Nachtkritik.de-Konferenz Theater trifft Netz

Montage für „Theater und Netz“
Montage für „Theater und Netz“ | Foto (Ausschnitt): © Heinrich-Böll-Stiftung

Die Berliner Konferenz „Theater und Netz“ hat im Mai 2013 versucht, eine Brücke zwischen den beiden miteinander fremdelnden Szenen Theater und Internet zu schlagen. Denn sie haben mehr gemeinsam, als man glaubt.

Nichts hat die alten Kulturtechniken so nachhaltig erschüttert wie die Digitalisierung und ihre Folgen. Lange hatten Nutzer von Computern und Internet oder gar Spieler von Computergames bei den Vertretern der Hochkultur das Image von bildungsfernen Asozialen. Lange bestand auch die Kommunikation der Theater mit den Bewohnern der Netzgesellschaft lediglich in der paternalistischen Aufforderung: „Leute, macht eure Computer aus und bildet euch mal wieder! Geht ins Theater! Dort bieten wir euch Errettung aus der selbstverschuldeten Verblödung an!“

Weltverbesserung als Frontalunterricht

Dass der durchschnittliche Internetbenutzer heute zu Hause an seinem Computer längst mehr Bildungsinhalte und Informationen aufnimmt und verarbeitet, als möglicherweise der Theatermensch in der Abgeschlossenheit seiner Kunst- und Kantinenwelt, schien in den Dramaturgieetagen kaum vorstellbar. Dort brütete man wie eh und je über Spielplänen und Spielzeitmottos, wie das Lehrerkollegium im Lehrerzimmer bei der Zeugniskonferenz. Dies zumindest ist das Bild, das die Netzgesellschaft vom Theater und seinen Machern hat. Denn längst ist der auktoriale Anspruch, mit dem das Theater seine Weltverbesserungsangebote als Frontalunterricht an das Publikum adressiert, nicht mehr kompatibel mit den enthierarchisierten Kommunikationsformen, wie sie das Web 2.0 längst etablierte.

Doch Theater und Netz haben vieles gemeinsam. Diese Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte einmal zu erkunden, und dabei auch die Fragen zu bündeln, die um den Komplex „Theater und Netz“ inzwischen entstanden sind, war die Idee der Nachtkritik.de-Konferenz Theater und Netz, die gemeinsam mit der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet wurde.

Theater in der Netzgesellschaft?

Zur Eröffnung trafen zwei Symbolfiguren der jeweiligen Szenen aufeinander: Netzpolitikerin Marina Weisband (Piraten) und Theaterurgestein und Intendant des Berliner Ensembles Claus Peymann. Peymann, das war eine der Spielregeln dieser Begegnung, hatte zuvor die Netzkonferenz Re:publica, Marina Weisband das Theatertreffen besuchen müssen. Nach den beiden überregionalen Branchentreffen der Theater- und der Netzszene war die Konferenz terminiert. Claus Peymann zeigte sich beeindruckt von der Weltverbesserungseuphorie der Netzaktivisten, denen er auf der Re:publica begegnet war. Früher sei das Theater der subversive Ort gewesen, von dem Revolutionen ausgingen. Heute sei es wohl das Internet. Marina Weisband wiederum beschrieb das Theater als individuellen Rückzugsraum für emotionales und körperliches Erleben, nicht alles müsse schließlich vernetzt und digitalisiert werden.

Am nächsten Tag wurde dann über das Theater in der Netzgesellschaft diskutiert. Der Publizist und Internetberater Christoph Kappes versuchte, mit dreißig Grundthesen, die er mit „Bullshit Bingo“ überschrieb, den Denkraum abzustecken: Wie könnte das Theater in der Netzgesellschaft aussehen? Stefan Kaegi, der als Macher von Rimini Protokoll einer der Pioniere partizipatorischer Theaterformate ist, diskutierte mit Joachim Lux, der für die Aufrechterhaltung der vierten Wand plädierte, obwohl sein Hamburger Thalia Theater zu den experimentierfreudigsten Häusern in Sachen Internet und Theater zählt.

Interaktives Theater und nicht hackbares Live-Erlebnis

Auf einem weiteren Panel diskutierten Erfinder partizipatorischer und interaktiver Theaterformate wie Signa Köstler von Signa, Sebastian Hartmann oder Matthias Prinz von Machina Ex mit dem Game-Designer Martin Ganteföhr über Möglichkeiten und Grenzen von Partizipation. Herbert Fritsch, einer der allerersten Theaterleute, die mit Theater im Netz experimentierten, beschrieb seine Enttäuschungen und Desillusionierungen als Künstler mit dem Internet. In einem dritten Themenblock ging es darum, in welcher Weise das Schreiben von Kritiken im Internet das Schreiben selbst verändert.

Denn: Nicht nur Künstler müssen sich mit der radikalen Neuorganisation der Öffentlichkeit durch das Internet auseinandersetzen, sondern auch die Kritiker. Einst waren sie Mittler zwischen den Sphären Theater und Öffentlichkeit. Jetzt müssen sie sich in der Crowd als Stimme behaupten. Parallel zu den Debattenpanels fanden Workshops von Social-Media-Profis der Berliner Agentur TLLG für die Mitarbeiter der Öffentlichkeitsabteilungen der Theater statt. Ein Angebot, das auch deswegen auf große Resonanz gestoßen ist, weil es bei den einzelnen Verwaltern dieser neuen Ressorts in den Theatern einen großen Bedarf für Erfahrungsaustausch gibt: wie man aus Facebookfans ein Publikum generiert und ob die Leute im Zuschauerraum möglicherweise eine Community sind.

In den Monaten seit der Konferenz ist viel passiert: so hat die NSA-Affäre die Interneteuphorie allenthalben gebremst. Die gespenstischen Überwachungsmöglichkeiten digitaler Medien verhelfen dem nicht hackbaren Liveerlebnis Theater möglicherweise zu einer Renaissance. Wie reagiert das Theater überhaupt auf die Veränderungen unserer Lebenskultur durch die Digitalisierung? Fragen wie dieser soll die 2. Ausgabe der Konferenz Theater und Netz am 3. und 4. Mai 2014 in Berlin nachgehen.