Theater und Soziale Medien Ein Gewinn für die Kunst?

Screenshot vom „Theatercamp“ am Thalia Theater Hamburg
Screenshot vom „Theatercamp“ am Thalia Theater Hamburg | © timel-ne.de

Kann das Theater die Soziale Medien für mehr nutzen als für Präsentation und Marketing? Verschiedene Ansätze versuchen mit wechselndem Erfolg, Publikum und Internetnutzer einzubeziehen.

Immer, wenn der Fortschritt ein neues Medium mit sich bringt, bekommt das älteste Medium dieser Welt, das Theater, Muffensausen: „Kann ich da noch mithalten?“, scheint es sich zu fragen – und neigt in der Folge zu Panikreaktionen. Das Kino war eine solche Bedrohung, dann das Fernsehen. Heute sind es die Auswirkungen der digitalen Revolution, die Angst machen: Will sich die „Generation Facebook“ überhaupt noch auf eine rein passiv erfahrbare Kunst einlassen? Wie geht man mit einem Publikum um, das gewohnt ist, alles Erlebte zeitgleich zu kommentieren?

Bisher wirken die meisten Annäherungen zwischen Theater und Internet wie oberflächliche Verjüngungskuren: Facebook als Antifaltencreme für Profil und Auftritt, eine Video-Projektion als modisches Bühnen-Accessoire. Mehr als Marketingaktionen oder künstlerische Anpassungsgesten sind kaum wahrnehmbar. Dabei steht neben der Frage, wie man über den Internetauftritt junge Besucher anlockt, eine ganz andere im Raum: Wie kann das Theater die Sozialen Medien künstlerisch nutzen?

Bei einem Theatercamp, ausgerichtet vom Thalia Theater in Hamburg gemeinsam mit dem Verein Timeline, wurden diese Fragen mit den Kommunikationsabteilungen vieler Theater bundesweit und den sogenannten Digital Natives diskutiert. Die Vorschläge, die die Teilnehmer hier einbrachten, mögen den bürgerlichen Theatergänger zunächst ebenso schockieren wie den Regisseur oder Schauspieler: Twitternde Zuschauer, die im Anschluss die Aufführung im Internet bewerten; Videos von den Proben auf einem Blog; Live-Streams; Flash-Mobs zu Stücken und Stoffen.

Der Ring der Nibelungen als „Do-It-Yourself-Ring“

Jochen Strauch, Marketing-Leiter am Thalia und Moderator des Camps, stellte die wichtigste Grundsatzfrage: „Wie befreien wir die Sozialen Medien vom marktorientierten Erfolgsdruck und nutzen sie künstlerisch?“ Nur unter ästhetischen und inhaltlichen Aspekten macht eine Verbindung beider Medien letztlich Sinn. Die Oper scheint da einen Schritt weiter als das Sprechtheater: Johannes Lachermeier von der Bayerischen Staatsoper stellte gleich mehrere Projekte vor, die mit Bühnenstoffen im Internet eigene Kunstformen gebildet haben. Darunter ein Spiel zum Ring der Nibelungen, den Regisseur Andreas Kriegenburg parallel auf der Bühne erarbeitete. Losgelöst von dessen Inszenierung kann der Nutzer beim Do-It-Yourself-Ring mit Videos und Klängen auf seiner Online-Bühne Regisseur spielen. Auch zu Kunstaktionen im öffentlichen Raum rief die Oper via Twitter und Facebook auf – ein serieller Flash-Mob, zu dem über 200 Leute kamen. Lachermeiers Plädoyer: „Das Internet kann nicht nur über Kunst kommunizieren, hier findet Kunst statt!“

Ein ebenso ambitioniertes, im Ergebnis allerdings eher dürftiges Pilotprojekt war die Inszenierung Effi Briest 2.0 vom Berliner Maxim Gorki Theater auf Facebook. Viel mehr als die Abstimmung über Effis Brautkleid war von den 1.400 virtuellen Teilnehmern nicht erwünscht, weitere Interaktion hätte die Handlung durcheinander gebracht. Überhaupt: Eine Inszenierung auf der Bühne ist durch keines dieser Projekte zu ersetzen – das ist aber auch nicht das Ziel. Vorgestellt wurden spielerische Möglichkeiten, ein Theater, das nach distanzierter Reflexion verlangt, mit interaktiven Prozessen zu ergänzen.

„Die Proben müssen ein geschützter Raum bleiben!“

Die Öffnung, die dafür am Theater nötig ist, birgt wohl die größten Schwierigkeiten. Nicht nur, weil ein Intendant meist lediglich dann das Internet bemüht, wenn ein Abend schlecht besucht zu sein droht. Auch Schauspieler und Regisseure sperren sich häufig, wenn es darum geht, etwa die Probenarbeit im Netz transparent zu machen – zu Recht. Konradin Kunze, der seine Stückentwicklung am Jungen Schauspielhaus in Hamburg zur Diskussion stellte, sprach sich für die Künstler aus: „Die Proben müssen ein geschützter Raum bleiben!“ Obwohl sein Jugendstück thematisch um ein Facebook-Datenzentrum kreist, entwickelte Kunze es nicht im Kollektiv mit Facebook-Nutzern, vielmehr erzählt er eine lineare Geschichte in einer konventionellen Inszenierung, ganz ohne neue Medien. Kann aber eine rein inhaltliche Setzung den digital geprägten Lebensraum Jugendlicher abbilden? Andererseits: Soll eine Inszenierung überhaupt die Wirklichkeit spiegeln?

Jochen Strauch sieht mehr Möglichkeiten: „Wie könnte sich die Art, das Internet zu nutzen, auf eine Stückdramaturgie auswirken?“, fragt er. Malte Lüken, Inhaber einer Firma für interaktive Internetformate, setzt als mögliche Antwort sein Pilotprojekt Deus Ex Show dagegen, bei dem die Zuschauer live abstimmen, wie es auf der Bühne weitergeht. Ob ein solcher demokratischer Prozess für die Kunst so fruchtbar ist wie die Arbeit eines einzigen visionären Künstlers, bleibt allerdings dahingestellt.
 

Im Mai 2014 wird das Online-Theaterfeuilleton Nachtkritik zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung die zweite Konferenz mit dem Titel Theater und Netz veranstalten. Auch hier lautet die Kernfrage: „Wie wirkt sich die Netzkultur auf Praxis und Produktionsbedingungen des künstlerischen Schaffens am Theater aus?“ Es wird nicht die letzte Diskussion zu diesem Thema sein.