Zeitstrukturen im Theater Wie lange dauert die Gegenwart?

„Macbeth” von W. Shakespeare, Regie: Karin Henkel, Münchner Kammerspiele
„Macbeth” von W. Shakespeare, Regie: Karin Henkel, Münchner Kammerspiele | Foto (Ausschnitt): © Julian Röder

Im Theater wird Aufmerksamkeit unter besonderen Bedingungen geformt, fokussiert und zeitlich ausgedehnt. Auf der Bühne wird ein besonderes Erleben von Gegenwart inszeniert, das die ungeteilte Zuwendung und Hingabe der Zuschauer voraussetzt.

Im fünften Akt der gleichnamigen Tragödie befindet sich Shakespeares Macbeth in einer aussichtslosen Lage. Er bereitet sich auf sein letztes Gefecht vor: „Komme, was kommen mag: Die Stund und Zeit durchläuft den rauhsten Tag.“ Sein letzter Trost ist die Betäubung seiner Gefühle durch Anpassung an das mechanische Gleichmaß einer homogenen, leeren Zeit. Der regelmäßige Stundenschlag der mechanischen Uhr und das Ticken der Sekunden unterscheidet sich jedoch grundsätzlich von der Zeit menschlichen Erlebens. Obwohl die Minuten und Stunden unaufhörlich durch unser Leben ticken, ist es nie mechanisch von ihnen getaktet. Menschliche Erlebniszeit verläuft nicht chronologisch, sondern bündelt und verdichtet sich in achronischen Gegenwarten, die unsere Aufmerksamkeit jeweils voll in Anspruch nehmen. Die entscheidende Frage ist deshalb: Wie lange dauern diese Gegenwarten, die nicht von der Uhr getaktet sind, und wer oder was setzt ihnen das Maß für ihre Dauer?

Leere und gefüllte Zeit

Wenn wir uns die Zeit als einen Strom oder Pfeil vorstellen, der sich gleichmäßig und irreversibel in eine Richtung bewegt, dann reduziert sich Gegenwart auf einen ausdehnungslosen Jetztpunkt, der nichts anderes ist als der Umschlag von Zukunft in Vergangenheit. Dieser Jetztpunkt der Gegenwart ist reiner Übergang, und so hat ihn Baudelaire auch beschrieben: als flüchtig, zufällig, vorübergehend. An ihm bleibt nichts hängen, auf ihm kann nichts aufbauen. Menschen sind von ihrer sinnlichen Ausstattung her nicht für diese abstrakte Zeit gemacht. Im Jetztpunkt können sie nicht leben; sie dehnen ihn deshalb aus durch rücklaufende Erinnerung und vorlaufende Erwartung, um Platz zu schaffen für ihr Erleben, Erzählen, Erinnern und Erwarten, Denken und Existieren.

Den Gegenpol zum abstrakten, messbaren Zeitfluss bildet die archaische Erfahrung von Handlungszeit. In dieser Anschauung ist Zeit immer schon gefüllt und bezieht ihren Rhythmus aus menschlichen Tätigkeiten. Auch unsere Gegenwarten strukturieren sich weitgehend als eine Kette von Handlungsabläufen: die Zeit des Duschens, des Morgenkaffees, der Busfahrt, der Sitzung, des Gesprächs, des Kartenspiels. So kommen auch wir durch die Zeit von einer Gegenwart zur nächsten. Da die meisten dieser Handlungen Wiederholungen von Routinen mit festem Ablaufschema sind, bringt diese Zeit meist nur neue Variationen von bereits Bekanntem und daher Vorhersehbarem.

Erlebte Gegenwart

Die Sehnsucht nach Gegenwart als einer einmaligen, intensiv erlebten Zeit hebt sich ab von diesem Wiederholungsschema. Als Tolstoi einmal Staub wischte, machte er eine erstaunliche Entdeckung. Nachdem er eine Weile gewischt hatte, wusste er plötzlich nicht mehr, ob er einen bestimmten Teil des Zimmers schon gewischt hatte oder nicht. An die soeben vollzogene Tätigkeit konnte er sich schon nicht mehr erinnern. Wenn ich aber keine Erinnerung mehr an die soeben gelebte Gegenwart habe, dann ist sie selbst ausgewischt, als wäre sie nie gewesen. Das nicht bewusst erlebte Leben war für Tolstoi gleichbedeutend mit dem nicht gelebten Leben. Zu einer ähnlichen Einschätzung kam Virginia Woolf, die zwischen „moments of being“ und „moments of non-being“, also Momenten des Seins und Nicht-Seins, unterschied. Die größte Zeit unseres Lebens, so stellte sie fest, vergeht im Leerlauf der Zeit und im damit verbundenen Zustand des non-being. Davon heben sich die kostbaren Momente erlebter Gegenwart umso leuchtender ab, aber sie bleiben „eingebettet in eine Art unbestimmbare Watte“.

