Performance trifft Tanz Rabih Mroué versucht sich als Choreograf

Rabih Mroué (links) und das Dance.On-Ensemble bei Proben zu „Water Between Three Hands“
Rabih Mroué (links) und das Dance.On-Ensemble bei Proben zu „Water Between Three Hands“ | Foto: Dorothea Tuch

Der Performancekünstler und Regisseur Rabih Mroué arbeitete für sein Stück „Water Between Three Hands“ erstmalig mit Tänzern – mit der Senioren-Tanzgruppe Dance On, deren Mitglieder größtenteils jünger sind als er selbst. „Diese Tatsache forderte mich so richtig heraus“, erzählt Mroué im Interview. 

1967 in Beirut geboren, fand Rabih Mroué eine zweite Heimat in Berlin und wurde eine internationale Größe in den Künsten. Er ist Mitgründer des Beirut Art Center und Mitherausgeber der New Yorker Zeitschrift Drama Review. Er schuf Installationen für die deutsche Kunstschau dOCUMENTA13 und New Yorks Museum of Modern Art, Londons Modern Tate sowie in Paris, Tokio, Ljubljana, Istanbul, Madrid und anderen Städten. Der ausgebildete Theatermacher war Stipendiat am Internationalen Forschungszentrum Interweaving Performance Cultures der Freien Universität Berlin und Regisseur an den Münchner Kammerspielen. Zum ersten Mal arbeitete Mroué jetzt mit Tänzern. Sein neues Stück Water Between Three Hands für die kürzlich gegründete Senioren-Tanzgruppe Dance On hatte in Hamburgs Avantgarde-Kulturzentrum Kampnagel Premiere und wird auf Tournee gehen.

Herr Mroué, nach Performances wie „Make Me Stop Smoking“ (2008), „Riding on a Cloud“ (2014), „Biokhraphia“ (2015) oder „Ode to Joy“ (2015) mit langen, gesprochenen Texten in verschiedenen Sprachen und Videoclips von Kriegsszenen im Mittleren Osten ist „Water Between Three Hands“ nun ein überraschend sanftes, herrlich poetisches und sogar humorvolles Ensemble-Theaterstück mit fantastischem Tanz und kraftvollen Schlagwerk-Kompositionen. Wie haben Sie sich auf diese neue Arbeit vorbereitet?

Ich habe damit gerechnet, dass die Senioren-Tänzer so um die 70 Jahre alt wären. Aber zu meiner Überraschung sind sie alle zwischen 40 und 50 – das heißt also, großenteils jünger als ich. Diese Tatsache forderte mich so richtig heraus. Ich beschloss, keinerlei Videos anzusehen, um in keiner Weise beeinflusst zu werden. Denn ich bin ja kein Choreograf. Ich wollte mehr über sie wissen, über ihren Hintergrund und ihr Verhältnis zu ihrem Körper. Diese Fragen waren meine erste Inspiration.
 

  • Rabih Mroué Foto: Dorothea Tuch
    Rabih Mroué
  • „Water Between Three Hands“ Foto: Dorothea Tuch
    „Water Between Three Hands“
  • „Water Between Three Hands“ Foto: Dorothea Tuch
    „Water Between Three Hands“
  • „Water Between Three Hands“ Foto: Dorothea Tuch
    „Water Between Three Hands“


Wie genau haben Sie dann zusammengearbeitet?

Ich kam zur ersten Probe mit unfertigen Ideen, Skizzen und Vorschlägen und begann, diese mit den Tänzern zu erforschen. Ich hatte schon vorher den Titel – Water Between Three Hands. Fast sofort entwickelte sich zwischen uns ein lebendiges Geben und Nehmen. Die Tänzer teilten ihre faszinierende Kenntnis ihrer Körper, Bewegungen, Kunst und ihres Denkens sehr freimütig mit mir. Nach und nach entstand eine Vielzahl von Zeichnungen und Notizen von möglichen Positionen, Überlegungen und Beziehungen.

… die Sie alle in einem kleinen Buch gesammelt haben, aus dem die Tänzer während der Vorstellung vorlesen und rezitieren …

Richtig.

