Georg Büchner Seiner Zeit weit voraus

„Woyzeck“, Regie: Stefan Pucher, Schauspielhaus Zürich
„Woyzeck“, Regie: Stefan Pucher, Schauspielhaus Zürich | Foto (Ausschnitt): © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Am 17. Oktober 2013 ist der 200. Geburtstag Georg Büchners. Der Dichter des Vormärz und wie die Theater auf ihn heute reagieren.

Was wir von ihm kennen, hat er in nicht einmal vier Jahren geschrieben. In der Zeit von 1834 bis 1837 schloss er auch sein Medizinstudium ab, promovierte mit einer Dissertation über die Schädelnerven der Flussbarbe und musste wegen der sozialrevolutionären Flugschrift Der Hessische Landbote vor den Häschern des hessischen Ständestaates fliehen. Georg Büchner war ein rastlos Schreibender. Es gibt kein zweites Werk, das innerhalb so kurzer Zeit entstanden ist und ausnahmslos Weltliteratur wurde.

Da wäre das Revolutionsdrama Danton's Tod, in das Büchner Passagen aus Geschichtswerken zur französischen Revolution von Adolph Thiers und François-Auguste Mignet wörtlich übernahm. Zum ersten Mal öffentlich gelesen wurde der Text Anfang 1835 in der Wohnung des Frankfurter Journalisten, Dramatikers und Büchner-Förderers Karl Gutzkow. Was die Anwesenden nicht ahnen konnten: Die Soirée war die Geburtsstunde des dokumentarischen Theaters. Büchner konnte nicht anwesend sein. Schon drei Monate später wurde er per Steckbrief gesucht. „Der hierunter signalisierte Student der Medizin aus Darmstadt, hat sich der gerichtlichen Untersuchung seiner indicirten Theilnahme an staatsverrätherischen Handlungen durch die Entfernung aus dem Vaterlande entzogen“ stand da. Und dass seine Stirn „sehr gewölbt“ sei.

Drehbuchautor

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Gesuchte sich bereits nach Straßburg abgesetzt, im Gepäck die Erzählung Lenz, diesen bildgewaltigen Urstrom einer Künstler-Verstörung. Auf der Flucht sollten noch die Komödie Leonce und Lena und mit dem Woyzeck die Ballade eines gehetzten Borderliners entstehen, in der die Szenen so knapp hintereinander geschnitten sind, dass man ein Drehbuch zu lesen meint. Büchners literarische Texte waren ihrer Zeit weit voraus und fordern die Theater bis heute heraus. Leonce und Lena etwa kommt wie ein märchenhaftes Spiel daher, unter dem Zuckerwerk der Romanze verbirgt sich aber ein nihilistischer Abgesang auf die Möglichkeit romantischer Liebe.

Zum Kern von Leonce und Lena vorzustoßen, ist so einfach nicht. Es ist also spannend, was auf den Bühnen geschieht, jetzt, da Büchners Lebensdaten eine intensivere Beschäftigung mit dem Werk nahelegen. Zuerst war das Echo noch verhalten. Ausnahmen bestätigten wie immer die Regel. In Düsseldorf etwa hat Falk Richter schon sehr früh Büchners Gesamtwerk gesampelt und eigene Texte eingefügt. Und in Heidelberg hatte Anfang 2013 eine Bühnenversion des Hessischen Landboten Premiere. Das gibt es eher selten. Überraschend war auch, dass die Regisseurin Nina Mattenklotz den Text konsequent auf die heutige Situation abbildete und ihn als Gebrauchsanweisung für einen noch zu realisierenden Aufstand gegen ungerechte Vermögensverteilungen nutzte.

Revolutionär

Hörte man „Friede den Hütten, Krieg den Palästen”, dachte man unwillkürlich an den Essay Empört Euch! des französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel, die Proteste in den europäischen Metropolen und die Volksaufstände von Tunesien über Ägypten bis Syrien. Es war aber auch jener Zwiespalt spürbar, der schon in Büchners berühmtem Fatalismusbrief die Tonart vorgibt, dieses „Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabänderliche Gewalt“.

Diesen resignativen Ton gab er einige Monate nach dem Hessischen Landboten auch dem Protagonisten seines dramatischen Erstlings Danton's Tod mit auf den Weg. Warum für Menschenrechte kämpfen, lautet da die unausgesprochene Frage, wenn der, für den sie erkämpft werden sollen, weiterhin „lügt, mordet und stiehlt“. Ich sehe es doch an mir selbst, könnte Danton hinzufügen. Es ist nicht zuletzt dieser Selbstzweifel, der aus Danton's Tod einen so aktuellen Theatertext macht, dass sich ihm im Jubiläumsjahr so viele Theater widmen.

Popliterat

Im Fall von Leonce und Lena sind die Gewichte anders gelagert. An die nihilistische Romanze mit dem ätzenden Zuckerguss wagen Regisseurinnen und Regisseure sich selten. Und auch im Fall des Woyzeck sind die Theater zurückhaltend oder entscheiden sich von vorneherein für die Musical-Bearbeitung von Robert Wilson, Tom Waits und Kathleen Brennan. Auf der Bühne wirkt das nicht selten wie ein Ausweichen vor Büchner, dessen Modernität auch im Fall des Woyzeck immer wieder zu entdecken wäre.

Eine zentrale Frage in diesem Zusammenhang: Ist der fragmentarische Charakter der handschriftlich überlieferten Szenenfolgen tatsächlich das Resultat eines eiligen Schreibens auf der Flucht, oder nicht doch Büchners Methode, die Welt so darzustellen, wie er sie sieht: als Sammelsurium Handlungen und Interessen, denen ein übergeordnetes Ganzes fehlt. Begreift man Büchners Montagetechnik als Methode des Samplings, die in unserem Jahrhundert von der Popliteratur wieder aufgegriffen wurde, verwundert auch nicht, warum Stefan Pucher jüngst am Zürcher Schauspielhaus eine so schlüssige Woyzeck-Inszenierung gelungen ist. Da haben zwei Brüder im Geiste zusammengefunden.

Wohin der junge Büchner gelangt wäre, hätte er seinen Weg der dramaturgischen Neuordnung des Erzählens weiter beschritten, wissen wir nicht. Er hat sich während der drei entscheidenden Jahre seiner poetischen Existenz so verausgabt, dass er im Züricher Exil noch vor Vollendung seines 24. Lebensjahres starb. Beigesetzt wurde er in der Nähe des Schauspielhauses auf dem „Krautgartenfriedhof“. Das ist dort, wo heute das Kunsthaus Zürich steht. 1875 bettete man seine sterblichen Überreste um auf den Germaniahügel, hoch über der Stadt.