bewegung in Brüssel und Berlin studierte, bevor sie sich als freischaffende Choreografin mit Tanzstücken und Tanz-Installationen selbstständig machte, wandte sich Sergej Maingardt nach einem Klavierstudium in Kasachstan der Komposition zu und spezialisierte sich an der Hochschule für Musik und Tanz Köln auf Elektronische Musik. Neben Kombinationen von akustischen Instrumenten mit Live-Elektronik, interaktiven Klanginstallationen, Musiktheaterkompositionen und Kollaborationen mit Video- und Popkünstlern, arbeitete er schon mehrfach für den Tanz, der für ihn kompositorisch eine besondere Herausforderung darstellt: „Für den Tanz komponiert man ganz anders – beim Tanz arbeitet man mit einem anderen Zeitempfinden als beispielsweise bei einem Konzertstück im Bereich der Neuen Musik. Man muss in der Musik andere Dichtegrade und dynamische Qualitäten entwickeln. Man denkt einfach ganz anders – dieser Kontrast ist sehr spannend.“

„OUT“ von Anna Konjetzky und Sergej Maingardt am ZZT (Youtube)

Zentral ist für Sergej Maingardt die Frage, wie sich durch das Hören die menschliche Wahrnehmung verändert. Dabei changiert er zwischen unterschiedlichen musikalischen Ästhetiken, experimentiert mit akustischen Raumgestaltungen, um letztlich sehr divergierende auditive Wahrnehmungswelten unmittelbar aufeinanderprallen zu lassen. Er negiert strikte Trennungen von Kunst- und Popmusik, um zu ungewöhnlichen, überraschenden und irritierenden Wahrnehmungsereignissen vordringen zu können.

Ähnlich sieht Anna Konjetzky ihre künstlerische Aufgabe, bei der sie von sehr spezifischen Themen ausgeht, um ihnen räumliche und körperliche Dimensionen zu verleihen, ohne deshalb in einen Erzählmodus zu verfallen. Musik erachtet sie dabei als einen gleichwertigen Partner, mit dem der Tanz in einen Dialog tritt, niemals untermalend oder illustrierend sein soll. Wichtig ist für sie, immer wieder zu reflektieren, wie die beiden Medien ineinandergreifen und was diese Interaktion bei den Zuschauern auslösen könnte: „Mit meiner künstlerischen Arbeit verfolge ich durchaus ein politisches Interesse – nicht in dem Sinn, dass ich politische Kunst mache, aber als Möglichkeit, durch Kunst die Wahrnehmung zu verändern – meiner selbst wie die der Zuschauer. Ich gestalte einen Dialog zwischen den Performerinnen und Performern und den Zuschauerinnen und Zuschauern über eine sehr körperliche Wahrnehmung. Wichtig ist dabei, auch immer wieder Distanz zu nehmen, um dieses Verhältnis reflektieren zu können: Wo bewegt sich der Zuschauer gerade – nicht partizipatorisch im engeren Sinne, sondern mit seiner Wahrnehmung. Es ist faszinierend zu beobachten, dass es sehr unterschiedliche ,Zuschauerkörper‘ gibt, die sehr unterschiedlich auf die gleiche Performance reagieren.“

Am Ausgangspunkt zu OUT standen Fragen nach der Wahrnehmung des Anderen, seiner Inklusion oder Exklusion, und den Grenzen zwischen diesen Bereichen und möglichen Grenzverschiebungen: Wer gehört dazu? Wer ist raus? Können wir uns aufeinander verlassen? Was sehen wir und was wollen wir überhaupt sehen? Was schließen wir aus? Dabei begeben sich die Tänzerinnen auf die Suche nach einer Grenze, die ausschließt, nur von manchen überschritten werden darf, die verteidigt werden muss und immer wieder neu definiert werden kann.

Am Beginn dieses künstlerischen Teamworks wurde der große Bogen ausgearbeitet, klangliche und rhythmische Parameter und mögliche Veränderungen abgesprochen. Sporadisch kamen auch Musiker zu diesen Gesprächen hinzu, um einzelne Passagen auszuprobieren. In weiteren Probenblöcken wurde entweder die Musik oder der Tanz stärker gewichtet, bevor abschließend nochmals das Zusammenspiel nuanciert aufeinander und ebenso auf die spezifischen räumlichen Gegebenheiten abgestimmt wurde.

Während bei einer früheren Zusammenarbeit der beiden Sergej Maingardt als Musikersolist und Komponist in Personalunion noch bis zum Schluss viele Änderungen vornahm, auch nicht alles bis in das letzte Detail fixieren musste, sondern sich auf sein Gedächtnis und spontane Einfälle verlassen konnte, erwies sich diese neue gemeinsame Produktion insofern als komplexer, als nun die unterschiedlichen Arbeitsweisen von Musikern und Tänzern stärker zum Tragen kamen. Tänzer sind es gewohnt, eine Choreografie größtenteils gemeinsam zu entwickeln, wogegen sich Musiker eine Komposition in der Regel zunächst alleine und auf der Basis einer Partitur erarbeiten, bevor sie sie – zumeist in nur wenigen Proben – gemeinsam einstudieren.

In Maingardts Komposition blieben bis zum Schluss offene Spielräume und genügend Flexibilität, um die Musik den spezifisch tänzerischen und räumlichen Bedingungen vor Ort anpassen zu können – und gerade hierin besteht auch die Herausforderung für einen Komponisten, der sich auf den Tanz einlässt: „Beim Komponieren für den Tanz gibt es eine Phase der Kopfarbeit, aber sobald die Tänzer dazukommen, geht es um ganz spontane und pragmatische Entscheidungen. Da hat man sofort ein sehr konkretes Bild, auf das die Musik abgestimmt werden muss.“

Aber auch Anna Konjetzky erlebte die Zusammenarbeit mit den Studentinnen als eine Situation, die sich sehr konkret auf ihre Choreografie auswirkte: „Als ich die Tänzerinnen der Hochschule kennengelernt habe, hat sich das Thema und die Gestaltung, die ich mir zuvor überlegt hatte, verschoben. Es ist poppiger geworden, weil alle sehr junge Frauen sind. Sie sind wesentlich jünger als die Tänzerinnen und Tänzer, mit denen ich sonst zusammenarbeite, strahlen eine große Unbeschwertheit und Lebensfreude aus. Darauf bin ich in meiner Choreografie natürlich eingegangen.“