Berliner Theatertreffen Ich war in der Jury – war ich in der Jury?

Diskussionsrunde beim Berliner Theatertreffen 2011: Franz Wille, Christine Wahl, Iris Laufenberg (Festspiel-Intendantin 2003-2012), Wolfgang Höbel, Ulrike Kahle-Steinweh, Ellinor Landmann, Andres Müry (v.l.n.r.)
Diskussionsrunde beim Berliner Theatertreffen 2011: Franz Wille, Christine Wahl, Iris Laufenberg (Festspiel-Intendantin 2003-2012), Wolfgang Höbel, Ulrike Kahle-Steinweh, Ellinor Landmann, Andres Müry (v.l.n.r.) | Foto (Ausschnitt): © Manfred Carpentie

2013 fand zum 50. Mal das alljährliche Berliner Theatertreffen statt. Die Theaterkritikerin Ulrike Kahle war bereits zweimal Mitglied der Jury für die Auswahl der bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschsprachigen Theaters und gibt Einblick in die Aufgaben und die Arbeit eines Jurors.

Das Theatertreffen in Berlin ist einzigartig. Sieben Kritiker reisen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und suchen nach den zehn „bemerkenswertesten“ deutschsprachigen Theaterinszenierungen innerhalb eines Jahres. Die werden dann im Mai in Berlin gezeigt, die Einladung ist der Preis. So geht das bereits seit unglaublichen fünfzig Jahren. Im Mai 2013 war fünfzigstes Jubiläum. Zweimal drei Jahre war ich in der Jury, im Abstand von zehn Jahren. Einmal war ich eine von fünf, einmal eine von sieben Juroren.

Hart und heiß

In die Jury gewählt zu werden ist eine Ehre. Aber – nur wer das Theater liebt, wird die hundert oder mehr Theaterbesuche pro Jahr frohgemut überstehen. Das Privatleben ist aufs Minimum beschränkt. Kein Theaterkritiker geht normalerweise so häufig ins Theater, fast keiner. Die drei Jury-Jahre sind hart. Wer nicht gerne reist, nicht gerne auch in etwas schlichten Hotels wohnt – Beamtenreisegesetz! – der ist hier fehl am Platz. Wer nicht gerne organisiert sowieso: Die Theatertermine, die Flüge, Bahnreisen, Hotels, alles soll möglichst preiswert sein. Und dann gibt es den jeweiligen Beruf, wer ist heute noch hauptberuflich Theaterkritiker? Wir kamen von Hörfunk, Fernsehen, Zeitungen, Kulturmagazinen, einem Verlag.

Die drei Jury-Jahre sind wunderbar. Wir alle könnten die amüsantesten Reiseanekdoten schreiben und manchmal war die Reise spannender als die abendliche Vorstellung. Nicht nur ich geriet in eine Art Rausch – keine Spur von Theatermüdigkeit, bei keinem. Wir hatten ja eine Aufgabe, eine Verantwortung. Nichts durfte übersehen werden, kein Newcomer in der sogenannten Provinz, keine neue Richtung, wir wollten alles im Blick haben. Und das hatten wir Sieben wohl auch. Die endgültige Entscheidung allerdings ist dann auch in der Jury heiß umstritten.

Bemerkenswert?

„Bemerkenswerteste Inszenierung“ – allein dieser Superlativ ist ein Unding, alle wissen es und keiner fand bis jetzt etwas Besseres. Und überhaupt – was gab es für Tumulte um das Theatertreffen im Laufe der Jahrzehnte: Ganz Abschaffen! Keine Kritikerjury! Nur Theaterprofis in die Jury! Nur ein Juror, der allein auswählt! Doch das alte Modell hat standgehalten, es gibt nämlich auch hier: kein besseres. Die Sieben sind unabhängig, das heißt keinem Theater verpflichtet, keinem Künstler, nur dem, was wir für das – hm – bemerkenswerteste Theater halten.

Was gab und gibt es jedes Jahr für Vorwürfe: Immer nur die großen Theater, immer dieselben Regisseure, zu wenig Frauen, wo bleibt der Osten, warum so viel aus Berlin, warum zweimal München, gab es nichts in der Provinz, nichts Neues, nichts Altes, warum keiner der Etablierten. Für und wieder, rundherum. Klar, wenn Kritiker Kritiker kritisieren … Das liegt an den verschiedenen Erwartungshaltungen. Wir reisen herum und entdecken. Das Publikum in Berlin bekommt sie vorgesetzt, die angeblich zehn Besten, denn darauf läuft es schließlich hinaus. Da ist dann das Staunen, gelegentlich gar Entsetzen, ziemlich groß. Auch bei mir, in den Nichtjuryzeiten, und die überwiegen.

Ich kann versichern, wir sind wie wild in die sogenannte Provinz gereist, von Esslingen nach Ulm nach Ingolstadt. Wir haben die vielversprechenden jungen Regisseure und Regisseurinnen und frei produzierenden Gruppen nicht aus den Augen gelassen, wir suchten verzweifelt das Neue. Ich war manchmal regelrecht verärgert: Das Neue um des Neuen willen? Wieso laden wir ein Reenactment wie Hate Radio ein, in dem nur Französisch und Kinyarwanda gesprochen wird? Weil die nachgestellte Wirklichkeit Ruandas einfach unglaublich ist, unbedingt bekannt werden muss: Ernsthafte Mordaufrufe von gut gelaunten Moderatoren im Radio, aufgepeppt mit Popmusik, weil der Regisseur, gottlob, ein Schweizer war, die Produktion afrikanisch-deutsch-schweizerisch. Ja, Dogmen sind out, Koproduktionen, Festivalproduktionen jeder Art dürfen rein, die eigenen Väter dürfen auf die Bühne zu ihren performenden Töchtern, Kinder hinter Glas spielen ein ganzes Leben nach, geistig Behinderte treten als Schauspieler auf, zeigen sich, bekommen Aufmerksamkeit. Alles ist möglich gewesen in meinen drei Jahren. Ich habe mich oft gegen das Neue, das Ungewohnte, für mich manchmal zu Theaterferne, auch zu Dilettantische gestemmt, um schließlich überzeugt zu werden. Wenn nicht von der Jury, dann vom Publikum.