Sie selbst und fünf der sechs Dance-On-Mitglieder haben Deutschland als zweite Heimat gewählt. Da ihr Werk ja sehr politisch orientiert ist, hatte ich Bezüge zur aktuellen Flüchtlingssituation erwartet.

Wir haben über diese Situation gesprochen. Aber das hatte keinen Einfluss auf die Struktur der Aufführung. Meine Arbeit ist politisch in einem philosophischen Sinn. Aber ich bin kein Aktivist – weder in meiner Kunst noch in meinen Performances. Außerdem bin ich nicht daran interessiert, das Publikum zu erziehen, über Vorgänge zu informieren oder zu erklären und so weiter. Ich interessiere mich für Fragen, Reflektionen und Zweifel, ohne Schlüsse zu ziehen.

Aus welchem Grund haben Sie sich entschieden, sich mit Ihrer Frau und Partnerin Lina Majdalanie in Deutschland niederzulassen?

Ehrlich gesagt ist es nicht Deutschland, sondern Berlin. Ich kann gar nicht einmal sagen, was es mit Berlin auf sich hat. Wenn man liebt – liebt man eben einfach (lacht).

Das Hebbel am Ufer in Berlin hat Anfang April 2016 eine Retrospektive ihres jüngeren Bühnenwerks mit dem Titel „Outside the Image – Inside Us“ gezeigt. Wie fühlte sich eine derartige Werkschau für Sie, einen relativ jungen, wenn auch außergewöhnlich produktiven Künstler, an? Jedenfalls muss es ja wohl ziemlich anstrengend gewesen sein, da Sie in allen acht Stücken innerhalb von fünf Tagen auf oder hinter der Bühne standen.

Ich habe es sehr genossen. Es gab mir selbst und dem Publikum eine Chance, die verschiedenen Reflektionen zu verfolgen und unsere Beziehung zu vertiefen, unsere Unterschiede zu spüren und die Entwicklung meines Werks hier zu überprüfen.

Seit 2002 sind Sie als Regisseur und Performer in Berlin, München, Hamburg und anderen deutschen Städten hoch angesehen. „Water Between Three Hands“ ist eine gemeinsame Produktion von Hamburgs Kampnagel und dem tanzhaus nrw Düsseldorf in Nordrhein-Westfalen. Ein neues Stück mit dem Titel „So Little Time“ hat im August 2016 bei der Wiesbaden Biennale Premiere. Wodurch fühlen sich Deutsche Ihrer Meinung nach zu Ihrem Werk hingezogen?

In meiner Arbeit möchte ich einige Ideen, Thesen, Zweifel, Fragen mit den Zuschauern teilen. Für mich ist die Beziehung zu ihnen sehr wichtig. Ich betrachte sie als Individuen, nicht als Masse oder Gruppe. Wo immer ich auftrete – jeder Abend und jedes Publikum ist anders. Ich hüte mich möglichst vor Verallgemeinerungen. Viele Städte haben vieles miteinander gemein, aber unterscheiden sich auch sehr voneinander. Ich möchte eher die Unterschiede betonen als die Ähnlichkeiten; denn das macht uns als Individuen im philosophischen Sinn politisch.

Theater wurde aber auch zur Freude und Unterhaltung erfunden. Sind Sie der Ansicht, dass die Künste heute eher eine politische Verantwortung tragen?

Nein. Ich bin nicht Teil der aware arts. Es sollte wirklich Freude machen. Allerdings habe ich nichts übrig für simple, stupide Unterhaltung, die lediglich für den Konsum produziert wird. Wenn ich Gedichte oder philosophische Abhandlungen lese, ist mir das eine Freude. Oder wenn ich einen Dialog mit dem Publikum führe – das ist mir ein Vergnügen. Oder gerade jetzt die Arbeit mit diesen hoch professionellen Tänzern ist für mich eine reiche Erfahrung und beste Unterhaltung. Mit der Dance-On-Kompanie zu arbeiten war für mich eine sehr gute Möglichkeit, mit dem Tanz vertraut zu werden.