90 Jahre Folkwang Tanz der Künste

Unterricht im Institut für Zeitgenössischen Tanz, Folkwang Universität der Künste
Unterricht im Institut für Zeitgenössischen Tanz, Folkwang Universität der Künste | © Heike Kandalowski

Die Folkwang Universität der Künste in Essen wurde 2017 neunzig Jahre alt. Ein Rückblick auf ihre Entstehung im Jahre 1927, ihre Geschichte, ihren Einfluss, ihre Entwicklung sowie ihre vielen namhaften Absolventen, die „Folkwang“ in die Welt hinaus trugen.
 

Im Gründungsjahr 1927 war die Folkwangschule noch keine Universität, Hochschulstatus bekam die Schule erst 1963. Wo fängt eine neue Schule an? Da, wo die anderen, die alten, nicht mehr ausreichen; wo Menschen dieses Fehlen bemerken und sich an die Arbeit machen. Zu einem fast kompletten Jahrhundert Geschichte gibt es einiges Interessanteres anzumerken.

Vorläufe

Kurt Jooss war in Münster als Bewegungsregisseur und Chef des Ensembles Neue Tanzbühne an das Stadttheater engagiert. Dort hatte er gemeinsam mit seinem Tänzer-Choreografen-Kompagnon Sigurd Leeder und dem avantgardistischen Theaterintendanten Rudolf Schulz-Dornburg 1925 die bestehende Musikhochschule zu einer Akademie für Bewegung, Sprache und Musik erweitert – im engen Bezug zum Theater. Solch eine Ausbildungsstätte gab es damals noch nicht in Deutschland: drei Kunstsparten unter einem Ausbildungsdach und ein entsprechendes Konzept für eine Schule des modernen Tanzes. Nachdem Jooss wegen seiner angeblich unsittlichen Inszenierungen aus der Stadt vertrieben wurde, bot Essen ihm und seinem Team mit ihrem Konzept der Kombination aus Kreation und Ausbildung eine neue Heimat. Die städtischen Kunstgewerbeschulen wurden mit der neuen dreispartigen Fachschule unter dem Namen Folkwang verbunden. Diesen Namen hatte Karl Ernst Osthaus, Industrieller und Kunstsammler aus Hagen, 1902 für sein Museum gewählt, das nun die Schule beherbergte, und den nordgermanisch-mythischen Saal der Göttin Freya umgedeutet in Halle des Volkes: für eine Begegnung aller Bürger mit der Kunst.
 
  • Folkwang Protagonisten: Tidten, Schulz-Dornburg, Jooss, Erpf (v.l.n.r.) © Folkwang Universität der Künste, Archiv
    Folkwang Protagonisten: Tidten, Schulz-Dornburg, Jooss, Erpf (v.l.n.r.)
  • Probe mit Jean Cébron, Kurt Jooss, Pina Bausch, Erika Fabry, ca. 1963 © Folkwang Universität der Künste, Tanzarchiv
    Probe mit Jean Cébron, Kurt Jooss, Pina Bausch, Erika Fabry, ca. 1963
  • Wolfgang Jooss und das Folkwang Tanztheater vor Folkwang um 1952 © Folkwang Universität der Künste, Tanzarchiv, Foto Ernst Knodt
    Wolfgang Jooss und das Folkwang Tanztheater vor Folkwang um 1952
  • Folkwang Tanzstudio 2017 © Veronika Kurnosova
    Folkwang Tanzstudio 2017
  • Junge Choreografen 2017, Folkwang Universität der Künste © Elsa Wehmeier
    Junge Choreografen 2017, Folkwang Universität der Künste
 

Was ist Folkwang?

Diese Halle als Schule gedeutet, sollte nun den Schülern den Zugang zu jeder Art von Kunst ermöglichen, ja sie forderte ihn auch ein. Am 8. Oktober 1927 eröffneten die Folkwangschulen für Musik, Tanz und Sprache in der Friedrichstraße 34. Neben den Studienprogrammen der Abteilungen gab es übergreifende Angebote. Heute heißt so etwas „interdisziplinär“, ein fast hohl gewordener Begriff, der gern leichtfertig benutzt, aber selten ohne Mühe bei der künstlerischen – oder pädagogischen – Arbeit erfüllt wird. Dass die darin enthaltene „Disziplin“ auf gründlichem Wissen und Können basiert, war den Gründern damals bewusst. Dass die Folkwang-Geschichte, was ihre Auswirkungen und den Ruhm betrifft, zum großen Teil eine Tanz-Geschichte wurde, war nicht vorauszusehen. Es spricht für den Tanz, der sich damals wie heute als zeitgenössisch versteht, der weltoffen, neugierig und integrationsfähig ist, und für den Verstand, die Leidenschaft, Wahrnehmungsgabe und Überzeugungskraft des Jooss-Leeder-Teams.
 
