Theater der Welt Über die Kunst des Festivalmachens

Matthias Lilienthal
Matthias Lilienthal | Foto (Ausschnitt): © Christian Kleiner

Matthias Lilienthal kuratiert das vom Internationalen Theaterinstitut veranstaltete Festival Theater der Welt. Es findet vom 23. Mai bis zum 8. Juni 2014 in Mannheim statt und zeigt mehr als 30 Theater- und Tanzabende, Performances und Stadtraumprojekte aus der ganzen Welt.

Sie holen Theater aus der ganzen Welt in die Baden-Württembergische Industriestadt Mannheim. Aus Deutschland gibt es Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ in der Inszenierung von Nicolas Stemann. Was erwartet uns in dieser Uraufführung zur Festivaleröffnung?

Ein Klagechor zum großen aktuellen politischen Thema, dem Flüchtlingsdrama vor Lampedusa. Es gibt aber auch andere „Flüchtlinge“ wie den engen Snowden- und Assange-Mitarbeiter Jacob Appelbaum, der direkt vor der Uraufführung der Schutzbefohlenen eine Rede zum Begriff der „Aufklärung” hält. Der hat im Deutschen ja die schöne Ambivalenz, dass er mit dem Aufklärungsbegriff der Klassik, aber auch mit dem des Bundesnachrichtendienstes verbunden ist. Was man dazu wissen sollte: In Berlin gibt es inzwischen ein großes nordamerikanisch-australisches Asyl der Hackerszene. Es sieht so aus, als habe Deutschland aufgrund der geschichtlichen Erfahrung mit der Gestapo und Stasi eine etwas größere Freizügigkeit im Aufenthalt-Gewähren für die von der National Security Agency (NSA) geprägte Exil-Szene. Appelbaum ist in dieser Szene eine zentrale Figur und übrigens der Sohn eines Theaterregisseurs aus San Francisco.

Ansonsten legen Sie Wert auf Länder wie Japan, Brasilien, Chile und den Libanon. Warum gibt es aus diesen Ländern so bemerkenswert viele Produktionen?

Zustande gekommen ist das in einer Mixtur aus Recherche, biografischen Zufällen und der Ahnung, wo es im Moment spannende kulturelle Ballungen gibt. Die Stücke aus Südamerika hat Matthias Pees für uns kuratiert und da ist es so, dass sich eine junge Generation von Regisseuren jetzt mit den beiden zentralen Themen Südamerikas beschäftigt: Den Militärdiktaturen in den 1970er- und 1980er-Jahren und dem Umgang der Länder mit ihren Ureinwohnern. Der Libanon interessiert mich, weil ich nach dem Abitur ein paar Monate in Israel war und mich seither intensiv mit dem mittleren Osten beschäftige. Und in Japan gibt es den Regisseur Toshiki Okada, der sich in Super Premium Soft Double Vanilla Rich mit Convenience Stores in Tokio beschäftigt. Das sind extrem demokratische Orte, weil 90 Prozent aller Tokioter sich mit der U-Bahn durch die Stadt bewegen und diese Geschäfte direkt an den Ausgängen der U-Bahnen liegen. Da begegnet der CEO (Chief Executive Officer) eines Großunternehmens dem Obdachlosen, der sich dort für ein paar Stunden aufwärmt und die Nacht übersteht. Die Japaner können in diesen Stores rund um die Uhr einkaufen, leiden aber immer noch unter Fukushima. Toshiki wird also auch etwas über Energieverschwendung erzählen und er wird in ein extrem choreografisches Theater aufbrechen.

Über den wenigsten der eingeladenen Produktionen steht „Theater“, über den meisten „Performance“. Was hat sich da in den letzten Jahren verändert und sind solche Gattungsbegriffe noch sinnvoll?

