Berufsbild Dramaturg Vermittler zwischen den Stühlen

Dramaturgie Deutsches Theater Berlin 2005
Dramaturgie Deutsches Theater Berlin 2005 | Foto (Ausschnitt): © Iko Freese / drama-berlin.de

Der Dramaturg John von Düffel schreibt über seinen Beruf, den es so nur in Deutschland gibt.

„Was macht eigentlich ein Dramaturg?“ ist eine der meistgestellten Fragen ausländischer Theatermacher, wenn es darum geht, ein Berufsbild zu beschreiben, das ihnen völlig unbekannt ist. „Der Beruf des Dramaturgen ist so wichtig, dass es ihn außerhalb von Deutschland gar nicht gibt“, pflegte einer meiner ehemaligen Intendanten zu sagen. Das klingt nicht gerade schmeichelhaft, macht aber hinlänglich deutlich, dass der Dramaturg beinahe so etwas ist wie eine nationale Figur: eine seltene Blüte besonders der deutschsprachigen Theaterlandschaft – und darüber hinaus in vielen Ländern unbekannt.

Entsprechend zwiespältig ist der Ruf des Dramaturgen. Während er in theaterwissenschaftlichen Seminaren und Volkshochschulen gerne als „das literarische Gewissen einer Produktion“ und somit als Sachwalter Lessings, Goethes und Schillers gehandelt wird, nennen ihn spöttische Zungen „Schwellkopf“ oder Schwätzer. Überliefert ist auch der kernige Ausspruch eines bayerischen Volksschauspielers, der einen Dramaturgen mit den Worten in die Schranken wies: „Drama tua dua mia nix, dann tua i dia a nix.“ (Dramaturg tu du mir nichts, dann tu ich dir auch nichts.)

Aber was macht eigentlich ein Dramaturg? Es ist die meistgestellte Frage meines mehr als zwanzigjährigen Berufslebens, und so richtig weiß das keiner, weder im Ausland noch unter den Zuschauern hierzulande und auch im Theater nicht: Der Intendant, die Regisseure und Schauspieler, mit denen der Dramaturg tagtäglich zu tun hat, wissen zwar ziemlich präzise, was der Dramaturg eigentlich machen sollte – nämlich genau das, was er gerade nicht macht. Aber was er tatsächlich alles macht, das weiß niemand, nicht einmal der Dramaturg selbst.

Organisator, Erklärer, Schlichter

Natürlich wird die Arbeit des Dramaturgen an manchen Stellen sichtbar: Wenn eine Ansage zu machen ist (schlechte Nachrichten!), tritt meist der Dramaturg vor den Vorhang. Wenn ein Publikumsgespräch moderiert werden soll (Schlichtung), eine Stückeinführung oder Matinee gewünscht wird (Erklärung), schlägt die öffentliche Stunde des Dramaturgen. Und wenn im Programmheft ein Name falsch geschrieben ist, dann war auch das der Dramaturg.

Doch dieses sichtbare Wirken ist eigentlich nur der kleinste Teil seiner Arbeit. Die meiste Zeit verbringt der Dramaturg mit Gesprächen, Sitzungen, Telefonaten, Mails – all dem, was man „Organisieren“ nennt. Proben besucht er, um im Anschluss wieder Gespräche, Sitzungen und Telefonate abzuhalten. Gelegentlich geht er auf Reisen, schaut sich Inszenierungen, Schauspieler und Stücke von Autoren an – und manchmal findet er sogar noch Zeit zum Lesen. Aber ist das Machen?

Berater, Vermittler und doch immer Zweiter

Man könnte natürlich auch umgekehrt fragen: Gibt es etwas, das der Dramaturg nicht macht? Und die Antwort ist: Ja. Er trifft keine Entscheidungen, definitiv. Die Tätigkeit des Dramaturgen ist eine beratende, vorbereitende, vermittelnde. Als solcher beeinflusst er die Programm-Planung des Theaters insgesamt (Spielplan-Dramaturgie) und die Entwicklung der in der Regel fünf Produktionen, die er pro Saison betreut (Produktionsdramaturgie), aber er entscheidet nicht darüber. Er ist immer der zweite Mann oder die zweite Frau – neben oder hinter dem Intendanten beziehungsweise dem Regisseur. Insofern ist Dramaturg nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Schicksal. Ein prägendes. Denn der Dramaturg bewegt sich im direktiven Windschatten der Leitfiguren Intendant und Regisseur und das macht ihn zu einer mal tragisch verkannten, mal intriganten Berater-Figur. Zumal die beiden Entscheider, denen er zuträgt und zuliefert, in einem Spannungsverhältnis stehen. Was Intendanten und was Regisseure wollen, ist oft zweierlei: Der eine vertritt die Gesamtinteressen des Hauses, der andere den künstlerischen Egoismus der Produktion, und wo der Regisseur seinen Zugriff auf die Ressourcen tendenziell ausdehnen will, muss der Intendant gegensteuern und Grenzen setzen. Mittendrin: der Dramaturg, der wie ein schlechter Anwalt beide Seiten gleichzeitig vertritt und Kompromisse auszuhandeln sucht. Insofern ist der Dramaturg nicht nur der zweite Mann, die zweite Frau, sondern auch ein Diener zweier Herren, der anstatt zu „machen“ eher hin und her läuft und laviert. Wenn böswillige Betrachter den Dramaturgen der Spezies der Rückgrat- und Wirbellosen zuschlagen, liegt das grundsätzlich an den Deformationskräften, denen er ausgesetzt ist als Berater zweier Entscheider mit konträren Interessen. Man nennt das gemeinhin Loyalitätskonflikt. Der Dramaturg nennt es Alltag.

Ähnliche Fronten tun sich auf, wenn es in einer Produktion kriselt und zwischen Ensemble und Regisseur zunehmend Uneinigkeit herrscht. Dann wird der Dramaturg gern als erste Instanz angerufen und von beiden Parteien gerne instrumentalisiert. Desgleichen wenn der Glaube an den Text schwindet und die Produktion sich immer mehr gegen das zu spielende Stück verschwört. Auch dann muss der Dramaturg wieder ran, um zwischen Theatermachern und Text beziehungsweise Autor (sofern lebendig) zu vermitteln. Kurz, der eigentliche Arbeitsplatz des Dramaturgen ist zwischen den Stühlen – kein Witz! – und die meisten Dramaturgen, wirklich die allermeisten, sind vom Sternzeichen Waage.

Insofern lässt sich die Frage, was ein Dramaturg eigentlich macht, auch ganz einfach beantworten: Er tut alles, was er kann, um zwischen Intendant und Regisseur, Regisseur und Ensemble, Produktion und Autor, Theater und Publikum zu vermitteln. Wie er das manchmal Unmögliche möglich macht, ist ihm überlassen. Dafür gibt es kein Rezept, zumal der Dramaturg nichts wirklich zu entscheiden hat, außer der ganz persönlichen Frage: Was er aus Liebe zum Theater und seiner krisen- und konfliktträchtigen Entstehung alles mit sich machen lässt.