Battle of the Year And the winner is …

Jinjo, Südkorea, Gewinner Battle of the Year 2010
Jinjo, Südkorea, Gewinner Battle of the Year 2010 | © Conanwhitehouse

Hip-Hop ist erwachsen geworden. Die aus Amerika stammende Subkultur wird in Deutschland nun auch durch eine politische Partei vertreten: „Die Urbanen“ heißt sie. Seit 27 Jahren sucht Deutschland die Superbreaker: auf dem „Battle of the Year“, der 2017 in Essen stattfindet.

Breakdance sieht aus wie eine auf dem Kopf sich drehende Waghalsigkeit: ein Tanz der Minderheiten, Straßenkunst, Protest, ein Kampf ohne Theater, eben ein Battle, der sein diesjähriges Finale am 21. Oktober in der Grugahalle in Essen feiert, um auch diesmal den Weltmeister des größten, jährlich stattfindenden internationalen Breakdance-Wettbewerbs zu ermitteln. Von Anfang dabei: Thomas Hergenröther. Er hat den Battle of the Year erfunden. Er hat, wenn man ihm übel will, aus einer Subkultur eine Sportart gemacht. Er hat, wenn man ihn loben will, den B-Boyz und B-Girlz aus aller Welt die Arena gegeben, die ihnen Respekt verschafft. 
 
Auffallend: Die letzte deutsche Crew, die den Battle of the Year gewann, waren die Flying Steps aus Berlin, anno 2000. Seitdem teilen sich ausnahmslos Franzosen, Südkoreaner und zuletzt die Japaner das Siegertreppchen. Frage an Thomas Hergenröther: Woran liegt das? Seine Antwort: „Die Japaner sind nun mal sehr perfektionistisch, wenn es um Show und Teamwork geht“, die ihre Skills in nur sechs-minütigen Auftritten von einer handverlesenen Jury ermitteln lassen. „The Floorriorz, so heißt die Crew aus Japan, haben in den beiden letzten Jahren gewonnen. Sie wollen nun den Triple hinlegen“, sagt Hergenröther, und sie haben eine Chance, denn sie kommen aus den Wurzeln des Hip-Hop: „Wer hier nur durch die Luft wirbelt und Salti hinlegt, würde definitiv nicht gewinnen.“
 

  • Vagabonds, Frankreich, Gewinner Battle of the Year 2011 © BOTY
    Vagabonds, Frankreich, Gewinner Battle of the Year 2011
  • The Floorriorz, Japan, Gewinner Battle of the Year 2016 © Maurice van der Meijs
    The Floorriorz, Japan, Gewinner Battle of the Year 2016
  • Gamblerz, Südkorea, Gewinner Battle of the Year 2004 © Six-Step
    Gamblerz, Südkorea, Gewinner Battle of the Year 2004
  • Jinjo, Südkorea, Gewinner Battle of the Year 2010 © Conanwhitehouse
    Jinjo, Südkorea, Gewinner Battle of the Year 2010
  • Last Action Heroes, aus Bad Oeynhausen/Deutschland © Six-Step
    Last Action Heroes, aus Bad Oeynhausen/Deutschland
  • Poster International Breakdance Cup 1990 © Six-Step
    Poster International Breakdance Cup 1990

1989 und die Folgen

Deutschland hingegen steht eher für das, was vor 27 Jahren begann. Damals fiel auf beiden Seiten der Eiserne Vorhang. Hip-Hop galt in der DDR als westlich dekadent. Ein paar Funktionäre aber begriffen den Tanz als Protestbewegung gegen die Gettoisierung und Armut in den USA. Das verriet ihnen der US-amerikanische Sänger und Entertainer Harry Belafonte, bekannt als King of Calypso. Der bekennende Sozialist war oft in Ost-Berlin zu Gast, auch 1984, damals als Koproduzent des US-Films Beat Street, der in der DDR den „Brechtanz“ genannten Breakdance auch bei der staatlichen Konzert- und Gastspieldirektion populär machte. Im Jugendklubhaus Völkerfreundschaft fand bald der erste Leipziger Breakdance-Wettbewerb statt. Dieter Bittner hieß der Initiator, der die Wirkung so kommentierte: „Die Oberen hatten keine Ahnung, was sie mit diesem Film lostreten würden. Belafonte war Widerstandskämpfer. Was er in die Hände nahm, konnte ja nur gut sein. Mit Beat Street wollte man dem Publikum erklären, wie schlecht die Schwarzen im kapitalistischen Ausland behandelt wurden. Stattdessen sahen die Jungs im sozialistischen Paradies außer Tanz vor allem eins: Turnschuhe, Jogginganzüge und Gettoblaster. Dinge, die sie selber haben wollten.“
 
Break The Floor 2017 | final battle Gamblerz crew VS Jinjo crew

Ost gegen West

Thomas Hergenröther war sein deutlich jüngerer Kollege im Westen. 1984, im selben Jahr, setzte das Jugendmagazin Bravo auf den Geist der Zeit und richtete zum Kinoerfolg von Beat Street den ersten nationalen Hip-Hop-Wettbewerb in Stuttgart aus. Typisch Westen: Die Dynamic Freezing Crew, eine deutsche Formation, vertrat ihrer Herkunft nach die Türkei. So war das damals. In Hannover hieß die angesagte Crew Burning Moves. Hergenröther war dabei. Er stand mit Nationalismen ebenso auf Kriegsfuß wie er den Traum eines weltweiten B-Boyin' nicht aus dem Kopf bekam. Der erste Wettbewerb, den er ausrichtete, sah aus wie Ost- gegen Westdeutschland. Mit vier regionalen Vorausscheidungen fing es an: in Münster für Norddeutschland, in Dresden für die neuen Bundesländer, in Stuttgart für Süddeutschland, und Berlin als eine Region für sich. Das Finale wurde 1990 in Hannover ausgetragen. Damals gewann die Berliner Formation „Tod durch Breakdance“.
 
Battle of the Year 2017: Finals Deutschland

Deutschland, Frankreich, USA, Asien

Hergenröther fand für seine Idee eines internationalen Battles kein Vorbild, also auch keine Konkurrenz. Als 1997 mit den Style Elements in Hannover erstmals eine US-Crew gewann, brachte einer ihrer Tänzer, Poe One, den Battle of the Year nach Los Angeles: 2005, acht Jahre später. Da hatte der russische DJ Hobot seinen Battle-Ableger bereits 2001 in Moskau etabliert. In jenem Jahr schlug der Wettbewerb auch in Südkorea und im französischen Montpellier auf. Nur Tokyo war schneller. Es wurden nationale Qualifikationen eingeführt, dann staatenübergreifende: Die Sieger zum Beispiel aus China messen sich zuerst in Asien, 2017 in Bangkok. Aber auch Senegal und Réunion sind dabei. Alle Sieger gehen nach Essen.
 
Und wer wird gewinnen? Thomas Hergenröther fragt in die Runde seines Organisationsbüros in Hannover, das sich Six-Step nennt: „Die Last Action Heros aus dem wundervollen Bad Oeynhausen“, tönt es mehrstimmig aus dem Hintergrund. „Nein“, das sind keine Kurgäste“, erklärt Hergenröther, „Die werden trainiert von den Flying Steps aus Berlin und gehören zu den neuen Crews, nachdem wir – auch aus Nachwuchsgründen – das Format des Kids Battle eingeführt haben.“ Die 14-, 15-Jährigen treten in einem eigenen Wettbewerb an, die inzwischen dritte Generation von Breakern. Gegenfrage: Wer mein Favorit sei? „Südkorea“, sage ich. Ich finde, die sind mal wieder an der Reihe.