Wie Tolstoi beschäftigt auch Woolf diese Watte der verfehlten, nicht gelebten Gegenwart. Der Tag setzt sich aus lauter Gegenwarten zusammen, die mit Handlungszeit gefüllt sind, aber daraus entsteht noch keine erfüllte Gegenwart. Im Gegenteil scheint das Patchwork dieser Gegenwarten die emphatische Gegenwart geradezu auszuschließen. Ähnliches schrieb der russische Kunsttheoretiker Viktor Sklovskij 1916, der den negativen Einfluss der Automatisierung auf die Wahrnehmung untersuchte. Durch Ent-Automatisierung, das heißt künstlerische Verfremdungseffekte, kann Aufmerksamkeit neu stimuliert und durch Komplizierung der Form Wahrnehmung verlängert werden. Genau das ist die Aufgabe der Kunst: erfüllte Gegenwart herzustellen und ihr ein Zeitmaß zu geben.

Das Theater als geformte Gegenwart und Aufmerksamkeitssteigerung

Es gibt Gegenwarten, in die wir nicht durch Handeln eintreten, sondern durch das Unterbrechen von Handlungen. Das Theater ist der Ort einer anderen Zeitlichkeit, ein Hetero-Chronotop. Während draußen die Zeit kontinuierlich weiterfließt, treten wir drinnen ein in eine andere Welt mit Anfang, Mitte und Ende. Diese Trias ist das A und O künstlerischer Formung, Dehnung und Schließung von Zeit. Das wichtigste Signal für den ausgeschnittenen Zeitrahmen war früher der Vorhang, der sich auf der Bühne öffnete und schloss; heute ist es die Ansage, das Mobiltelefon auszuschalten.

Mit der Eintrittskarte haben die Theaterbesucher ihren Platz bezahlt, aber das eigentliche, was sie zu entrichten haben, ist unbezahlbar: ihre Aufmerksamkeit. Theater beruht auf einem Aufmerksamkeitspakt, der ungeteilte Zuwendung, Hingabe und Mitvollzug sicherstellt. Das ist aber ein stets prekäres Verhältnis: Ablenkung, Unaufmerksamkeit und Müdigkeit können einen jederzeit aus der Gegenwart des Theaters vertreiben.

Aufmerksamkeit beginnt, wie die Philosophen wissen, mit Staunen, Fragen, Aufmerken. „Wo andere weitergehen, dort bleibe ich stehen“, hat Ludwig Wittgenstein einmal von sich gesagt. Durch Stehenbleiben, Betrachten und Nachdenken kann jeder jederzeit in eine neue Gegenwart eintreten, doch davon machen die wenigsten Gebrauch. Kunst – das ist ihre wichtigste Qualität – stimuliert Aufmerksamkeit, aber diese muss ihr auch zurückgegeben werden. 17 Sekunden verweilt ein Besucher durchschnittlich in einem Museum vor einem Bild, weshalb man ihn mit Audioguides ausrüstet, um die Gegenwart eines betrachteten Bildes zu verlängern. Das Weglaufen von Bildern, Tönen, Worten und Informationen, das Zappen ist im Zeitalter des Überangebots von Sinnesreizen zu einer Massenbewegung geworden. Im Internet heißt es nicht: „Wo andere weitergehen, dort bleibe ich stehen“, sondern umgekehrt: „Wo andere hingegangen sind, da will ich auch hin.“

Im Theater wird Aufmerksamkeit unter besonderen Bedingungen geformt, fokussiert und zeitlich ausgedehnt. Anders als im Kino muss im Theater eine gemeinsame Gegenwart von Schauspielern und Zuschauern erst hergestellt werden. Vor allem aber kann auf der Bühne das Erleben von Zeit unmittelbar präsentiert, modelliert und thematisiert werden – durch Formen der Verlangsamung und Beschleunigung, der gezielten Verdichtung und Entleerung, der Bindung und Irritation. Die Aufmerksamkeit, die hier gefordert wird, ist nicht ohne einen aktiven Einsatz zu haben. Diese Anstrengungen lohnen sich aber, denn die Gegenwarten, die auf diese Weise produziert und erlebt werden, durchbrechen die uns reichlich umgebende Watte.