Künstlerhaus Mousonturm Produktionsort für noch Unbekanntes

„The future will be confusing“ („Die Zukunft wird verwirrend sein“) an der Klinkerfassade des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt
„The future will be confusing“ („Die Zukunft wird verwirrend sein“) an der Klinkerfassade des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt | Foto (Ausschnitt): © Jörg Baumann

Seit 25 Jahren erfinden Theatermacher am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm neue Formen und Formate, verbinden sich mit anderen Sparten, knüpfen Netzwerke und lösen Fäden.

„The future will be confusing“ steht in bunt leuchtenden Neonbuchstaben an der Klinkerfassade des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt, „Die Zukunft wird verwirrend sein“. Ein Plädoyer für den Möglichkeitsraum Zukunft, den es nicht bereits zu besetzen gilt mit Vorstellungen und Prognosen: Und eine doppelte Uneinholbarkeit, denn wir wissen die Zukunft selbst dann nicht, wenn sie eintritt. Wissen entsteht immer retrospektiv, wenn das Ereignis bereits vorüber ist. In dieser Lücke zwischen Wahrnehmen und Verstehen, zwischen Ereignis und Sinnstiftung siedelt sich besonders das flüchtige Theater an.

Tim Etchells Installation Will Be (2012) findet ihre Fortsetzung im Foyer, wo sich die Buchstaben des Satzes ungeordnet über eine Wand streuseln und sein Sinn gänzlich aufgelöst wird. Eine Installation, die paradigmatisch sein soll für die Arbeit des Hauses: Gewissheiten zersetzend, Offenheit einfordernd, sich den Verwirrnissen der Zukunft stellend. Im Laufe seiner nun 25-jährigen Geschichte hat der Mousonturm selbst sich einigen Neujustierungen gestellt, und er positioniert sich immer wieder neu angesichts der sich rasch verändernden, komplexen Realitäten.

Kunst statt Seife

Seit Ende 1988 wird im expressionistischen Verwaltungsturm der ehemaligen Seifenfabrik Mouson Theater gemacht, wie viele freie Spielstätten in Deutschland siedelte sich auch das Künstlerhaus in einem verlassenen Industriegebäude an. Erdacht wurde es von Gründungsintendant Dieter Buroch und Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, denn die sich entwickelnde Freie Theaterszene Frankfurts brauchte einen Ort, an dem sie sich erproben konnte. Bald wurde der Mousonturm auch Partner internationaler Produktionsnetzwerke und zeigte schon früh wichtige Zeitgenossen wie Forced Entertainment, Xavier Le Roy und Jérôme Bel. Von 1998 bis 2003 hatte Christine Peters die Künstlerische Leitung inne, sie arbeitete eng mit Florian Malzacher, Stefan Kaegi und Thomas Frank zusammen. Gemeinsam entwickelten sie ein an gesellschaftlichen wie theoretischen Diskursen interessiertes, neue Formate erprobendes Programm, das spätere Entwicklungen vergleichbarer Häuser vorwegnahm. Und nicht zuletzt begann hier die Arbeit des Regietrios Haug/Kaegi/Wetzel, das später als Rimini Protokoll die Theaterrepublik gründlich aufmischte.

Disziplinübergreifendes Programm

Heute finden am Mousonturm höchst unterschiedliche Künstler und Formate Raum: Das Künstlerduo Herbordt/Mohren zeigt hier regelmäßig seine performativen Installationen, die Theater und Welt nach eigenen Kriterien neu ordnen; das Theatermaschinistinnen-Kollektiv Swoosh Lieu erprobt das Verhältnis von Theater, Technik und politischem Widerstand, andcompan&Co. stellt die Geschichtsschreibung auf der Suche nach dem Utopischen auf den Kopf und das Choreografen-Kollektiv Mamaza erforscht Wahrnehmungsschwellen und Bewegungsweisen. Gemeinsam mit lokalen Institutionen entstehen Kongresse und Symposien, regelmäßig finden im Theatersaal Popkonzerte statt, aber es gibt auch Ausstellungen, beispielsweise des Gedächtniskünstlers Mats Staub. Das 2006 gegründete Tanzlabor 21 fördert die lokale Tanzszene und begleitet sie, als Netzwerk mit zahlreichen Partnern bietet es unter anderem Profitrainings, Workshops, ein biennales Sommerlabor sowie „Tanz in Schulen“-Projekte an.

Ohnehin ist der Mousonturm in zahlreiche regionale, nationale wie internationale Netzwerke eingebunden. So fördert er im Austausch mit der Hessischen Theaterakademie (HTA) – einem Zusammenschluss von Ausbildungsinstitutionen im Theaterbereich – den künstlerischen Nachwuchs. Gemeinsam mit der Forsythe Company, dem Ensemble Modern, der HTA und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst betreibt er das Frankfurt Lab, einen Ort für künstlerische Experimente über Spartengrenzen hinweg. Und seit 2012 ist er Teil des Koproduzenten-Netzwerks Freischwimmer, einem Festival, bei dem Produktionen junger Theatermacher in sechs Städten gezeigt werden.

Zwischen Lokalität und Internationalität

Niels Ewerbeck, der Anfang 2012 die Nachfolge Burochs antrat, ließ den Mousonturm umfassend modernisieren. Doch nur wenige Wochen nach der Wiedereröffnung im September 2013 nahm er sich das Leben. Die Interimsleitung übernahm sein Team – Martina Leitner, Marcus Droß und Martine Dennewald. Im August 2013 begann Matthias Pees als neuer Intendant, ein Dramaturg und Theaterproduzent mit internationalem Hintergrund: In den 1990er-Jahren arbeitete er Dramaturg an der Berliner Volksbühne, sieben Jahre lang produzierte er im brasilianischen São Paulo Theater, bevor er als Leitender Dramaturg zu den Wiener Festwochen ging. Am Mousonturm setzt er auf Kontinuität und leise Veränderung. Kuratieren versteht er als offenen, kollektiven Prozess: „Die Komplexität der Gegenwart lässt sich nicht im Blick eines solitär agierenden Intendanten abbilden.“ Er möchte eine Reihe von Künstlern längerfristig fördern und sie auch an der Programmatik des Hauses beteiligen, zudem soll auch die eurozentrische Perspektive des Kunstbetriebs thematisiert werden: Pees möchte „den Blick des Anderen auf das Eigene zulassen“ und lädt dazu beispielsweise Akira Takayama aus Japan und Dieudonné Niangouna aus der Republik Kongo ein. Mag die Zukunft auch verwirrend sein, Künstlerinnen und Künstler werden neue Mittel und Wege finden, um sie künstlerisch zu bearbeiten, sie zu drehen und zu wenden – und sie auch mal bunt leuchten zu lassen.