Deufert & plischke An den Löchern bauen

Deufert & Plischke (Kattrin Deufert und Thomas Plischke)
Deufert & Plischke (Kattrin Deufert und Thomas Plischke) | © Simone Steiner

Für ihre Perfomances holen Kattrin Deufert und Thomas Plischke die Zuschauer auf die Bühne. „Wenn uns unser Publikum tatsächlich interessiert, gibt es diese Verantwortung, Theater auch ein Stück weit mit ihm zu machen“, erklären die Berliner Künstler im Interview.

Partizipation ist ein wiederkehrendes Thema in Ihren Arbeiten. Wie hat sich das entwickelt?

Wir kommen aus einem Theater, das die Moderne, die Postmoderne und das Postdramatische hinter sich gebracht hat. Gleichzeitig interessieren wir uns für kooperative, kollaborative und oft kritische Kunstbewegungen, die die Erfahrung des Kunstwerks ins Zentrum stellen, nicht nur das Betrachten. Diesen partizipativen Moment kann man kunstgeschichtlich sehen, aber auch im Verhältnis zu den jeweiligen gesellschaftlichen Umbrüchen, und zu den Fragen, die damit gestellt werden: Wer hat teil am Kunstwerk, wer wird in Szene gesetzt? Wer ist auf der Bühne präsent? Und was entsteht in dieser sozialen Situation? Um das Theater in die heutige Welt zu setzen, auf das bestehende Gesellschaftsbild zu reagieren und es zu verändern, müssen wir mit wirklichen Menschen an ihm arbeiten. Wenn uns unser Publikum tatsächlich interessiert, gibt es diese Verantwortung, Theater auch ein Stück weit mit ihm zu machen.

Zusammenarbeiten und Zusammenleben sind in Ihrer Arbeit eng verbunden – was bedeutet das praktisch?

Wir sind als Künstler am gesellschaftlichen Leben interessiert: an Herstellungs- und Produktionsweisen, der Aufführungssituation als sozialer Situation im Hier und Jetzt, und an der Rezeption nicht nur als eine akademische Praxis, sondern als eine, die die Erfahrung mit unserer Arbeit auch wieder ins Leben zurück trägt. Dabei machen wir künstlerische Prozesse nicht alltäglicher, als sie sein müssen, ästhetisieren oder choreografieren sie, aber wir holen alle diese Prozesse und den Alltag auf die Bühne.

Praktisch haben wir über unsere Arbeitsweise ‚Reformulieren’ die partizipatorischen und die kollaborativen Prozesse ganz langsam zusammengebracht. Mit 24h Durcheinander (2015) arbeiten wir nach Entropisches Institut (2012) am zweiten Stück, in dem wir ernsthaft mit anderen Künstlerinnen und Künstlern sowie Denkerinnen und Denkern etwas herstellen, das kein fertiges Szenario ist. Wir stellen dagegen ein Set-Up, in das das Publikum hineinkommt und in dem wir alle gemeinsam ein Theater aufbauen. Das widerspricht der Möglichkeit, eine distanzierte Haltung, Wahrnehmung oder Beschreibung einzunehmen.

„Entropischen Institut“ (2012) von Deufert & Plischke „Entropisches Institut“ (2012) von Deufert & Plischke | © Anja Beutler Was bedeutet das für den Produktionsprozess?

Wir möchten immer, dass die Arbeit nicht nur für uns, sondern auch für andere wichtig ist. Diesen politischen Anspruch muss man stellen. Für einen kurzen Zeitraum etwas zu machen und dann wieder zu verschwinden, befriedigt weder uns noch die Gesellschaft langfristig. Wir arbeiten deshalb stark kontextbezogen, weswegen „Begegnung“ ein wichtiger Begriff ist. Ohne Begegnung passiert kein Theater. Egal wo wir hingehen, gehen wir an einen Ort, um dort auch zu sein, dem Ort zu begegnen, ihn kennenzulernen und die sehr unterschiedlichen sozialen Dynamiken in irgendeiner Form auch in unsere Arbeit aufzunehmen. Sich Zeit zu nehmen, und eine enge Verbundenheit mit Leuten sind uns wichtig. Wir stellen also nicht die Erfahrung der Anderen in unserer Kunst her, sondern jeder muss seine Erfahrung selbst mitbringen und dafür Verantwortung übernehmen.

Wir arbeiten selten in Einzelevents, sondern oft mit Aufführungsserien, mit Fortsetzungen und Korrespondenzen. Das geschieht auch, da wir das, was wir brauchen, um unsere künstlerischen Prozesse aktiv zu halten, nicht in einem Stück von unserem Publikum lernen können. Die Begegnung mit Anderen, Kindern, älteren Leuten, Studierenden, Gleichaltrigen, ihren Erfahrungen und ihrem Umgang mit Zeit führen uns auch aus unseren eigenen Mechanismen heraus. Es ist wichtig, es sich nicht zu bequem machen, sich nicht einfach hinsetzen, sich selbst aussetzen – egal wo. Das haben wir gelernt, und darüber müssen sich auch alle Kulturaustauschprogramme bewusst sein.

Wie lässt sich Ihre Arbeit – mit Regeln, Instruktionen, choreografischen Anweisungen – mit dem partizipatorischen Ansatz zusammenbringen?

Bei unserer Arbeit mit Regeln geht es weniger um eine statische Setzung, die Mit-Verantwortung ausschließt. Unser Motto ist: „Zeig mir Dein Material und ich zeige Dir, was Du nicht damit machst.“ Das Wissen um Regeln soll Möglichkeit schaffen, sich zu ihnen zu verhalten, sie umzudrehen, ihnen zu folgen, sie abzulehnen, sie zu variieren – also im choreografischen Sinn Korrespondenzen zu schaffen. Die Anlage der Arbeit hat in diesem Sinn vielleicht totalitäre Züge, ist aber nicht auf gesellschaftliche Autorität ausgelegt. 

Die Funktion des Theaters bleibt dabei eine brisante Frage, da dort Menschen auf Menschen treffen. Diese menschlichen Prozesse interessieren uns, dieses Miteinander und Durcheinander. Das Publikum muss die sinnlich-künstlerischen Prozesse immer mit-produzieren, was manche ablehnen. Das wiederum bringt uns zum weiteren Nachdenken über einen veränderten Arbeitsbegriff im Theater und sein Verhältnis zur Demokratie.

„24h Durcheinander“ (2015) von Deufert & Plischke „24h Durcheinander“ (2015) von Deufert & Plischke | © Simone Steiner Geht es mit der Frage der Teilhabe auch um eine ethische Dimension im Theater?

„Teilhabe“ ist ein wichtiger Begriff, und auch „Verantwortung“. Man muss teilnehmen, bevor man teilhaben kann. Das ist ethisch, aber auch politisch wichtig für uns. Deufert&plischke gibt es nur als Künstler-Team.

Wenn jede Entscheidung immer schon durch zwei Personen geht, diskursiviert, alles immer auch ausgesprochen werden muss, gibt es nie diese intuitive spontane Setzung. Das schafft in jedem kreativen Akt etwas sehr Soziales, etwas sehr Vermitteltes, das sich dann auf jede weitere Person transferiert, mit der wir arbeiten. Die Arbeit an den Löchern unserer Realitäten ist für uns wichtiger als eine Schließung einer Lücke von Wissen und Nicht-Wissen.