Figurentheater-Festival Demokratische Verhältnisse zwischen Objekten und Performern

Mette Ingvartsen, Dänemark: „The Artificial Nature Project“
Mette Ingvartsen, Dänemark: „The Artificial Nature Project“ | Foto (Ausschnitt): Erich Malter © Internationales Figurentheater-Festival

Das alle zwei Jahre stattfindende Internationale Figurentheater-Festival Erlangen, Nürnberg, Fürth, Schwabach gehört zu den wichtigsten Treffen für zeitgenössisches Figuren-, Bilder- und Objekttheater in Europa.

Die Demokratisierung der Künste war eine der großen Forderungen der Avantgarden um 1900. Schon seit über 30 Jahren spannt das Internationale Figurentheaterfestival unter diesem Vorzeichen Theaterformen zusammen, die genau diesen gleichberechtigten Umgang von Bildern, Theatertexten, Objekten, Materialien und Puppen szenisch pflegen. Dabei überzeugte auch in die Festival-Ausgabe 2013 wieder einmal mehr durch die spannende Zusammenstellung von Figuren-Theater, Bilder-Theater und Performance. Den Schwerpunkt auf letzteres legten hier Künstler und Gruppen wie Compagnie 111 mit Aurélien Bory (Frankreich), Amit Drori (Israel, Schweiz), Nick Steur (Niederlande), Philippe Quesne (Frankreich), Annamateur & Außensaiter (Deutschland), Compagnie Beau Geste (Frankreich), Naoko Tanaka (Japan) und Need Company/ Grace Ellen Barkey (Belgien). Starke Eindrücke hinterließen die Arbeiten von Mette Ingvartsen (Dänemark), Eva Meyer-Keller (Deutschland), Nicola Unger und Yvette Coetzee (Deutschland), Miet Warlop (Belgien) und Pieter und Jakob Ampe (Belgien).

Feuerwerk aus Schnipseln

Mette Ingvartsen zieht mit Artificial Nature Project das Publikum im Markgrafentheater in einen Sog des Bilderrausches, indem sie im diffusen Dämmerlicht Millionen von kleinen funkelnden Folienschnipseln minutenlang vom Schnürboden regnen lässt. Die sieben Performer auf der Bühne arrangieren und formen dann mit Hilfe von Laubbläsern und den eigenen Händen magische leuchtende Kaskaden, Fontänen und skurrile Luftgebilde. Das Glücksgefühl, das sich beim Betrachten einstellt, ähnelt sehr dem staunenden Beseeltsein angesichts des funkelnden Silvesterhimmels. Ganz nebenbei bewirkt Ingvartsen eine grundlegende Versöhnung mit der sonst verhassten Allzweckwaffe des Hausmeisters: Laubbläser können so poetisch sein.

Poesie des Pragmatismus

Mit Pulling Strings stellt Eva Meyer-Keller ein Projekt aus der Mitte der Theaterarbeit vor. Hier werden originäre Theaterobjekte (Putzeimer, Transport- und Kabelkisten, Utensilien aus der Theaterkantine) aus dem Alltagsleben des Markgrafentheaters Erlangen an dünnen gelben Seilen baumelnd in ein Darstellerleben gezogen. Staubtücher taumeln, Gläser kippen roten Wein auf den Tanzboden, Bohrmaschine und Stichsäge hüpfen, tänzeln und rumpeln am Kabel. Die Performance ist ein fragiles Unternehmen zwischen hochpoetischen Bildern und gelegentlich doch eher banalen Eindrücken. Immer spannend allerdings ist das Arrangieren, Sortieren, Umspannen von Eva Meyer-Keller, das ihren pragmatischen und direkten Umgang mit den Objekten als eigene Künstlerinnen-Strategie fruchtbar macht.

Erinnerungsspuren am Objekt

Nicola Unger rückt mit ihrem Theaterprojekt Unserdeutsch deutsche Kolonialpolitik ins Bewusstsein. Der Stücktitel bezeichnet eine Kreolsprache, die von drei Generationen Deutschpolynesiern entwickelt und gepflegt wurde. Als Lehrerin und Erzählerin bearbeitet die Performerin Yvette Coetzee eine Tafel mit Kreide, mit den Fingern als interaktiven Touchscreen und Projektionsfläche, um die rührenden als auch gewaltsamen Aspekte dieser Kulturaneignung nahezubringen. Wie auf einem Freudschen Wunderblock lassen sich hier die Spuren der Kolonialpolitik als Bestimmungslinien von menschlichem Schicksal und dem Verlust von Identität nachzeichnen.

Theater-Tod der Mensch-Objekte

Mit Miet Warlop und den Brüdern Piet und Jakob Ampe stellt sich dem Publikum eine junge belgische Künstler- und Performerszene vor, die durch anarchistische Spiellust und materielle Radikalität begeistert. Warlops Stück Springville bevölkern surreale Mensch-Objekt-Figuren (Tisch mit Beinen, Karton mit Beinen, Sicherungskasten mit Beinen) die bis auf ein überdimensionales Kartonhaus leere Bühne. Die Darsteller-Objekte stolpern rührend um den richtigen Auftritt bemüht durch das Bühnengeschehen und müssen den Figuren-Tod sterben, nicht ohne durch wiederholtes Funkensprühen, Dampfablassen oder Wassertröpfeln auf das dramatisch gedehnte Vergehen ihrer Lebensmaterialität aufmerksam zu machen. Das Material hat alles gegeben.

Baukastenprinzip

Ampe und Ampe setzen mit ihrem Stücke Jake & Pete’s Big Reconciliation Attempt for the Disputes from the Past gleichermaßen auf die anarchistische Kraft der Begegnung von Körper und Material. Ihr Ausgangspunkt sind hölzerne Kuben, die wie ein Baukastensystem aufeinander gestapelt werden. Die beiden Performer zwängen sich immer wieder in grotesk schräg stehende Baustein-Türme oder verschwinden gar völlig in sorgsam aufgestapelten Wänden. Die Grundstimmung zwischen den Brüdern, aber auch zwischen ihnen und dem Material ist geprägt von spielerischer Experimentierlust und tendenziell aggressivem Wettkampf. Dieses Thema erscheint zunächst auf der Beziehungsebene der Brüder, lässt jedoch auch politische Deutungen in Bezug auf den ‚Brüderkampf‘ zwischen Flamen und Wallonen zu.