Spielplangestaltung Wie entsteht ein Spielplan für das Theater?

Spielplan-Konferenz Deutsches Theater Berlin, Spielzeit 2008/2009
Spielplan-Konferenz Deutsches Theater Berlin, Spielzeit 2008/2009 | Foto (Ausschnitt): © Iko Freese / drama-berlin.de

Stückfindung in Dramaturgie und Intendanz ist das Resultat langwieriger Diskussionsprozesse. Was gibt es dabei alles zu berücksichtigen?

Ein Bewerbungsgespräch in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Es geht um die Dramaturgieassistenz an einem der größten Stadttheater Deutschlands. „Machen Sie mir bis morgen einen Spielplan, der mein Haus ruiniert“, fordert der Intendant vom Bewerber. Der listet eine Reihe Gegenwartsstücke auf, schreibt verschiedene Regisseure dahinter, deren Arbeiten ihm gefallen haben. Und wird, durchaus zu seiner Überraschung, engagiert.

Dass Eberhard Witt, damals Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels München, mit dieser Aufgabe nicht nur nach zeitgenössischer Theaterliteratur fragen, sondern dem angehenden Dramaturgen auch etwas mitgeben wollte, habe ich erst später verstanden. Es ist immer dann hilfreich, riskant zu programmieren, wenn diejenigen Aspekte dominieren, die die Spielplangestaltung neben inhaltlich-künstlerischen Überlegungen auch beeinflussen: die Traditionen des eigenen Hauses, der städtische Kontext, in dem man arbeitet, ökonomische Kalküle (etwa: spielt man Gegenwartsdramatik auf der großen Bühne?), terminliche Zwänge sowie die zum Teil imaginierten Erwartungen des Ensembles, der Regisseure, der Kritik und des Publikums.

Grundsätzliche Fragen

Stückfindung in Dramaturgie und Intendanz ist – im Idealfall – das Resultat langwieriger Diskussionsprozesse. Was begreift man als Profil des Hauses? Welche Schwerpunkte charakterisieren die eigene Arbeit über die einzelne Spielzeit hinaus? Was sind die soziologischen, politischen und ästhetischen Themen, die einen umtreiben? Welche Theatertexte sind daran anschließbar? Wie eng will man ein Thema durch die Stücke der Spielzeit führen? Wie können etwaige Ergänzungen aussehen, Vorträge, Diskussionen oder Spektakel? Daneben gibt es in jeder Dramaturgie einen Fundus an Stücken, die man, unabhängig von den diskutierten Themen, gern einmal „gemacht“ sähe. Eventuelle Vorschläge der Schauspieler wollen geprüft sein, an vielen Häusern sind auch Stückaufträge in Arbeit, die begleitet werden.

Keiner der Theatertexte, die Intendanz und Dramaturgie in diesem Prozess diskutieren, wird dabei nur als Text gelesen. Bei jeder Lektüre laufen Überlegungen zu Regie, Besetzung und Spielstätte mit. Nicht jedes Stück ist für jeden Regisseur geeignet, nicht jeder Schauspieler kann mit jedem Ensemblekollegen, und nicht jedes Vorhaben funktioniert im Großen Haus. Es geht darum, in Konstellationen zu denken, sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch im Hinblick darauf, wie sich das Arbeitsklima innerhalb einer Produktion entwickelt. Kabale und Liebe oder Minna von Barnhelm werden eher Regisseuren angeboten, von denen man sich überraschende Zugriffe erhofft; Uraufführungen eher denjenigen, deren Ehrgeiz nicht auf das Überschreiben von Texten zielt. Welche Stücke es auf den Spielplan schaffen, hängt auch davon ab, in welchem Maß sie aus dem Ensemble besetzbar sind. So hilft es wenig, sich für Richard III. zu begeistern, wenn man feststellt, dass der gewünschte Schauspieler im fraglichen Zeitraum Drehurlaub hat. Hinzu kommen ensemblepolitische und dispositionelle Überlegungen: Kann man es den Kollegen zumuten, für Richard III. einen zu Gast engagieren? Müsste Kollegin X nicht mal wieder eine größere Rolle spielen? Kollege Y hatte gerade drei Stücke nacheinander geprobt, eventuell bräuchte er nun mal eine Pause, sonst gibt es Probleme beim Ansetzen der Inszenierungen.

Langfristiges Planen

Solange sie aber ohne Regisseure geführt werden, bleiben alle Gespräche bis zu einem gewissen Grad Makulatur. Zum einen liegt das an der Konkurrenz der Theater untereinander, die auch im Hinblick auf Texte existiert. Denn gute Regisseure sind gefragte Regisseure. Wer Künstler engagieren möchte – die wenigsten sind fest engagiert –, die an den großen Häusern arbeiten, eventuell auch im Ausland unterwegs sind oder Opern inszenieren, muss frühzeitig planen. Inszenierungsanfragen zwei oder drei Jahre im Voraus sind für die Stars der Szene keine Seltenheit. Wer an dem jeweiligen Theater in welchem Zeitraum inszeniert, ist demnach oft deutlich früher beantwortet als die Frage nach dem Was. Das gilt zumindest für die großen Spielstätten. Bei Studiobühnen hat man mehr Zeit.

Zum anderen muss jeder Stückvorschlag das Potenzial haben, Vorstellungskraft und Lust der Regisseure zu entzünden. Argumente helfen wenig. Nicht selten hört man: „Also, mit diesem Text kann ich im Moment gar nichts anfangen.“ Und bekommt stattdessen, wenn es gut läuft, eine Reihe von Gegenvorschlägen in die Hand: „Diese Stücke könnte ich mir bei euch vorstellen.“ Aber sind sie besetzbar? Was sagen die Kollegen dazu? Korrespondieren die Stücke mit dem Thema der nächsten Spielzeit? Oder spielt das in diesem Fall keine Rolle? Die Diskussion geht in die nächste Runde.