Der Fokus hat sich stark vom Begriff Theater in Richtung Performance verschoben. Ich finde aber schon, dass der Schauspieler weiterhin eine Rolle spielt und damit beschäftigt ist, auf der Bühne ein Anderer zu sein. Ein Performer dagegen wird immer sich selbst darstellen und vielleicht auch über diesen Weg des Sich-selbst-Darstellens mit einer Rolle umgehen, er wird die Rolle aber durch das Sein seiner Person jagen. Das gilt übrigens auch für die acht bis elfjährigen Kinder in Philippe Quesnes Next Day, die mit ihren Musikinstrumenten und Horrorstories auf die Bühne kommen.

Warum drängt im Moment alles in Richtung Performance?

Weil Künstler sich unter anderem immer mehr vom geschlossenen Charakter eines Werkes abgrenzen und die Theater diesen Weg mit gehen. Johan Simons zum Beispiel hat an den Münchner Kammerspielen den Abschied vom Stück geschafft. Es gibt dort jetzt neben der Inszenierung von Stücktexten gleichmäßig verteilt Romanadaptionen, Projekte, thematische Abende und Performances. In den Stadttheatern und der internationalen Szene werden die Produktionen immer projekthafter und das Spiel der Schauspieler immer performativer. Natürlich kann man sich da fragen, ob der Begriff Theater überhaupt noch Sinn macht.

Könnte „Theater“ ein Überbegriff für die darstellenden Künste sein?

Es ist ja eher so, dass die Performance sich das Theater einverleibt. Ich fände es schön, wenn man nach einem Festival wie Theater der Welt nicht weiß, was da von wem einverleibt wurde.

Es gibt ja auch viele Überlagerungen von Theater und Performance?

Und von Tanz. Eisa Jocson, Tänzerin und Choreografin aus Manila zum Beispiel hat in Nachtclubs für Männer beobachtet, wie dort getanzt wird. Jetzt reenactet sie das in Macho Dancer mit ihrem schmalen weiblichen Körper, den sie mit Leder und Stiefeln etwas martialischer gestaltet. In den ersten zehn Minuten hörst du so triviale Popsongs, dass du dir die Kugel geben möchtest. Plötzlich entsteht zwischen der aufgeschnappten Choreografie und dem Körper der Tänzerin aber so eine Differenz, dass ein Abend daraus wird. Wir leben in einer hoch entwickelten Kultur, in der wir uns über Filme, Rituale und Unterhaltungsmedien definieren. Wir beziehen uns schon lange nicht mehr nur auf Literatur und literarische Theatertexte. Der Begriff von Theater und Performance verändert sich beständig und auch dann, wenn wir während Theater der Welt acht Autos mit hoch getunten Lautsprechern zu einem Konzert für Subwoofer auffahren. Ähnlich sehe ich das auch beim Tanz, der für mich eine Diskursproduktion über bestimmte Themen ist. Ich bin auf eine angenehm unangenehme Art und Weise nicht in der Lage, im Tanz einen reinen Diskurs von Körperbewegungen zu sehen.

Neben Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ und Okadas „Super Premium Soft Double Vanilla Rich” gibt es mit Philippe Quesnes „Next Day“ und Markus Öhrns „Bis zum Tod“ weitere Uraufführungen. Muss Theater der Welt unbedingt ein Produktionsfestival sein?

Das Festival hat einigermaßen anständig Geld und sollte einige Produktionen auch mit produzieren. Produziere ich solche Uraufführungen, möchte ich natürlich, dass andere Festivalmacher und Journalisten sich die Premiere ansehen und ich freue mich, dass ich mithelfen kann, wenn solche Produktionen überhaupt entstehen.

Würde das Ego des Festivalmachers leiden, wenn das nicht möglich wäre?

Ich bin kein Ego, ich bin ein Patchwork.
 

Theater der Welt
Vom 23. Mai bis 8. Juni 2014 in Mannheim
Ein Festival des Internationalen Theaterinstituts (ITI), ausgerichtet vom Nationaltheater Mannheim, gefördert durch die Stadt Mannheim, die Baden-Württemberg-Stiftung und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.