Ikonografie des Körpers Nacktheit und Nähe

Mette Ingvartsen „7 Pleasures“;
Mette Ingvartsen „7 Pleasures“; | © Marc Coudrais

Nackte Körper sind mehr oder weniger gewohnter Anblick geworden, auch auf der Bühne. Doch wenn es nicht mehr um sittenpolizeiliche Fragen oder Pornografievorwürfe geht, was kann ein nackter Körper eigentlich bedeuten? Der zeitgenössische Tanz hat sich diesem Thema zugewendet und bietet Beispiele für die Auseinandersetzung mit dem entblößten Körper und seiner Wirkung.

Das Körperideal im so genannten westlichen Kulturraum ist naturgemäß normativ. So gerät die vermeintlich allgegenwärtige Darstellung nackter Körper in Werbung, Kunst und Medien oftmals nur zu einer Fiktion von Nacktheit. Die real existierenden Körperformen – das Dicke, das Gedrungene, das Schwache, das Alte – bleiben tabuisiert. Das gilt auch im Tanz. Die große Mehrzahl der Bühnenereignisse ist von jungem und trainiertem Personal bevölkert. Doch hat sich das Interesse verschoben. Weil Nacktheit nicht mehr automatisch als skandalös wahrgenommen wird, geht es um die Frage, was ein entblößter Körper eigentlich zeigt. Denn mögen sie auch zum gängigen Anblick geworden sein: Selbstverständlich sind Nackte nicht.

Funktionswert der Nacktheit

Die Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen hat zuletzt mehrere Arbeiten herausgebracht, die dem gesellschaftlichen und ästhetischen Funktionswert der Nacktheit nachspüren. In ihrem Gruppenstück 7 Pleasures sehen wir zwölf Tänzerinnen und Tänzer sich aus dem Publikum erheben, die Kleider abstreifen und auf der Bühne einen bald ekstatischen, bald meditativen, immer aber kollektiven Bildparcours durchlaufen. Der einzelne Körper geht ein in die bewegte Skulptur des Ganzen, hat irgendwann seinen Solo-Part und verschwindet wieder im Allgemeinen. Doch geht es in 7 Pleasures nicht eigentlich um Nacktheit als Entblößung des Intimen. Vielmehr erscheint der unbekleidete Körper als eine Maske, als subtile Kostümierung für das, was den Leib ausmacht: ein Bündel aus Begehren, Individualität und sozialer Interaktion. Nichts Pornografisches liegt in diesem eigentümlich experimentellen Tableau. Die Körper der Darsteller gehen vollständig in ihrem Treiben auf; ihre Nacktheit ist gar nicht aufreizend, sondern eine Art Selbstvergessenheit. Das markiert den großen Unterschied zur Pornografie. Die jahrhundertealte Furcht vor dem Nackten ist vermutlich im Kern die Furcht vor der Pornografie, also der Entäußerung erlebter Lust im Schaustück. Heute ist die Erscheinung des Körpers in der eigenen oder einer zivilisatorischen Haut mehr denn je umkämpft – man denke nur an die Debatten um Ganzkörperverschleierung, Kopftuch und Bartwuchs.

Das Nackte geht vorüber

Auf den Zusammenhang zwischen Pornografie und Nacktheit im Tanz verweist Ingvartsen in ihrer solistischen Lecture-Performance 69 Positions (2014). Vor Reproduktionen einiger Illustrationen zu de Sades Skandalroman Justine oder Vom Missgeschick der Tugend wird unmittelbar deutlich, wie wuchernd die Einbildungskraft sich der Körper als Lustinstrumente bemächtigt. Ingvartsen reiht diese frühe Verdinglichung ein in die Performancegeschichte des 20. Jahrhunderts, die mit Living Theater, dem US-amerikanischen Theaterautor Richard Foreman oder der ebenfalls aus den USA stammenden Künstlerin Carolee Schneeman einen beherzten Kampf gegen das Nacktheitsverbot ausfocht.

Aber mit welchem Erfolg? Wenn ausgestellte Nacktheit sich im Namen der Kunst gegen pornografische Vereinnahmung zur Wehr setzt, bleibt die Frage nach anderen Lesarten offen. Schneemans Performance Meat Joy von 1964 verhandelte gleichermaßen den Vietnamkrieg, die Frauenrechte und den Puritanismus. Einer Wiederaufnahme dieser Aktion, von Ingvartsen angeregt, mochte die Künstlerin aber nicht zustimmen – auch mit Hinweis auf das Alter der seinerzeit Beteiligten. – Womit wir wieder bei den Normen wären. Dabei ist gerade das besonders aufschlussreich: Der Körper bleibt sich niemals gleich. Ob in der Lust, der Aufführung oder dem Altern – das Nackte ist immer nur vorübergehend, täuschend vielleicht, jedenfalls aber fragil. Es reicht womöglich nicht als Waffe, gleich in welchem Kampf man es einsetzen will.

Such stuff as we are made of (2000) von Lia Rodrigues war ein frühes Stück der brasilianischen Choreografin, die ihre künstlerische Arbeit dem Grundsatz nach als Aktivismus begreift. Die nackten Tänzer agierten damals mitten im Publikum, das sich fortwährend selbst ins Verhältnis setzen musste zur Scham. Wie viel Distanz wahren? Wohin schauen? Worauf achten? Auch Rodrigues’ Produktion Pindorama von 2013 greift auf das Motiv von Nacktheit und Nähe zurück. Die unbekleideten Körper werden zur Metapher der Wandelbarkeit, zum Leib als räumliche Erscheinung, die sich auf vielfache Weise betrachten und deuten lässt.

Nackter Zufall

Meg Stuart „UNTIL OUR HEARTS STOP“ (2015); Meg Stuart „UNTIL OUR HEARTS STOP“ (2015); | © Iris Janke Die großen Gesellschafts-Panoramen stehen bei Meg Stuart nicht im Vordergrund. Eher schon interessiert sie sich für die Erkundung körperlicher und energetischer Zustände. In ihrem 2015 für die Münchener Kammerspiele entstandenen Stück UNTIL OUR HEARTS STOP kommt Nacktheit wie ein Zufall einher. Die Tänzer und Tänzerinnen agieren mal mit, mal ohne Kleider; ihre zwischen naiver Beiläufigkeit und tierhafter Welterkundung changierenden Kontakte, ihr Tasten, Riechen und Schnüffeln scheinen mit der Kleiderordnung kaum verknüpft. Tanz selbst wird zu einer Entblößung, zu einem Tun, das sich in der Begegnung verströmt. Als ginge es weniger um das Bild des Körpers als um dessen Energie. Und der ist die Kleiderfrage allem Anschein nach ganz einfach egal.