Geografie

Ach so, die Regeln: Die Juroren sind geografisch aufgeteilt: Nord- Süd- Ost- West-Deutschland, Schweiz, Österreich, Berlin und Umgebung. Jeder der sieben Juroren hat vorrangig seine Heimatregion zu erforschen, aber jeder kann hinfahren, wo er will, er muss nur hinterher ein Votum abgeben, das heißt eine Beschreibung, eine Kritik mit abschließendem Urteil: Ja oder Nein. Bei Ja müssen alle anderen diese Inszenierung auch ansehen. Was bewältigten wir für das Theatertreffen 2013? Immerhin 423 Aufführungen in 69 Städten. Reichten vor zehn Jahren noch siebzig Aufführungen für einen guten Überblick, sollte jeder Juror heute mindestens neunzig gesehen haben. Denn inzwischen gibt es pro Jahr sage und schreibe an die 4.000 Inszenierungen. Wer soll das alles sehen? Na, das Publikum vor Ort! Theater wird am Ort für den Ort gemacht, inzwischen verstärkt. Und das ist gut so. Aber fürs Theatertreffen? Da fürchtet jede Jury das kritische, weltläufige Berliner Theatertreffen-Publikum.

Zum Glück bleibt es unberechenbar. Keiner von uns hat vorausgeahnt, dass Herbert Fritschs Nora der Hit des Theatertreffens 2011 werden würde, sein Biberpelz dagegen durchfallen. Das lag an der Verpflanzung. Der Raum, beim Biberpelz besonders die Akustik, das Publikum – alles ist anders. Da kann eine in Schwerin blendende Inszenierung in Berlin völlig untergehen. Wie ungerecht.

So ungerecht!

Ja, das Theatertreffen ist ungerecht, immer. Es ist eine Crux mit der Beurteilung von Theater. Jede Jury kann irren und jede Jury irrt. Denn seien wir ehrlich, natürlich gibt es keine allgemeingültigen Kriterien. Jedes Urteil ist persönlich gefärbt. Unsere Sozialisation, unser Charakter, unsere Vorlieben, unsere Abneigungen, sie spielen mit hinein. Jede Jury will das Beste. Aber das Beste einer Jury ist nicht immer das Beste für jeden aus der Jury. Und deshalb plädiere ich für ein Bekenntnis zur Ungerechtigkeit, besser, einem Bekenntnis zur Vielfalt. Also: Wenn ich die Regeln bestimmen könnte, dürfte jeder seine Lieblingsinszenierung einladen. Das müssen dann nicht automatisch sieben Inszenierungen sein, es gäbe sicher Doppelungen oder Mehrfachnennungen. So wäre die Auswahl auf jeden Fall mutiger. Und sicher wäre 2012 Three Kingdoms von mir eingeladen worden, Regie Sebastian Nübling – die Fehlentscheidung in den drei Juryjahren und mein großer Schmerz. Eine wahrhaft europäische Inszenierung, dreisprachig, mit einem englischen, einem deutschen und einem estnischen Theater, über Mord und Menschenhandel über Ländergrenzen hinweg, mit einer rätselhaften, surrealen Atmosphäre.

Auf Tod und Leben

Ach, die Atmosphäre! Wenn ich Glück hatte, spürte es noch eine Kollegin, ein Kollege, bei den Übrigen: Unverständnis. So sehr wir Juroren uns über die Jahre schätzen lernten, es gab viel Streit, erbitterten Streit. Merkwürdig, bei der Frage nach dem bemerkenswertesten Theater geht es manchmal um Leben und Tod. Um die tiefste Überzeugung, den Glauben an das Wahre, Gute, Schöne, an das Wichtige, das Relevante. Nordpol oder Südpol, Theaterglück oder Diskurs, das war die Frage. Am besten natürlich, wenn beides zusammenfiel, wie bei Karin Beiers Das Werk / Im Bus / Ein Sturz, bei René Polleschs Kill your darlings, bei Nicolas Stemanns Faust I und II. Aus Köln, Hamburg, Berlin. Die ewige Crux: Die Schauspieler und Schauspielerinnen an den großen Bühnen sind einfach die besten. Die Regisseure und Regisseurinnen an den großen Bühnen sind einfach die besten. Die Ausnahmen haben wir wie jede Jury verzweifelt gesucht. Ein neuer Regisseur, ein neuer Stil, eine Theaterrevolution! Vor zwölf Jahren entdeckten wir Michael Thalheimer, diesmal entdeckten wir Herbert Fritsch. Übrigens nicht zu meiner sofortigen Begeisterung, aber im entscheidenden Moment entschied ich mich um und stimmte für Fritschs Nora – der Sensationserfolg 2011. Herbert Fritsch ist seitdem etabliert. Und ich bin sein großer Fan.

Das Theatertreffen ist Luxus. Das Theatertreffen ist Notwendigkeit. Möge es ewig leben. In zehn Jahren würde ich es vielleicht noch mal machen, hundertmal Theater im Jahr, Streit, Verbitterung, Glück. Und immer Auf- und Anregung.