Pina Bausch Kann man Tanz in Vitrinen stellen?

Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn
Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn | Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation

Was bleibt vom Erlebnis Tanz, wenn man ihn ins Museum bringt? Wie bewahrt man dabei die Lebendigkeit der bewegten Kunstform? Dieser Herausforderung stellte sich die Ausstellung „Pina Bausch und das Tanztheater“.

Die Pina-Bausch-Kompagnie gastiert in der Stadt. Sie tanzen Café Müller (1978), Palermo Palermo (1989) oder ein anderes der rund 50 Meisterwerke der Wuppertaler Tanzikone. Als Tanzliebhaber setzt man alles daran, eine Karte zu ergattern, bekommt man doch selten die Gelegenheit, ein Stück Tanzgeschichte zu erleben. Die deutsche Choreografin Pina Bausch (1940–2009) revolutionierte mit ihren Stücken den zeitgenössischen Tanz. Sie verband erstmals Tanz mit Gesang, Artistik und Schauspiel und schuf so eine neue Bühnenform, das Tanztheater. „Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt“, lautete ihr Leitspruch.

Der Besuch eines Tanzabends der Pina-Bausch-Kompagnie, die auch nach dem Tod von Pina Bausch weiterhin durch die ganze Welt tourt, ist ein Muss für jeden Tanzinteressierten. Bereits im Theaterfoyer spürt man die freudige Erwartung des Publikums. Auf den Plätzen wird im Programmheft geblättert, ringsherum hört man halblaut geführte Gespräche. Sie verstummen, sobald das Licht gedimmt wird. Die Tänzer erscheinen und als Betrachter taucht man für die Zeit der Aufführung ab in diese faszinierende und berührende Welt des Körperausdrucks, der Musik und der Kostüme. Das Erlebte in Worte zu fassen, fällt oft schwer, spricht Tanz den Zuschauer doch oft auf einer tiefen, emotionalen und unmittelbaren Ebene an.
 

  • Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation
    Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn
  • Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation
    Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn
  • Tango in der Lichtburg Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation
    Tango in der Lichtburg
  • Nazareth Panadero in der Lichtburg Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation
    Nazareth Panadero in der Lichtburg
  • Tanz-Workshop Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation
    Tanz-Workshops
  • Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation
    Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn
  • Salomon Bausch bei der Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation
    Salomon Bausch bei der Eröffnung der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn

Tanz in Vitrinen

Doch was bleibt von diesem speziellen Erlebnis, wenn man den Tanz ins Museum bringt? Wo bleibt die Lebendigkeit des Tanzes? Welche Aspekte können sichtbar werden, die während einer Aufführung nur implizit sind? Den Versuch das Werk der Choreografin auszustellen, wagte 2016 die Bundeskunsthalle in Bonn zusammen mit dem Berliner Martin Gropius Bau. Pina Bausch und das Tanztheater hieß die von Salomon Bausch, Miriam Leysner und Rein Wolfs kuratierte Ausstellung.

Im Zentrum vieler Tanzausstellungen stehen meist Fotografien, Theaterplakate, Videoausschnitte, Kostüme und allerlei Relikte, die sich um die Tanzproduktionen angesammelt haben. Auch in der Pina-Bausch-Ausstellung wurden solche Schätze aus dem Archiv der Pina Bausch Foundation gezeigt. Beim Gang entlang der Vitrinen kehrt der Betrachter an die Anfänge von Pina Bauschs Werdegang zurück. Die Exponate geben Einblick in ihre Biografie: Ab 1955 absolviete sie bei Kurt Jooss an der Essener Folkwang Schule ihre Ausbildung, als Stipendiatin an der Juilliard School und Elevin beim Ballett des Metropolitan Opera House lebte sie in New York , und als Solistin im von Kurt Jooss neugegründeten Folkwang-Tanzstudio kehrte sie schließlich nach Essen zurück. Dort entstanden erste eigene Choreografien, die zur Entwicklung ihres legendären Tanztheaters beitrugen. Da der Tanz selbst nur im Moment der Aufführung existiert, bedarf es solcher Exponate als Stellvertreter, die das Bühnenereignis zwar nicht wiederbringen können, doch einen Blick auf den tanzgeschichtlichen Kontext ermöglichen. Wie eine Collage machen diese Objekte verborgene Aspekte sichtbar. Das so vermittelte Bild auf den Tanz ist fragmentarisch und gleichzeitig viel facettenreicher als ein Tanzstück selbst.

Die Choreografie körperlich nachvollziehen

Um den Tanz nicht in seinen Artefakten erstarren zu lassen, rekonstruierten die Ausstellungsmacher die Lichtburg, so der Name des Proberaums des Wuppertaler Tanztheaters, und brachten sie als Herzstück der Ausstellung ins Museum. Dort vermittelten Mitglieder der Kompagnie den Besucherinnen und Besuchern über offene Trainingsklassen, Gespräche und Filme die Faszination des Tanztheaters. Man war eingeladen in 30-minütigen Workshops kleine Sequenzen aus verschiedenen Stücken zu lernen. Partizipative Angebote wie diese, bei denen der Betrachter zum Akteur wird, erschaffen einen Erlebnisraum, der auch im Theater nicht erfahrbar ist. Als Teilnehmer ist man nicht mehr nur Zuschauer, man erfährt die Bewegung am eigenen Leib und vollzieht die Choreografie körperlich nach. „Ich glaube, es war für die Besucher etwas ganz Besonderes mit der Möglichkeit überrascht zu werden, einige kleine Bewegungsabschnitte aus Pinas Werk lernen zu können“, berichtet Marigia Maggipinto, langjährige Tänzerin bei Pina Bausch und Workshop-Leiterin in der Ausstellung. „Es war wundervoll, wahrzunehmen wie die Menschen ihren Status und ihre Lebenshaltung verändern und in große Energie umwandeln, wenn sie zu tanzen beginnen.“

Doch so beschwingt man auch aus dem Museum tritt, so viel man auch über Leben und Werk von Pina Bausch gelernt erfahren hat, die eigentliche Kunst, der Tanz selbst, lässt sich nur im Moment der Aufführung erfahren. „Das Werk von Pina Bausch können wir hier nicht zeigen“, meint auch Salomon Bausch, Leiter der Pina Bausch Foundation, in einem Interview. „Die Stücke finden auf der Bühne statt. Wer ihr Werk erleben will, muss ins Theater nach Wuppertal gehen.“