Denn immer wieder mussten sie kämpfen um das Erreichte und noch zu Erreichende: die Tanzabteilung, die Kompagnie, die sich aus Absolventen und externen Profis speiste, oder die Verbindung in ein etabliertes Theater hinein. Für Jooss war dieses Dreieck wichtig, aber schon das Essener Opernhaus – und später das Düsseldorfer – machten da nicht in dem Maße künstlerisch-freigeistig mit, wie er das gerne gehabt hätte. Außerdem, um die verwickelte Geschichte kurz zu machen, verließ Jooss 1933 Deutschland, weil er zu seinen angefeindeten seinen jüdischen Mitarbeitern stand. Patricia Stöckemanns erzählt diese Geschichte sehr spannend in ihrer Biografie Etwas ganz Neues muß entstehen. Kurt Jooss und das Tanztheater (2001). Jooss verlegte die Schule mithilfe von Mäzenen ins englische Dartington. In dieser Zeit tourten die Ballets Jooss, wie sein ballettloses Tanzensemble etwas irreführend hieß, jahrelang mit Erfolg durch Europa und beide Amerikas. Gezeigt wurden Jooss’ Werke, darunter seine inzwischen legendäre Choreografie Der Grüne Tisch. Dieses Signaturstück des Tanztheaters von 1932 mit der Klavierkomposition von Fritz A. Cohen ergreift bis heute mit seiner wortlosen, aber beredten Darstellung des Unheils, das auf Kriegstreiberei folgt.

Harmonielehre aus Eukinetik und Choreutik

Das im umfassenden Sinne Ansprechende, das Kurt Jooss in ernsten und heiteren Choreografien erschuf, beruhte auf seinem Kunst- und Tanzverständnis, das nach der „Essenz“, also dem Wesentlichen suchte, nach einer präzisen Verbindung von Menscheninnerem und der äußeren Form, der Bewegung, und dem Raum. Dieses Verbinden trainierte und erforschte auch die Tänzerausbildung, die Jooss und Leeder stets verfeinerten und auf die sich die 1949 von Jooss neugegründete Folkwang-Tanzabteilung in Essen-Werden bis heute beruft. Seit 2012 heißt diese Abteilung Institut für Zeitgenössischen Tanz.
 
Die Methode – weniger Technik oder Stil – entwickelten sie in Abgrenzung zur Mitte der 1920er-Jahre immer populärer werdenden Gymnastik und um den neuen, modernen Tanz nicht dem Dilettantismus herumwedelnder Selbstdarsteller anheim zu geben, die sich im Windschatten von Künstlern wie Mary Wigman, Harald Kreutzberg, Gret Palucca austobten. Jooss und Leeder waren in den offenen Gefilden jener Tanzerfinder, vor allem bei Rudolf von Laban, in diese Welt hineingewachsen. Sie suchten eine Systematisierung, um ihren „heutigen Tanzstil ebenso zu festigen und zu kultivieren, wie das Zeitalter des Rokoko die klassische Form des Balletts geschaffen hat“. Wobei sie auch Systematiken aus dem Ballett übernahmen und dieses nie anfeindeten. Ihr Ziel: „Die aus der Schule hervorgehenden Tänzer müssen, allen Anforderungen der Gegenwart für Bühne und Gesellschaft gewachsen, gleichzeitig die Möglichkeit des Tanzes der Zukunft in sich tragen.“

Immer wieder jung werden

Damals waren Jooss und Leeder selbst noch keine dreißig Jahre alt. Die Gegenwarten verändern sich ständig, aber dieses Fundament wurde komplementiert vom Kinetographie-Unterricht in der von Laban und Jooss erarbeiteten Tanzschrift. Später kümmerten sich die Jooss-Schüler Jean Cébron und Hans Züllig in Essen darum, heute Lutz Förster und Stephan Brinkmann. Unter den vielen Absolventen dieser Schule waren Berühmtheiten wie Pina Bausch, Susanne Linke, Reinhild Hoffmann, die ab den 1970er-Jahren das Tanztheater neu definierten, ebenso Urs Dietrich, Joachim Schlömer, Christine Brunel, Wanda Golonka, Henrietta Horn, Felix Ruckert, Ben J. Riepe. Doch auch wer weniger berühmt wurde, trug etwas „Folkwang“ in die Welt. Etwas, das auch nach 90 Jahren nicht fertig mit dem Fragen und Tanzen ist. Darüber sagte die Choreografin Bausch, die jahrelang die Abteilung und die Kompagnie Folkwang Tanzstudio geleitet hatte, in einem Interview im Jahr 2000: „Und wächst immer noch, auf eine andere Art und …“