Tanzjahr 2016 Feiern statt Frusten, Denken statt Dilettieren

Soiree zur Eröffnung des Tanzjahres 2016 beim Bundespräsidenten Joachim Gauck auf Schloss Bellevue in Berlin
Soiree zur Eröffnung des Tanzjahres 2016 beim Bundespräsidenten Joachim Gauck auf Schloss Bellevue in Berlin | © Eva Radünzel

Es war eine denkwürdige Premiere: Im Februar 2016 empfing Bundespräsident Joachim Gauck Künstler, Kuratoren, Intendanten und andere Sachwalter des Tanzes zu einer Soiree in Schloss Bellevue. Dabei ließ sich Deutschlands ranghöchster Repräsentant vorführen, was es so alles in der nationalen Tanzlandschaft gibt: Ballett und Hip-Hop, Tanztheater und Slapstick, veredelte Artistik und zeitgenössisch Aufgerautes, Profis und beinahe profihafte Amateure. Beim anschließenden Empfang parlierte Gauck vergnügt mit der Schauspielerin Senta Berger, die – einst selbst Tanzelevin – als Botschafterin des Tanzjahrs 2016 gekommen war.

Tanzjahr 2016? Eigentlich findet genau das statt, was auch sonst immer stattfindet – nur eben nicht innerhalb von 12 Monaten: Tanzplattform Deutschland, Tanzkongress, Internationale Tanzmesse NRW (Nordrhein-Westfalen). Die Veranstalter dieser drei Zusammenkünfte und der Dachverband Tanz haben das Tanzjahr ausgerufen – als Kampagne der Tanzszene, die für mehr Aufmerksamkeit, mehr Zuspruch, mehr Interesse seitens politischer Entscheider sorgen soll – was mehr Geld bescheren könnte. Die Wirkung nach außen ist das eine, die Wirkung nach innen das andere, dass beides eintritt: wünschenswert!
 

  • Soirée zur Eröffnung des Tanzjahres 2016 beim Bundespräsidenten Joachim Gauck auf Schloss Bellevue in Berlin © Eva Radünzel
    Soirée zur Eröffnung des Tanzjahres 2016 beim Bundespräsidenten Joachim Gauck auf Schloss Bellevue in Berlin
  • Soirée zur Eröffnung des Tanzjahres 2016 beim Bundespräsidenten Joachim Gauck auf Schloss Bellevue in Berlin © Eva Radünzel
    Soirée zur Eröffnung des Tanzjahres 2016 beim Bundespräsidenten Joachim Gauck auf Schloss Bellevue in Berlin


Was Außenwirkung und Image betrifft, hat der Tanz in den letzten Jahren gepunktet. Die schöne neue Welt der Videoclips und Werbebanner ist allenthalben mit Tanzenden bestückt. Die Zahl der partizipativen Projekte dürfte von den Schulen bis zu den Seniorenheimen noch nie so groß gewesen sein. Die Statistiken des Bühnenvereins verzeichnen für den Tanz regelmäßig mehr Zuschauer als für andere Sparten, und wer mit Leitern einschlägiger Festivals oder Produktionsstätten spricht, kriegt relativ wenig Klagen zu hören. Trotzdem gibt es Dauerbaustellen, die im Tanzjahr besonders ins Auge fallen: So die prekären Existenzbedingungen der freien Szene, so manche künstlerische Hervorbringung, deren mindere Machart umso mehr auffällt, wo sie Seite an Seite mit ansehnlichen Prozessergebnissen in Erscheinung tritt.

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Genau das ließ sich beispielsweise bei der Tanzplattform in Frankfurt am Main beobachten, die im Februar 2016 stattfand. Dort waren ein paar gut durchdachte und gemachte Aufführungen zu sehen, allerdings flankiert von Formaten, die dem Zuschauer ein Fragezeichen auf die Stirn trieben: Was soll das?

Derlei Ausfälle sind leider keine Seltenheit, sondern der Preis für die Performance-Revolution. Die Ausweitung der Tanz-Zone hin zu Sprache, Bildender Kunst, Video-Setting erzeugt kraftvolle Bündnisse, sofern Könner zugange sind, die ihre Mittel und Werkzeuge – tanzseitig: Körperinstrumente – perfekt beherrschen. Sie geht auf Kosten des Tanzes, wenn die Beteiligten nur noch einen nebulösen Begriff davon haben, was das bitte schön sein soll – Tanz? Eine Turnübung? Ein lässiges Workout? Ergebnis „künstlerischer Forschung“? Also rumstehen, rumgehen, rumsitzen, rumreden, dazu möglichst entleerte Miene machen und mal mehr, mal weniger heftig aneinander herummanipulieren? Keine professionelle Geigerin würde sich ohne exzellente Musizierkenntnis auf ein Konzertpodium wagen, kein Sänger ohne sorgsam präparierte Stimme auf die Bühne. Im zeitgenössischen Tanz aber scheint es durchaus machbar, Künstlerstatus zu beanspruchen ohne im Besitz einer versierten Körpertechnik zu sein. Ein mehr oder minder opakes Konzept mit allerlei vorgeblich „innovativen“ Ingredienzen reicht bisweilen aus, um Juroren und Verwaltern von Fördertöpfen eine Projekt-Zusage zu entlocken. Ob das Publikum allein aus Szenegängern besteht und die Öffentlichkeit außerhalb dieser Blase mangels Verständlichkeit abwinkt – egal, Hauptsache der „zeitgenössische Tanz“ ist mit sich zufrieden.

Kunst statt Kunstbehauptung


Man mag diese Beschreibung als bösartige Karikatur abtun. Aber der Tanz steckt an dieser Stelle in einem Dilemma: Will er als Kunst wahr- und ernst genommen werden, muss er sich selbst als Kunst wahr- und ernst nehmen. Dazu gehört der offene und kritische Blick auf die eigenen Kreationen, auf das eigene Handwerkszeug – und auf die Vokabel „zeitgenössisch“. Wie viel „Zeitgenossenschaft“ steckt in einer Inszenierung, kommt sie uns als inhaltliche, formale, ästhetische Prägung entgegen? Nicht selten scheint immer noch das postmoderne „anything goes“ die Marschrichtung anzuzeigen, obwohl die diesbezüglich stilbildenden 1980er-Jahre samt der zugehörigen Performance-Euphorie längst vorbei sind.

Experimente gedeihen auch in der Kunst nur auf dem Boden von Erfahrung und Expertise. Im Tanz bezieht sich beides auf das, was der Körper vermag. Wenn das Tanzjahr 2016 dazu beiträgt, dass Ausbildung, Theorie und Praxis des Tanzes auf die Gegenwart antworten statt kreative Hybris zu pflegen, Kunst machen statt Kunstbehauptungen aufzustellen, ist schon viel erreicht. Sobald Denken statt Dilettieren, Tanzen statt Turnen angesagt ist, kann frustfrei gefeiert werden – gern auch in Bellevue.