Tanzausbildung heute Akrobatische Tänzer und tanzende Artisten

Constanza Macras/Dorky Park „The Ghosts“
Constanza Macras/Dorky Park „The Ghosts“ | Foto: Manuel Osterholt

Bewegungskünstler wie Tänzer, Artisten und Breaker sind längst eine Allianz eingegangen. Das beflügelt Choreografen. Vom theatralischen Ausdruck der Tänzer profitieren Zirkusartisten und urbane Performer.

„Jeder Körperkünstler bringt unabhängig von seinen speziellen Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit einen riesigen Erfahrungsschatz an unterschiedlichsten Tanztechniken und somatischen Praktiken mit zur Probe“, sagt Stephanie Thiersch. Für Corps Étrangers – Fremdkörper engagierte die Kölner Choreografin nach langer Vorarbeit einen Mix aus Artisten und Tänzern. Denn „Akrobaten und Tänzer beherrschen ähnliche, aber auch sehr unterschiedliche Körpertechniken. Wir haben uns neben inhaltlichen Diskussionen Zeit genommen, diese Techniken gegenseitig zu verstehen und sogar, soweit es ging, zu lernen.“ Dadurch habe sich der physische Spielraum erweitert, und die choreografische Fantasie sei angeregt worden. Ihre Arbeitsweise sei so angelegt, sagt Thiersch, „dass ich mit allen beteiligten Künstlern, egal welcher Disziplin, im Austausch bin über Form und Inhalt der Kreationen.“ Im Fall von Corps Étrangers – Fremdkörper sei eine „coole Truppe“ gewachsen, „die vielleicht erst in der Fusion ihr Potential voll entfalten konnte“.
 

Martin Schläpfer „Reformationssinfonie“, Ballett am Rhein (Youtube)

Performer als Partner

Gerade in der experimentierfreudigen freien Szene sind Performer aller Disziplinen heute Partner. Aber auch Choreografen wie Martin Schläpfer (Reformationssinfonie), Nanine Linning (Synthetic Twin), Mauro de Candia (Brahms 1. – Reflection), Davide Bombana (Der Prozeß) oder Richard Wherlock (Juditha triumphans) integrieren Breakdance und akrobatische Figuren oder Formationen in ihre Ballette. Niemand demonstrierte bisher die Vereinigung von Akrobatik und Ballett derart perfekt und poetisch wie die vielfach preisgekrönte chinesische Produktion des akrobatischen Balletts Schwanensee. Demonstrativ solidarisierten sich dabei westlich orientierte Balletttänzer mit den in China heute gering geschätzten Zirkusartisten. Auch die internationale Tanzkompanie Constanza Macras/Dorky Park setzt sich unter Bezug auf die hungrigen Geister der chinesischen Mythologie mit dem Schicksal dieser sozialen Randgruppe auseinander. Die Uraufführung der Produktion The Ghosts war im Rahmen des Berliner Festivals Tanz im August 2015 zu sehen.
 
Nanine Linning „Synthetic Twin“ (Youtube) 

Manche Choreografen probieren einfach neue Bewegungen aus, wenn sie dramaturgisch passen oder ein Solist etwas Außergewöhnliches zu bieten hat. Erlaubt ist, was funktioniert. Aber manchmal funktioniert es eben auch nicht. So ließen an einem großen Theater drei Tänzer eine Ballerina bei der Premiere von Giselle nach einem hohen Wurf fallen. In seine Odyssee am Aalto-Theater in Essen baute der Choreograf Patrick Delcroix so schwierige horizontale Posen für Penelope ein, dass die Tänzerin die unerwünschten Freier nicht etwa pantomimisch abwehrte, sondern ihnen Halt suchend die Arme entgegenstreckte. Für Ausbilder sind das Tabuszenen. „Die Bühne ist uns heilig. Da darf man nur zeigen, was man wirklich gut kann“, fordert Ralf Stabel, Leiter der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik Berlin.
 
Mauro de Candia „Brahms 1. – Reflection“, Theater Osnabrück (Youtube)

Auf dem Weg zum Neuen Zirkus

Die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik Berlin ist einzigartig in Deutschland. 1991 wurde sie aus zwei Schulen – eine spezialisiert auf Ballett, die andere auf Artistik – zu einer zusammengeführt, womöglich, um dem Trend zum „Neuen Zirkus“ eine Chance zu bieten. Auf einem großen Campus mit Trainingssälen und -studios, allgemeinbildenden Schulformen, Internat und Freizeitgelände leben die angehenden Tänzer und Artisten zusammen. „Wenn man morgens im Englisch- oder Matheunterricht nebeneinander die Schulbank drückt“, berichtet Stabel, „tauscht man sich natürlich auch über die andere Ausbildung aus“. Gemeinsame Kurse, zum Beispiel in künstlerischer Gymnastik, sind geplant. Für Tänzer sei es am schwierigsten zu lernen, sich fallen zu lassen. Die Artisten wiederum übernehmen von den Tänzern den Ausdruck theatralischer Effekte.
 
Davide Bombana „Der Prozeß“, Staatstheater Karlsruhe (Youtube)

Netzwerke

Montréals Cirque du Soleil und Cirque Éloize gelten als prominenteste Initiatoren des Cirque Nouveau. Wie mittlerweile weltweit viele Gruppen verbinden sie Musik, Tanz und Akrobatik mit Charme, clowneskem Humor und Poesie zu niveauvoll-intellektueller Unterhaltung. Aufsehen erregt auch schon seit den 1980er-Jahren das multimediale Bewegungstheater der katalanischen Straßentheatergruppe La Fura dels Baus. Ballett, Breakdance, Flamenco, Kampfsportarten, Volkstänze und sakrale Rituale der Welt vereint der flämisch-marokkanische Tänzer-Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui. In Deutschland haben sich aus der Initiative Neuer Zirkus in Köln und dem Forum Zirkus in Berlin regionenübergreifende Netzwerke entwickelt. „Zirkus lebt von der Überwindung von Grenzen und vom Reichtum der kulturellen Identität der Artisten aus vielen Ländern“, heißt es in der Präambel der Initiative Neuer Zirkus.
 
Richard Wherlock „Juditha triumphans“, Theater Basel (Youtube) 

Abspaltungen von traditionellen Künsten lassen sich inzwischen in allen Sparten darstellender Kunst beobachten. Neue Allianzen und individuelle Sichtweisen auf aktuelle Themen und Befindlichkeiten von Kulturen, Religionen und Regionen werden möglich. Was der Tanz dazu beiträgt, werde aber bisher nicht genügend gewürdigt, bedauern viele Choreografen und Performer.