Kampnagel in Hamburg Viel Platz für freies Theater

Kampnagel
Kampnagel | Foto (Ausschnitt): © Antonia Zennaro

12.000 Quadratmeter bebaute Fläche, sechs ehemalige Fabrikhallen für insgesamt 1.800 Zuschauer. Dazu kommen neun Probebühnen, ein Kino und ein Restaurant. Es ist ein unfassbares Gelände, auf dem Kampnagel in Hamburg-Winterhude angesiedelt ist, und es ist Deutschlands größte freie Spiel- und Produktionsstätte. „Am Anfang fand ich die Hallen erschreckend groß“, bekennt die seit 2006 amtierende Intendantin Amelie Deuflhard, „jetzt finde ich sie einfach nur fantastisch!“

Spielstätte der freien Szene

Seit knapp 30 Jahren werden die Produktionshallen der ehemaligen Maschinenfabrik „Nagel & Kaemp“ als Veranstaltungsort für zeitgenössische, darstellende Kunst genutzt. 1981, nach der Schließung der Maschinenfabrik, stand das Gebäude kurzzeitig vor dem Abriss. Es diente zunächst als Ausweichquartier für das Hamburger Schauspielhaus und wurde 1984, nach einem mehrtägigen Protestfestival freier Hamburger Theatergruppen jener freien Szene als Spielstätte zugesprochen. Seither hat dieser Ort – eingerahmt von großen Hafenkränen und dem trägen Geplätscher des Goldbekkanals – eine gewisse Zuordnung zum Experimentellen, zur Avantgarde erfahren. Tatsächlich ist die hier präsentierte Bandbreite noch weit größer: Der Spielplan reicht von Produktionen der freien Hamburger Theaterszene über Jugendtheater und Nachwuchsförderung bis hin zu internationalen Gastspielen und Koproduktionen. Durch die Vielzahl an Hallen und Spielorten „kann man parallel und zeitgleich Undergroundkünstler, experimentelle Projekte und internationale Stars zeigen“, fasst Deuflhard zusammen. „Dieser Spagat zwischen experimentellen und etablierten künstlerischen Arbeiten produziert ein sehr diverses Publikum und eine Neugier auf das jeweils Unbekannte.“

Performance, Konzert, Installation

Der Kampnagel-Spielplan weist ein großes Spektrum an ästhetischen Positionen, Tendenzen und Formaten auf. Da hielt der politische Aktivist Stéphane Hessel einen seiner letzten Vorträge, kann Laurie Anderson genauso auftreten wie die Choreografen Sidi Labi Cherkaoui und Boris Charmatz. Da sind Produktionen des Nature Theatre of Oklahoma, Produktionen von She She Pop, Showcase Beat le Mot und Lola Arias genauso zu sehen wie das letzte Konzert der britischen Garage-Band The Streets, aber eben auch Installationen von Bill Viola, Santiago Sierra oder Tino Sehgal. Auf Kampnagel präsentieren Rimini Protokoll, Ligna und die Geheimagentur ihre Performances und die nachwachsende Off-Szene Hamburgs zeigt dort ihre ersten Produktionen. „Insgesamt präsentieren wir rund 100 Premieren, Uraufführungen und Events pro Spielzeit, die jährlich über 150.000 Besucher auf das Kampnagel-Gelände locken“, heißt es auf der Homepage. In der Spielzeit 2011/2012 etwa wurden 548 Vorstellungen gezeigt, davon waren ungefähr die Hälfte Eigenproduktionen, Koproduktionen und Kooperationsveranstaltungen und die andere Hälfte Gastspiele.

Die institutionelle Förderung durch die Hamburger Kulturbehörde wurde seit der Spielzeit 2012/2013 auf 4,4 Millionen Euro aufgestockt. In der vorhergehenden Spielzeit waren es noch 3,9 Millionen Euro. Der Gesamtetat für die Spielzeit 2011/2012 betrug 7,6 Millionen Euro – diese Summe setzt sich zusätzlich aus Drittmitteln und Ticket- und Vermietungseinnahmen zusammen. Die Produktionen aus der freien Szene kommen mit ihren eigenen Fördergeldern ins Haus. Darüber hinaus hat es die Intendanz regelmäßig mit Geldakquise zu tun. Anträge auf Drittmittel – öffentliche oder private – zu stellen, gehört zum Tagesgeschäft. Sie sind zu einem großen Teil Aufgabe der Dramaturgie, da sich die Drittmittel unmittelbar aus den künstlerischen Konzepten generieren. „Den Mut zu sagen, ja, ich mach’s“, braucht man oft bei der Spielplanvorbereitung, wie Amelie Deuflhard bemerkt.

Außerhalb der Ausgehzone

Seit 1998 ist das einst frei stehende Fabrikgelände umgeben von Büroflächen, die mit „Medienpark Kampnagel“ um Mieter werben. Damals floss ein Teil des Erlöses, der aus dem Verkauf des Randgrundstücks generiert wurde, in die Sanierungs- und Umbaumaßnahmen der Fabrikhallen ein. Kampnagel erhielt seine gegenwärtige Struktur und rutschte in die Hinterhoflage. Immerhin flattern Banner bereits am Straßenrand, weisen große Plakate den Weg durch den wenig charmanten Büroriegel. Und spätestens beim – seit 2008 jährlich stattfindenden – Sommerfestival breitet Kampnagel sich in die Stadt aus. Dann wird nicht nur das Gelände selbst bespielt und gestaltet – mit Open-Air-Tango, himmelwärts fliegenden Schaukeln und recycelten Schrottautos. Dann begehrt ganz Kampnagel auf gegen seine gefühlte Randlage so ganz außerhalb der Ausgehzone. Dann ist es überall in der Stadt, in der Börse, in der Kunsthalle, in den Deichtorhallen und auf der Alster.

Auch wenn die Verkehrsanbindungen zur Kulturfabrik nicht wirklich optimal sind, kann Kampnagel auf ein typisch großstädtisches Publikum zurückgreifen. „Unser Publikum hat eine viel offenere Struktur als das eines Staatstheaters“, bemerkt die amtierende Intendantin nicht ohne Stolz und fährt fort: „Wir haben Theaterpublikum, Tanzpublikum, Musikpublikum, Kunstpublikum. Wir arbeiten strukturell eher wie Ausstellungsmacher. Mit sehr vielen unterschiedlichen Produktionen, die kontextualisiert und in einen größeren Zusammenhang gestellt werden müssen. Wir schaffen Leitlinien, Festivals, Schwerpunkte und eben nicht einen Repertoire-Spielplan.“

Der raue Charme der Industrie

Ist man selbst Kampnagel-Zuschauer, dann fängt einen der alle Sanierungen überdauernde Industriecharme immer wieder ein: Das überdimensionale Foyer, die nahezu maßlose Großzügigkeit der Räume, die vorhanglosen, unverputzten, rauen Wände, eine knarzende Zuschauertribüne inklusive – all das ist Kampnagel. „Der Job am Theater, ist einer der wenigen Jobs, in denen man sich kritisch äußern kann. Kunstorte sind diverse Orte, an dem man lebenslang aus Notwendigkeit dazulernen muss. Das Gegenstück dazu wäre die Reihenhaussiedlung, Sinnbild des homogenen Ortes“, beschreibt Deuflhard ihren Antrieb – und blickt über die riesigen Fabrikhallen, ganz ohne Vorgarten.