Nachwuchsfestivals Starting Point und Karrierebeschleuniger

Gewinner des Publikumspreises von Radikal jung 2013: „Demut vor deinen Taten Baby“, Theater Bielefeld, Regie: Babett Grube
Gewinner des Publikumspreises von Radikal jung 2013: „Demut vor deinen Taten Baby“, Theater Bielefeld, Regie: Babett Grube | Foto (Ausschnitt): Philipp Ottendörfer

Das „Körber Studio Junge Regie“ in Hamburg und das Münchner Festival „Radikal jung“ kümmern sich um den Regienachwuchs.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass der klassische Weg zu einer Regiekarriere in Deutschland in der Regel mit langjährigen Assistenzen startete, von denen aus sich die jungen Künstler langsam zur eigenen Regie beim Kinderstück, der Kleinproduktion auf der Seitenbühne und, wenn es gut ging, von der Provinz in die Großstadttheater vorarbeiteten. Das hat sich in den letzten zwanzig Jahren radikal geändert: Weit mehr als die Hälfte aller jungen Regisseure kommt heute von den Regiehochschulen, von denen es mittlerweile zwölf im deutschsprachigen Raum gibt, zwei in München, in Berlin, in Essen, Frankfurt, Hamburg, Salzburg, Wien, Zürich und seit 2008 auch in Ludwigsburg. Dazu kommen die auf Angewandte Theaterwissenschaft und Performance konzentrierten Studiengänge in Hildesheim und Gießen.

Treffpunkt der Regiehochschulen

Dass sich diese Tendenz in den letzten zehn Jahren weiter verstärkt hat, ist nicht zuletzt Barbara Müller-Wesemann zu verdanken. 2003 hatte die Dozentin für Theaterwissenschaft der Universität Hamburg in Kooperation mit dem Thalia Theater, dem Deutschen Bühnenverein und der Hamburger Körber-Stiftung das „Körber Studio Junge Regie“ als Plattform und Wettbewerb für den Regienachwuchs ins Leben gerufen. Damals löste ihr Wunsch, zu den sieben im ersten Jahr eingeladenen Regie-Instituten auch das Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft zu zählen, noch nacktes Entsetzen bei den anderen Regieschulen aus: Postdramatisches Theater? Keine Rollen, keine Einfühlung, kein Als-ob? Studenten, die ihre eigenen Texte performten, Laien auf die Bühne stellten oder Schnipsel aus den Modephilosophen des Jahrzehnts zusammenmontierten? Die Aufregung hat sich längst gelegt, ein Jahr später wurde auch Hildesheim eingeladen, und seit 2009 kommt zu den elf deutschsprachigen Instituten auch jeweils eine ausländische Schule, die den Blick noch einmal weiten soll. 2013 kam sie vom Nationaltheater in Straßburg.

Man kann zufrieden auf die vergangene Dekade zurückblicken. Das Studio Junge Regie hat alles eingelöst, was es sich 2003 versprach. Damals kannten sich die Regie-Institute untereinander praktisch nicht, erzählt Barbara Müller-Wesemann. Heute kommt man einmal im Jahr intensiv ins Gespräch. Denn um die Aufführungen ranken sich Tischgespräche, Publikumsgespräche, Symposien und Open Spaces. Man lernt sich kennen, und, was so nicht unbedingt zu erwarten war: Die Ästhetiken vermischen sich.

Auch von Traditionsinstituten wie der Berliner Ernst-Busch-Schule kommen heute gelegentlich Performance-Formate, und das Sieger-Stück, das alljährlich von einer fünfköpfigen Jury aus Regisseuren, Dramaturgen, Theaterleitern und Theaterkritikern gekürt wird, kam 2013 zum ersten Mal aus Gießen: Der souveräne Mensch von Kim Willems, Arnita Jaunsubrena und Lea Schneidermann startet als Lecture Performance und landet hinter raumhohen schwarzen Samtvorhängen als versöhnlicher Spagat vom Diskurs zur Poesie. Die Gewinner der vorangegangenen Jahre nutzten das „Körber Studio Junge Regie“ als Startpunkt zu teils beachtlichen Karrieren: David Bösch, der allererste Preisträger, geht im kommenden Jahr ans Wiener Burgtheater, auch Heike Maria Götze und Julia Hölscher haben schnell ihren Weg ins deutsche Stadttheater gefunden.

Plattform für junge Regisseure

Den idealtypischen Karriereweg für den Regienachwuchs darf man sich heute so vorstellen: Man schafft als einer der wenigen Glücklichen die Aufnahmeprüfung auf eine deutsche Regieschule, wird von seinen Dozenten mit einer Regiearbeit – oft der Abschlussinszenierung – nach Hamburg zum Körber-Studio geschickt, gewinnt dort den mit 10.000 Euro dotierten Preis, der als Produktionszuschuss für die Arbeit an einem deutschen Stadttheater oder in der Freien Szene gedacht ist. Die darauf folgenden Anfragen der Theater führen zu einer Produktion, die nach München eingeladen wird: zu Radikal jung, dem Festival junger Regisseure, das der Intendant Christian Stückl mit dem Dramaturgen Kilian Engels 2005 am Münchner Volkstheater etabliert hat. Der Kritiker und Publizist C. Bernd Sucher, die Schauspielerin Annette Paulmann und Engels selber sichten jedes Jahr circa 50 Inszenierungen junger Regisseure – das Kriterium „jung“ kann dabei durchaus bis über das 35. Lebensjahr hinaus ausgedehnt werden – und laden zehn davon nach München ein. Das Publikumsfestival, flankiert von Gesprächen mit den Künstlern, einem Workshop und einer Festivalzeitung, begreift sich nicht als Best-of, sondern als vielfältige Spiegelung der thematischen und ästhetischen Interessen einer nachwachsenden Regie-Generation. „Politischer“ sei der Zugriff der jungen Regisseure geworden, meint Kilian Engels, „weg von der Nabelschau“. Seit 2011 kommen zur Perspektiverweiterung auch ein bis zwei ausländische Inszenierungen dazu, im Jahr 2013 aus Israel.

Höchstens drei Mal kann ein junger Regisseur eingeladen werden, im Idealfall lässt sich so der Weg verfolgen von der Schulinszenierung übers Studio bis zur großen Bühne. Auch das hat David Bösch paradigmatisch vorexerziert, der nach seinem Körber-Sieg von 2005 bis 2007 dreimal bei Radikal jung gastierte und 2006 dort auch den mit 2.500 Euro dotierten Publikumspreis gewann. Der ging 2013 an Babett Grube für ihre Bielefelder Inszenierung eines Stücks von Laura Naumann: demut vor deinen taten baby. Dass man von ihr noch öfter hören wird, darf man danach erwarten.